Sehen Sie hier eine Andacht von Dekan Walter Jungbauer aus der altkatholischen Kirche.
Wie tief ist der Glaube? Wie tief ist die Beziehung zu Gott? Und was hat das alles mit Musikalität zu tun? Dazu ein paar Gedanken zu diesem 10. Sonntag der Lesereihe A.

Hier die Transkription der Andacht:
Wenn man sehr früh aufsteht, dann, wenn es erst dämmert, die Sonne aber noch nicht richtig über den Horizont blickt, und sich ein wenig Zeit nimmt, um den Himmel zu betrachten, dann kann man manchmal das Phänomen beobachten, welches wir an diesem Sonntag als Bildwort in der Lesung aus dem Buch des Propheten Hosea hören können: leichte, feine Wolken am Himmel des Morgens, die in nichts verwehen, kaum dass die Sonne ein wenig Kraft gewonnen hat. Die Strahlen der Sonne hinterlassen dann einen blank gewischten blauen Himmel, der aussieht, als ob sich dort nie auch nur irgendein Wölkchen hin verirrt hätte. Die Wolken sind verschwunden, genau wie der Morgentau, der von der Sonne aufgezehrt wurde.
Ich erschrecke, wenn ich mir bewusst mache, was Hosea mit diesem Bildwort beschreibt. Er zeichnet ein Bild der Liebe eines in seinem Glauben tief verwurzelten Volkes zu seinem Gott. Flüchtig und fragil scheint dieser Glaube, scheint diese Liebe zu Gott zu sein. Dabei ist es der Glaube eines Volkes, welches sich wohl wie kaum ein zweites Volk auf dem Erdenrund über die eigene Religion, über den eigenen Glauben an Gott definiert. Ein Volk, welches eine sehr enge Verbundenheit mit Gott und untereinander an den Tag legt. Ein Volk, welches sich streng an die Gebote und religiösen Vorschriften hält und nicht von den Traditionen des eigenen Glaubens abweicht. Und solch einem Volk wird zum Vorwurf gemacht, dass es Gott eigentlich gar nicht liebe? Ist die Befolgung der Gebote denn nicht ein Liebeserweis? Und was sollen denn die Schlacht- und Brandopfer, die zur Ehre Gottes dargebracht werden, anders sein als ein Ausdruck der Dankbarkeit gegenüber Gott?
Im Endeffekt spiegelt sich hier ein alter Konflikt rund um das Thema Regeln und Gebote, der wohl die ganze bisherige Geschichte von Religion immer wieder beschäftigt, auch die des Christentums. Auch wir fragen uns sicherlich immer mal wieder, worin sich unser eigener christlicher Glaube erfüllt, welche Regeln hier von uns als unverrückbar verbindlich angesehen werden und was möglicherweise doch eher relativ ist. Erfüllt sich unser Glaube darin, regelmäßig in den Gottesdienst zu gehen und Gott sozusagen diese Zeit am Sonntag zu opfern? Erfüllt er sich darin, die Kirchensteuern oder Kirchenbeiträge zu zahlen, regelmäßig in die Kollekte einzulegen und vielleicht auch darüber hinaus für Brot für die Welt oder für Misereor zu spenden? Oder erfüllt er sich darin, regelmäßig zu beten, vielleicht gar das Stundengebet?
Möglicherweise ertragen wir aufgrund unseres Glaubens sogar den Spott von Mitmenschen, auch von Verwandten, von den eigenen Eltern oder Kindern, oder wir werden mitleidig belächelt, weil wir an etwas glauben, was in den Augen von Nichtglaubenden nur Kinderkram ist. Und dennoch bekommen glaubende Menschen in der ersten Lesung dieses Sonntags vom Propheten Hosea nur kritische Worte zu hören statt ein aufmunterndes „Weiter so, bleibt standhaft und fest in eurem Glauben, bekennt euch zu Gott, auch wenn andere darüber lästern“.
Genauso mögen es auch die Pharisäer empfunden haben, die im Evangelium dieses Sonntags auf Jesus treffen. Sie sind rechtgläubig, halten sich streng an alle Gebote und Vorschriften, geben den zehnten Teil ihres Einkommens ab, glauben mit Sicherheit von Herzen an Gott und bemühen sich wirklich redlich, ein vor Gott gutes und gerechtes Leben zu führen, andere zu ebensolchem Tun anzuleiten und sie den Weg des Glaubens zu lehren. Klar, dass sie sich darüber mokieren, dass Jesus dann mit den Sünderinnen und Sündern, mit den Zöllnern isst, deren Häuser betritt und sich von diesen einladen lässt. Sollte Jesus von Gott sein, müsste er doch viel eher die Gemeinschaft mit ihnen, den Pharisäern, den Rechtgläubigen suchen und halten. Er müsste sich von denen abgrenzen, die ganz offensichtlich in Sünde und in Ablehnung der Glaubensvorschriften leben, die nichts mit Religion am Hut haben wollen.
