Böse sein: Eine Frage der Herkunft oder der Entscheidung?

Ach ja, das Böse. Ein Thema, so alt wie die Menschheit selbst. Schon in den antiken Mythen wimmelte es nur so von Dämonen, die Unheil stifteten, und Helden, die das Gute verteidigten. Aber mal ehrlich, ist ein Mensch wirklich von Geburt an böse, nur weil er zufällig in eine bestimmte Sippe hineingeboren wurde oder seine Vorfahren aus einem Land kamen, wo man angeblich so oder so ist? Oder ist es nicht vielmehr so, dass das Böse eine bewusste Entscheidung ist, ein freier Fall in den Abgrund der Misanthropie?

Die naive Vorstellung vom „angeborenen Bösen“

Manche Zeitgenossen scheinen tatsächlich zu glauben, dass das Böse im Blut liegt. So nach dem Motto: „Der ist halt so, weil seine ganze Familie schon immer so war.“ Ein bequemer Gedanke, oder? Man muss sich nicht mit den komplexen Motiven auseinandersetzen, die einen Menschen zu schrecklichen Taten treiben. Man stempelt einfach eine ganze Gruppe ab und hat seine Ruhe. Platon, der alte Grieche mit der Vorliebe für Höhlengleichnisse, würde sich im Grabe umdrehen. Für ihn war das Böse primär ein Mangel an Wissen oder eine Verirrung der Seele. Niemand tut wissentlich Böses, so seine Überzeugung. Wenn jemand Böses tut, dann nur, weil er irrtümlich glaubt, dass es gut für ihn sei. Eine nette Vorstellung, fast schon rührend naiv, wenn man bedenkt, was die Menschheit so alles angerichtet hat. Aber immerhin: Er hat das Böse nicht an der Geburtsurkunde festgemacht.

Die wahre Quelle des Bösen: Eine Entscheidung!

Kommen wir zur eigentlichen Pointe: Ein Mensch ist nicht böse, weil er einer gewissen Gruppe angehört oder eine gewisse Herkunft hat. Das wäre ja auch der Gipfel der Ungerechtigkeit. Stellen Sie sich vor, Sie werden geboren und schon klebt das Etikett „Bösewicht“ an Ihnen, nur weil Ihr Urgroßvater mal einen Keks geklaut hat. Nein, das Böse ist eine Wahl. Eine bewusste Entscheidung, das Gute nicht zu tun und stattdessen dem dunklen Pfad zu folgen.

Hier kommt Immanuel Kant ins Spiel, der preußische Denker, der uns mit seinem kategorischen Imperativ das Leben (und die Moral) schwer gemacht hat. Für Kant ist der gute Wille das einzige, was uneingeschränkt gut ist. Eine Handlung ist moralisch, wenn sie aus Pflicht geschieht und nicht aus Neigung oder Eigennutz. Das Böse wäre demnach eine Missachtung der Pflicht, eine Verletzung des moralischen Gesetzes, das jeder vernünftige Mensch in sich trägt. Wenn jemand Böses tut, dann, so Kant, hat er sich entschieden, seine eigenen Maximen nicht auf die Probe des universellen Gesetzes zu stellen. Er hat sich entschieden, seine eigenen Interessen über die Rechte anderer zu stellen.

Wenn die eigenen Rechte explodieren: Das ist das Böse

Und genau da liegt der Hund begraben, meine Damen und Herren: Das Böse ist, wenn jemand seine eigenen Rechte größer einschätzt als die Rechte des Mitmenschen. Es ist diese selbstgefällige Arroganz, die glaubt, man stünde über allem. Der Typ, der im Stau die Rettungsgasse blockiert, weil er ja so furchtbar wichtig ist und keine Sekunde verlieren darf. Die Managerin, die Mitarbeiter ausbeutet, um ihre Boni zu maximieren, weil ihr Gewinn wichtiger ist als deren Würde. Oder, um es noch drastischer zu sagen, der Diktator, der ganze Völker unterdrückt, weil seine Machtansprüche größer sind als das Recht auf Freiheit seiner Untertanen. Hannah Arendt, die scharfsinnige Beobachterin der totalitären Systeme, sprach von der „Banalität des Bösen“. Sie zeigte, wie Eichmann, der die Deportation von Millionen Juden organisierte, kein sadistisches Monster war, sondern ein Bürokrat, der einfach nur seine Arbeit erledigte, ohne die moralischen Konsequenzen seiner Handlungen zu reflektieren. Er entschied sich, die Regeln des Systems über die Rechte der Menschen zu stellen. Eine erschreckende Form der Entscheidung zum Bösen, nicht wahr?

Das Böse ist eine Wahl – und wir haben alle eine

Also, vergessen wir den Unsinn von der „angeborenen Bösartigkeit“. Das ist eine bequeme Ausrede für alle, die sich vor der Verantwortung drücken wollen. Das Böse ist eine Entscheidung, eine aktive Wahl, die eigenen Bedürfnisse und Rechte über die Rechte und das Wohlergehen der anderen zu stellen. Und da wir alle die Fähigkeit zur Entscheidung haben, haben wir auch alle die Wahl – jeden Tag aufs Neue – ob wir uns dem Guten zuwenden oder dem Bösen nachgeben.

In diesem Sinne: Wählen Sie weise. Oder riskieren Sie, als der Typ in die Geschichte einzugehen, der seine Karre in der Rettungsgasse geparkt hat.


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