
Das Echo der Explosionen in den Bergen des Alborz-Gebirges ist bis ins Berliner Kanzleramt zu hören, wo Friedrich Merz nun vor einer der größten diplomatischen Zerreißproben seiner noch jungen Amtszeit steht. Während die Welt gebannt auf die Trümmer des Regimes in Teheran blickt, ist der deutsche Kanzler sichtlich bemüht, die Scherben der geopolitischen Vernunft zusammenzusammeln. Dass ein Krieg gegen den Iran „schnell beendet“ werden müsse, weil er „niemandem nütze“, klingt in der Theorie nach klassischer Staatskunst. Doch die Realität zwischen Washington, Jerusalem und Kyjiw ist, wie so oft, deutlich weniger kooperativ.
Der Berliner Balanceakt und das Schweigen im Walde
In der deutschen Hauptstadt herrscht eine Mischung aus strategischer Besorgnis und moralischem Unbehagen. Die Süddeutsche Zeitung berichtet von einer „Skeptischen Solidarität“, bei der die Bundesregierung zwar vorab über die Angriffe der USA und Israels informiert war, sich nun aber händringend um eine Deeskalationsstrategie bemüht. Dass Merz in seinem Statement laut Tagesspiegel davor warnt, der Plan könne nicht aufgehen, zeigt das tief sitzende Trauma vergangener Interventionen wie in Libyen oder im Irak.
Theologisch betrachtet ist dieser Ruf nach einem schnellen Ende fast schon rührend – eine Art „Verantwortungspazifismus“, wie ihn der frühere Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm im Magazin chrismon (via Sonntagsblatt) skizziert. Es ist die Hoffnung, dass sich das Böse mit chirurgischer Präzision entfernen lässt, ohne dass der Patient an der anschließenden Sepsis stirbt. In den Kommentarspalten der Zeit wird derweilen trocken angemerkt, dass die Glaubwürdigkeit des Völkerrechts ohnehin längst im Keller archiviert wurde, direkt neben den Akten zum Klimaschutz. Während die FAZ vor allem die schwindende Energiesicherheit und die sprunghaft steigenden Ölpreise im Blick hat, bleibt der ethische Kern des Problems: Kann ein „gerechter Krieg“ überhaupt schnell sein, oder ist „schnell“ in diesem Kontext nur ein Euphemismus für „hoffentlich schauen wir nicht zu genau hin“?
Washingtons langer Atem und die göttliche Vorsehung
Jenseits des Atlantiks sieht die Weltlage gewohnt großflächiger aus. US-Präsident Trump signalisierte laut der New York Times, dass man für einen „langen Krieg“ bereit sei – „Whatever it takes“. Hier prallt die deutsche Sehnsucht nach einem schnellen Abschluss auf das amerikanische Narrativ der finalen Lösung einer jahrzehntelangen Bedrohung. Das Wall Street Journal berichtet jedoch bereits von nervösen Beratern im Weißen Haus, die angesichts des Ölpreisschocks nach einer Exit-Strategie suchen, während das Pentagon laut CNN noch nicht einmal Evakuierungspläne für gestrandete US-Bürger in der Region vorweisen kann.
Ethisch gesehen wird die Lage in den USA beinahe metaphysisch. Während die taz süffisant auf US-Evangelikale verweist, die den Konflikt als eine Art „Endzeit-Event“ und notwendigen Kreuzzug für Israel feiern, mahnt der Generalsekretär der Evangelischen Allianz laut IDEA, den Krieg bloß nicht endzeitlich zu deuten. Es hat schon eine gewisse Ironie: Wenn der Plan scheitert, war es wahlweise eine „Fehleinschätzung der Geheimdienste“ (so die New York Times) oder eben schlicht „Gottes Wille“. Humor ist, wenn man trotzdem betet, während die US-Wirtschaft laut Wall Street Journal durch massive Entnahmen aus Pensionsfonds bereits erste Risse zeigt.
Die Frontlinie in Israel und das Schicksal von Kyjiw
Für Israel ist dieser Konflikt keine strategische Option, sondern eine Existenzfrage. Die Jerusalem Post meldet, dass die Sorge um die persönliche Sicherheit in der Bevölkerung sprunghaft auf 45% angestiegen ist, seit iranische Raketen Gebiete nahe Tel Aviv getroffen haben. Während die Operation „Roaring Lion“ laut Times of Israel darauf abzielt, die iranische Fähigkeit zur regionalen Instabilität dauerhaft zu brechen, warnt Haaretz vor der Illusion eines schnellen Sieges. Das Regime in Teheran mag seinen Kopf verloren haben, aber die Ideologie des Widerstands sitzt tief. Hier zeigt sich das theologische Dilemma in seiner reinsten Form: Der Kampf gegen das „finstere Regime“ wird zur moralischen Pflicht erhoben, auch wenn der Preis dafür die eigene Ruhe ist.
Interessanterweise blickt man in Kyjiw mit einer ganz eigenen Mischung aus Hoffnung und Angst auf den Nahen Osten. Das Nachrichtenportal Ukrinform berichtet über die bestätigte militärische Kooperation zwischen Teheran und Moskau, was den Iran-Krieg für die Ukraine zu einer Art Zweitfront macht. Jede in Persien vernichtete „Shahed“-Drohne ist eine Drohne weniger, die auf Kyjiw zufliegt. Doch die Kyiv Post warnt bereits davor, dass der Kreml die US-Strikes nutzt, um Washingtons Rolle als neutraler Vermittler in der Ukraine zu untergraben. Laut NV (New Voice of Ukraine) und dem Kyiv Independent besteht die größte Gefahr darin, dass die Weltöffentlichkeit die Ukraine schlicht vergisst, weil im Nahen Osten die spektakuläreren Feuerwerke abgebrannt werden.
Es bleibt die trockene Erkenntnis, dass Friedrich Merz zwar recht hat – dieser Krieg schadet fast allen –, aber in einer Welt, in der manche Akteure das Chaos als göttliche Fügung oder geopolitische Chance begreifen, ist „Vernunft“ leider ein Exportgut mit sehr geringer Nachfrage.
Verwendete Quellen:
- Deutschland: Süddeutsche Zeitung (SZ), Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), Tagesspiegel, Die Zeit, Sonntagsblatt (epd).
- USA: New York Times (NYT), Wall Street Journal (WSJ), CNN, The Hill.
- Israel: The Jerusalem Post, Haaretz, Times of Israel, Ynetnews.
- Ukraine: Kyiv Post, Ukrinform, NV (New Voice of Ukraine), The Kyiv Independent.



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