Vielleicht sind die Pharisäer schon regelrecht beleidigt, dass Jesus sie im Gegensatz zu denen, mit denen er sich nach den Berichten der Evangelien umgibt, schon fast links liegen lässt. Und schon fast logisch, dass sie schließlich zu dem Schluss kommen, dass dieser Jesus von Nazareth eigentlich nicht von Gott kommen oder in göttlichem Auftrag handeln kann. Ist das nicht eine verständliche Haltung? Wie würden wir wohl damit umgehen, wenn Jesus käme? Wäre er heute eher in Kneipen und Spelunken, im Rotlichtbezirk, in den Elendsvierteln oder bei Obdachlosen unter den Brücken zu finden als in unseren Kirchen? Wären wir darüber wohl eher beleidigt oder beschämt?
Wir alle führen vermutlich im landläufigen Sinne ein christliches Leben und verkünden nach unseren Möglichkeiten das Evangelium und Jesus Christus. Aber vielleicht gelingt es doch immer noch zu selten, wenigstens einige wenige Takte der Melodie erklingen zu lassen, die sich hinter der Partitur der Buchstaben der Evangelien verbirgt – der Melodie von Liebe, von Friedfertigkeit und von Barmherzigkeit. Mit dem Neuen Testament der Bibel haben wir seit Jahrhunderten Partituren, die wir nun mit dem Instrument unseres Lebens zum Klingen bringen können, mit den Schriften des ersten, des sogenannten Alten Testamentes, sogar noch einige Zeit länger. Diese Partituren sind in ihrer ganzen Fülle und Attraktivität, die den vollen Genuss des Musikstücks erschließen und die Zuhörenden träumen lassen würden von einer anderen Welt in dieser Welt, immer wieder mal von Musikvirtuosinnen und Musikvirtuosen gespielt worden. Leider waren sie bislang in der christlichen Geschichte eher selten. Solch musikalisch virtuos begabte Menschen werden im traditionellen Sinne meist Heilige genannt.
Der Buchstabe der Schrift, auch der Heiligen Schrift, ist erstmal nur ein schwarzer Klecks auf weißem Papier. Für Menschen, welche die Bibel nur mit den Augen und nicht mit dem Herzen lesen, sind diese Kleckse möglicherweise genauso unverständlich wie eine Partitur für jemanden, der keine Noten lesen, geschweige denn ein Instrument spielen kann. Abstruse Zeichen, scheinbar wild verteilt auf Pergament, nicht relevant für das Leben. So ist es mit der Schrift, mit religiösen Geboten und Festen, mit der gesamten christlichen Tradition. Das alles sind nur nichtssagende Gewohnheiten, stummbleibende Zeichen, wenn sie nur als regelmäßig wiederkehrendes Ritual gelebt und erlebt werden. Außenstehende werden solche unlebendigen Rituale nicht anziehen und auch nicht begeistern.
Bei der Partitur kann der Unkundige nur dann einen Begriff von den Noten und dem darin verborgenen Musikstück bekommen, wenn die Tonzeichen durch ein Instrument zum Klingen gebracht werden. Genauso bekommt die Welt immer nur dann einen Begriff vom Evangelium, wenn wir die frohe Botschaft in unserem persönlichen Leben und Arbeiten, in unserem ganz normalen Alltag lebendig werden lassen, wenn in unserem Tun die Liebe Gottes zu den Menschen spürbar wird. Wir müssen dabei nicht mit der gleichen Virtuosität musizieren, wie es von vielen Heiligen erzählt wird, aber wir alle haben doch von Gott zumindest die Fähigkeit bekommen, mindestens eines der Instrumente des Gottesreiches zu spielen und dadurch das Evangelium zum Klingen zu bringen. Und das Orchester dieser Instrumente kann eine neue Zeit verkünden. Denn die Botschaft von Jesus Christus allein und deren Verkündigung oder der Dialog mit Gott, das Gebet und auch jeder noch so schöne Gottesdienst sind ohne den Klang von Liebe und Barmherzigkeit, der in uns entstehen müsste, lediglich absurdes Theater ohne lebens- und überlebensrelevante Bedeutung. Wenn wir unseren Glauben ernst nehmen, können wir die Hände nicht mehr nur gefaltet im Schoß belassen.
„Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer.“ Die Feier des Gottesdienstes, das persönliche Gebet und der Glaube sind wichtig. Aus ihnen ziehen wir unsere Kraft. Hier dürfen wir die Nähe und den Beistand Gottes erfahren, hier können wir uns und unsere Sorgen fallen lassen in die Hände Gottes. Aber all das ersetzt nicht die gerechte Tat im Alltag, sondern begründet sie. Wir sind durch unseren Glauben gerufen, die Strukturen dieser Welt durch unser Mittun so zu verändern, dass eine gerechtere, friedvollere und lebenswertere Welt entsteht. Die Melodie der frohen Botschaft soll überall auf der Erde hörbar und konkret spürbar werden und das Angesicht der Welt verändern.
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