Die Zerstörung der Nord Streams. Cui Bono ?

Wer hat vor ein paar Tagen durch große Detonationen die deutsch-russischen Gaspipelines Nord Stream 1 und Nord Stream 2 in der Ostsee zerstört?

Alle, die in Frage kommen, hätten gewisse Vorteile dadurch, alle hätten gewisse Nachteile, aber einem war das egal.

War es die NATO oder waren es NATO-Staaten? War es Russland selbst?

Schauen wir uns zuerst einmal Staaten an, die ein Interesse an der Zerstörung dieser Pipelines haben könnten. Die Ukraine, Polen und die USA waren strikt gegen diese Pipelines, weil sie darin bereits die durch Putin angelegte Erpressung erkannt hatten.

Die Ukraine scheidet aber faktisch aus, weil mit Beginn des russischen Angriffskriegs die gesamte ukrainische Flotte zerstört worden ist. Selbst, wenn sie das nicht wäre, wäre es ein Ding der Unmöglichkeit für einzelne Schiffe, die ukrainische Küste und das Schwarze Meer zu verlassen, dann hindurch durch das Mittelmeer, den Atlantik und die Nordsee zu fahren bis in die Ostsee.

Polen besitzt eine eigene Marine mit Zugang zur Ostsee, ist aber in besonderem Maße auf die Rückendeckung durch die NATO angewiesen. Aus diesem Grund dürfte Polen kaum einen Alleingang in dieser Hinsicht zu wagen versuchen, weil bei einer Enttarnung eines derartigen Vorhabens die politischen Zerwürfnisse innerhalb von NATO-Ländern sehr groß sein könnten.

Deutschland verfügt ebenfalls über eine Marine und Zugang zur Ostsee, aber es gelten dieselben Gedanken wie für Polen.

Ähnlich sieht es auch mit den USA aus. Die NATO ist durch den russischen Angriffskrieg zusammengeschweißt und vereinter den je, ein false-flag-Kommando, ein verdeckter Angriff durch NATO-Staaten auf die Pipelines, könnte jedoch, wenn er enttarnt werden würde, einerseits einen russischen Angriff hervorrufen, zum anderen den Zusammenhalt der NATO stark gefährden.

Nun könnten beispielsweise die USA und Deutschland, es ist ja eine deutsch-russische Pipeline, im Geheimen kooperiert und diesen Coup eingefädelt haben. Die Gefahren wären jedoch hoch, wie eben erwähnt. Und gerade in Deutschland ist es schwer vorstellbar, dass irgendein Politiker in geheimen Ausschüssen ein derartiges Vorgehen genehmigt haben könnte, weil zum Einen die deutschen Politiker insgesamt bisher zögerlich und vorsichtig agieren, weil aber auch zum Anderen in Deutschland alles durch verschiedene Ausschüsse hindurchgehen muss. Der Alleingang eines Politikers oder einer kleinen Gruppe von Politikern in Deutschland würde bewirken, dass diese Gruppe, sollte ein solcher Coup aufliegen, mit beiden Beinen im Gefängnis stünden. Und das Durchlaufen verschiedener Ausschüsse hingegen hätte immer die Gefahr, dass die Geheimhaltung nicht garantiert werden könnte

Mit den militärischen Mitteln und denen des US-Geheimdienstes könnte man sich ein derartiges Vorgehen leichter vorstellen, allerdings wäre auch hier die Gefahr, dass die Sache irgendwann auffliegt und der politische Schaden immens wäre. In den USA kennt man seit Chelsea Manning und Edward Snowden die Gefahr von Whistleblowern nur allzu gut. Eine versteckte Wahrheit kann allzu leicht ans Licht kommen. Und überhaupt: Wozu das Ganze eigentlich?

