
Im Juni und Juli findet in Nordamerika die Fußballweltmeisterschaft statt. Anlass für eine weitere Intervention in Sachen Religion und Sport.
Ich hatte schon im Frühjahr anlässlich der Olympischen und Paralympischen Winterspiele über den quasireligiösen Charakter sportlicher Großereignisse nachgedacht. Nun also geht es im Sommer weiter, bei der Fußballweltmeisterschaft.
Denn: Am deutlichsten wird der Charakter des Sports als Ersatzreligion – mit allem, was dazugehört – sicherlich im Fußball. Begonnen hat es spätestens mit Hans Zimmermann, der Nationaltorwart Toni Turek in seiner Radioreportage des WM-Endspiels von 1954 kurz hintereinander „Teufelskerl“ und „Fußballgott“ nannte. Die noch nicht an die Vergötzung von Show- und Sportgrößen gewöhnte Öffentlichkeit reagierte verstört, die Kirche protestierte. Der Sender bat um Entschuldigung. Heute ist die Rede von „Fußballgöttern“ an jedem Wochenende in jedem x-beliebigen Stadion präsent. Niemand, der sich aufregt.
Im Fußballsport finden sich zudem in Ritus und Gestus zahlreiche Anspielungen auf religiösen Kult. Vereine spreizen sich zu quasireligiösen Gemeinschaften auf, erfassen die Totalität der Lebensvollzüge (es gibt Menschen, die schlafen in Schalke-Bettwäsche), verknüpft mit der Hoffnung auf Heil („Und wir hooo-len den Pooo-kal, hal-le-luuu-ja“), die sich wiederum an das Aufscheinen besonderer Gnade bindet („Flankengott“), deren Manifestation sich manchmal bereits qua nomine aufdrängt (Götze und Messi[as]). Spieler werden vergöttert oder haben es zumindest zeitweilig bis zur engelsgleichen „Lichtgestalt“ (Franz Beckenbauer) gebracht. Der Ritus der Siegerehrungen trägt deutliche Spuren des Religiösen, wenn im Konfettiregen der gewonnene Pokal in die Höhe gestemmt wird – ein Gestus, der an die Elevation des Kelches während der Eucharistiefeier erinnert, oder an das Heben der Monstranz zum Sakramentalen Segen. All dies sind punktuelle Beispiele für metaphorische und allegorische Anleihen des Fußballs bei der christlichen Religion. Basis der Quasireligiosität ist jedoch die ganz ähnliche Organisationsstruktur des Kults: der Fußball hat weltumspannenden Gemeinschaftscharakter. Wie die Kirche.
Sportphilosoph Gebauer hat ein Buch über den Fußball geschrieben, in dem er diesen aus anthropologischer Sicht deutet, Titel: „Das Leben in 90 Minuten“. Darin zeigt sich auch die intrinsische Religiosität des Fußballs, die es verlockend macht, ihn konsequenterweise auch gleich zur Ersatzreligion zu erheben. Deutlich wird dies für Gebauer an der Schicksalhaftigkeit des Spiels, etwa bei Toren in letzter Minute: „Mit einem Schlag wird für die Spieler und ihre Anhänger die ganze Schutzlosigkeit des Menschen präsent. Es ist ein tragischer Blick in die Abgründe der menschlichen Existenz“. Hinzu kommt der Bruch mit der Alltagswelt, auch etwas, das Typisch ist für Religion: „In Zeit und Raum grenzt sich das rituelle Geschehen des Fußballs von der Alltagswelt ab“, wobei „die serielle Erregung der Fußballspiele“ die „Alltäglichkeit der Arbeitswoche überlagert“. Die Folge, so Gebauer: „Die Routine des Lebens wird von einem Fest in Permanenz eingerahmt“.
Die Dimension des Fußballs als Ersatzreligion zeigt sich immer da, wo ohnehin eine ausgeprägte Religiosität und Frömmigkeit kulturell stark verwurzelt ist. Und: Um wirklich aus dem Fußball eine Religion zu machen, braucht es Wissen über beides – Fußball und Religion. Vor allem aber Liebe – zu beidem. Das findet man vor allem in Südamerika.
Zum Beispiel: Maradona
In Argentinien haben die Fans ernst gemacht mit der Vergötzung Diego Armando Maradonas. „El Diego“ ist für viele ein Heiliger, ja – in Anspielung auf seine Rückennummer 10 – sogar ein „D10S“ (zu deutsch: „Gott“). 2006 ist der Film „Maradona – La mano de Dios“ erschienen, eine Anspielung auf die Äußerung Maradonas nach einem Handspiel im WM-Viertelfinale gegen England 1986, es sei „die Hand Gottes“ im Spiel gewesen, nicht seine Hand. Doch wo ist da schon der Unterschied?, fragen seine Fans. Sie haben ihm keine Kirche geweiht, sondern gleich eine Kirche gegründet, die Iglesia Maradoniana, deren etwa 40.000 Anhänger an Maradonas Geburtstag „Weihnachten“ feiern. Das ist zwar auch eine Parodie auf den Medien-Hype um Maradona, doch so ganz aus der Luft gegriffen ist das Phänomen der devoten Verehrung nicht: In Maradona berühren sich die Sphären des südamerikanischen Selbstverständnisses – eine tiefe Religiosität und eine fanatische Fußballbegeisterung. Nur wenn beides zusammenkommt, können Fußball und Religion zur „Quasireligion Fußball“ verschmelzen.
Die Rolle der Organisationen
Die schier allmächtigen Spitzenverbände, die FIFA und das IOC, sind seit Jahren in Sachen Religion auf einer Linie: Globale Großveranstaltungen, seien es Olympische Spiele wie jetzt in Südkorea oder Fußballweltmeisterschaften wie im Sommer in Russland, sind bekundungs- und bekenntnisfrei abzuhalten, weil sie selbst voll Bekundung und Bekenntnis sind. Das ergibt im Sendungsbewusstsein der Spitzenfunktionäre Sinn, die mit ihren Events quasireligiöse Surrogate eines entschwundenen kollektiven Gefühls für das „Höhere“ und „Erhabene“ anbieten wollen. Mit Ergänzung ist man also nicht mehr zufrieden, man will Ersatz. Der Sport beansprucht das Monopol in Sachen Sinnstiftung und beißt die Konkurrenzreligionen weg. Aus Gründen der Neutralität.
Das IOC hat dabei einen großen Vorteil: Olympia kann an tradierte Formen anknüpfen, baut auf die Kontinuität des ewig gleichen einer Eröffnungsfeier. Eine solche Symbolkraft hat der Fußball nicht. Er muss „von Null“ zum Religionsersatz schlechthin aufgebaut werden. Die Chancen dafür hielt der ehemalige FIFA-Chef Joseph Blatter höchstpersönlich für recht gut: „Fußball ist mehr als eine Religion, mehr als alle Religionen zusammen“. Unter diesen Umständen und mit diesem Selbstverständnis tun IOC und FIFA Niemandem weh, wenn sie die Freiheit zur Ausübungen jeder anderen Religion untersagen, einer Religion, die nicht „Olympia“, die nicht „Fußball“ ist, denn: Alle anderen Religionen sind angesichts der Überlegenheit der „Ersatzreligion Sport“ nicht mehr nötig. Meint man zumindest.
Josef Bordat



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