Eine Antwort wäre, dass die Zerstörung der Pipelines die Antwort auf die derzeit stattfindende völkerrechtswidrige russische Annexion weiterer Gebiete im Osten der Ukraine wäre, eine Antwort, die allerdings auf keinen staatlichen Akteur zurückzuführen wäre, weil man nicht weiß, wer dahinter steckt. Und so dürfte das auch bleiben, wenn die Sache gut gemacht worden ist, wovon man ausgehen darf. Es ist wahrscheinlich, dass wir auch in Zukunft nie wissen werden, wir für die Zerstörung dieser Pipelines verantwortlich war.

Andererseits wäre aus westlicher Sicht und von Seiten der NATO und den USA her die Zerstörung dieser Pipelines überhaupt nicht nötig gewesen. Der Nutzen wäre gering, der mögliche Schaden immens. Die gesamte Architektur und der politische Zusammenhalt der NATO-Staaten könnte nämlich durch eine solche Aktion stark ins Wanken geraten. Und wozu? Nur, um zwei Pipelines zu zerstören, die ohnehin stillgelegt sind.

Allerdings markiert die Zerstörung der beiden Pipelines, die vermutlich so bewerkstelligt wurde, dass diese Pipelines bis auf weiteres nie mehr in Einsatz kommen, eine Zäsur. Die Zäsur bedeutet: Es wird nie wieder russisches Gas über diese Pipelines nach Europa fließen, es wird im Umkehrschluss auch nie wieder europäisches und westliches Geld als Devisen dafür nach Russland fließen. Durch die Zerstörung dieser Pipelines ist Russland ein sehr großer Teil seiner Einkünfte aus dem Export von Erdgas weggebrochen.

Allerdings hat Putin die Pipeline Nord Stream 1 selbst abgeschaltet. Seit Wochen schon fließt dort kein russisches Gas mehr hindurch. Nord Stream 2 war noch nie aktiv, die Pipeline erhielt von der EU keine Zertifizierung, was eine Reaktion auf den völkerrechtswidrigen russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine war.

Nun bedeutet die Zerstörung beider Pipelines, dass auch im Laufe der folgenden Jahre die Möglichkeit überhaupt nicht mehr besteht, dort wieder russisches Gas hindurchfließen zu lassen. Selbst, wenn Politiker aus der EU im Laufe der Zeit weich werden und sich dafür einsetzen würden, man müsse doch mit Russland wieder in Kontakt treten und es spreche doch gar nichts dagegen, schönes billiges russisches Gas zu importieren, ist einer solchen politischen Entwicklung nun endgültig ein fester Riegel vorgeschoben.

Allerdings muss man sagen, dass wohl innerhalb der nächsten 10 Jahre und auch darüber hinaus, also in der Zeit, in der Russland sicherlich als militärischer Gegner wahrgenommen werden dürfte und gegen den es sich zu rüsten gilt, derartige politische Stimmen wohl nicht durchdringen würden.

Insofern wäre für westliche Staaten und für NATO-Staaten nicht viel zu holen gewesen durch eine derartige Aktion. Es würde sich höchstens um ein symbolisches Statement handeln, aber praktische Auswirkungen hätte die Zerstörung der beiden Nordstreams nicht, sondern würde höchstens große Gefahren für den Zusammenhalt der NATO-Länder besitzen. Das ist dann wohl auch der entscheidende Punkt, weshalb NATO-Länder und auch andere westliche Demokratien diesen Vorfall nicht organisiert haben dürften.

Wie schaut es mit nichtstaatlichen Akteuren aus? Angenommen, Menschen mit sehr viel Geld würden sich vielleicht zusammenschließen, mit ihren Yachten in die Nähe von Nord Stream 2 fahren, zuvor kleine Tauchroboter oder U-Boote anmieten oder gegebenenfalls auch Taucher beschäftigen, wären sie in der Lage, eine solche Havarie zu bewerkstelligen? Sie bräuchten sicherlich noch Verbindungen zum Militär, was sich aus den oben erwähnten Gründen in Bezug auf die NATO und weitere westliche Staaten, die einerseits auf den Zusammenhalt der NATO, andererseits auf dem Zusammenhalt der westlichen Demokratien insgesamt, angewiesen sind, von selbst verbietet. Es dürfte schwer sein, für Privatpersonen an der Art große Mengen von Sprengstoff und Equipment zu kommen, die für die Sprengung der Pipelines wohl nötig sind. Zudem dürfte es privaten Akteuren schwer fallen, eine solche Aktion geheim zu halten.

Aus diesen Gründen ist es äußerst unwahrscheinlich, dass die Sprengungen durch die NATO, durch NATO-Staaten oder durch westliche Demokratien vorgenommen wurden. Der Nutzen wäre gering, der potentielle Schaden sehr groß.

Bleibt also noch Russland. Hätte Russland an dieser Sache ein Interesse?

Einerseits nein. Denn Russland ist in starkem Maße von den Devisen abhängig, welches es durch den Export seiner Rohstoffe erhältt. Andererseits agiert Putin seit Kriegsbeginn nicht objektiv rational, sondern ideologisch rational, was bedeutet, dass innerhalb seines ideologischen Denkens Denkprozesse wohl rational von A nach B führen dürften, für einen objektiven außenstehenden Betrachter aber wenig Sinn ergeben.

Putin selbst hatte vor vielen Wochen Nord Stream 1 komplett abgeschaltet und merkte, dass Energie in dieser Hinsicht von ihm nicht mehr als Waffe verwendet werden konnte. Es war nämlich nur eine Frage der Zeit, bis aus dem Westen kein Erdgas mehr importiert werden würde. Es wäre vielleicht noch ein Zeitraum weniger Jahre gewesen, aber dann wäre Nord Stream 1 am Ende gewesen. Dazu kommen die westlichen Sanktionen, welche Russland hart treffen.

Objektiv rational macht der ganze völkerrechtswidrige Angriffskrieg Putins und Russlands auf die Ukraine keinen Sinn. Und in derselben Weise macht es keinen Sinn, dass Russland Nord Stream 1 abschaltet, weil es doch eigentlich die westlichen Devisen benötigt. Es hat Nord Stream 1 aber abgeschaltet, weil Putin dies aus ideologischen Gründen wollte. Wirtschaftlich und objektiv rational sind diese Gründe nicht.

Und so steht nun zu vermuten, dass es doch Putin gewesen sein könnte, der hier ein Statement formulieren wollte: Der „verweichlichte“ Westen werde kein russisches Erdgas mehr bekommen, auch in einer Zeit nach Putin nicht mehr. Putin wollte hier womöglich der Entwicklung, die zwangsläufig gekommen wäre, vorgreifen, um selbst der handelnde Akteur zu sein. Wirtschaftlich macht das wenig Sinn für Russland, wirtschaftlich macht aber auch der Angriffskrieg wenig Sinn. Er macht nur in Putins Ideologie Sinn. Die Zerstörung der beiden Nordstreams hätte aber wohl in Putins Logik noch ein weiteres Plus, nämlich dass der Westen verunsichert wäre: Es könnte ja nun sein, dass auch an anderen Teilen der kritischen Infrastruktur in westlichen Ländern plötzlich irgendetwas explodiert. Des weiteren könnte Putin die Zerstörung der Pipelines nutzen, um das Narrativ zu installieren, der Westen habe diese Zerstörungen verursacht. Daraus könnte Putin einen Grund für einen russischen Angriff auf den Westen konstruieren.

Da Putins System ein System ist, das davon lebt, Angst und Unsicherheit zu schaffen, und das zudem derzeit nicht wirtschaftlich denkt, sondern ideologisch, dürfte dieser Anschlag also ganz gut auf Putins Seite zu verorten sein: Die Wahrscheinlichkeit ist daher hoch, es war Putin.

2 Gedanken zu “Die Zerstörung der Nord Streams. Cui Bono ?

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