Religiosität und Kirchlichkeit
„Die Menschen sind offen für den Glauben an Gott, aber sie sehen die Kirchen offensichtlich immer weniger als Begleiter in Glaubensfragen. Dass sich viele Menschen von ihnen abwenden, muss die Kirchen nachdenklich machen.“ So kommentierte Hermann Binkert, Leiter des Instituts für neue soziale Antworten (INSA) in Erfurt das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage zum Glauben der Deutschen gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur idea.
In der Tat: Wenn es in Deutschland 33 Prozent Konfessionslose gibt, von denen sich aber nur etwa jeder Dritte ausdrücklich als Atheist versteht, dann muss die Frage erlaubt sein, wieso es weder der Evangelischen, noch der Katholischen Kirche gelingt, die zwei Drittel zu erreichen, die dem Glauben an Gott durchaus offen gegenüberstehen.
Die Studie, die nach Ansicht des Leiters der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW), Pfarrer Reinhard Hempelmann, eine Reihe von Trends der Religionsforschung bestätigt, liefert einen interessanten Befund den Bildungsgrad der bekennenden Atheisten betreffend, die insgesamt 17 Prozent der Bevölkerung ausmachen: Überdurchschnittlich sei ihr Anteil bei Menschen ohne berufsqualifizierenden Abschluss (25 Prozent), bei Menschen mit Hochschulabschluss hingegen durchschnittlich (17 Prozent).
(Josef Bordat)…>Originalartikel.
Digitales Denken
Die binäre Struktur des EDV-Systems färbt stark auf die mediale Diskurskultur ab, die gleichfalls immer mehr der Dualität gehorcht: „Like/Unlike“ – das ist das media-kulturelle Analogon zur „1/0“-Struktur des Digitalrechners. Mit anderen Worten: Wir denken digital, wie ein Computer. Wir sagen „abspeichern“, wenn wir uns etwas merken, „Festplatte löschen“, wenn wir etwas verdrängen wollen. Wir sprechen von uns selbst als Computer – und von Computern als „Personen“ mit „Bewusstsein“, die „suchen“, „rechnen“ und „denken“.
Weiterhin prädisponiert die digitale Technik unsere Modi der Wirklichkeitserfahrung bzw. das, was wir wiederum darüber in Erfahrung bringen.
Fragebögen in der empirischen Sozialwissenschaft sind computergerecht gestrickt, der leichteren Auswertung wegen. Da bekommt man dann auf die komplexesten Fragen drei Antwortmöglichkeiten angeboten: „Ja.“, „Nein.“, „Weiß nicht.“ – eine wenig tröstliche Erweiterung der Dualität zur Dreiwertigkeit.
Wir leben also in Zeiten unerträglicher Klarheit der Antworten, der eine noch unerträglichere Unklarheit, ob wir denn die richtigen Fragen gestellt haben bzw., ob wir sie richtig gestellt haben, in eigentümlicher Weise korrespondiert. Der „Klarheit“ wegen verdrängt die Entscheidungsfrage die W-Frage, vor allem, wenn „W“ für „Warum?“ steht. Darin sehe ich eine der größten Gefahren für die menschliche Kultur: Dass wir unfähig werden zur analytischen Diskussion (dem Auseinanderlegen eines Sachverhalts) und zur konstruktiven Kritik (dem Unterscheiden der aufgefundenen Aspekte dieser Sache).
(Josef Bordat) …>Originalartikel.
Verständnisgrenzen
Es gibt Dinge, die mich schlicht überfordern. Zum Beispiel das Nachvollziehen der Meinung, es sei falsch, sich für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte in Vietnam einzusetzen, weil die Katholische Kirche „ein so bigotter Verein“ ist. Das ist die Quintessenz eines „Contra-Arguments“ unter dem Titel „Mit zweierlei Maß“, der zu meiner Petition Verbesserung der Menschenrechtssituation in Vietnam formuliert wurde und in der „Verständnis für die Haltung der KP Vietnams gegenüber dieser Kirche“ geäußert wird.
Da mir vor Ort nur 500 Zeichen erlaubt sind und ich damit leider nicht auskomme, stelle ich meinen Kommentar zu diesem „Contra-Argument“ hier ein und lege einen Verweis von dort auf diesen Text.
Selbst wenn wahr wäre, was Sie über die Katholische Kirche schreiben, hätte es immer noch nichts mit der Petition zu tun.
Wenn Sie den Text der Petition in aller Ruhe lesen, werden Sie feststellen, dass es nicht um die Haltung der Kommunistischen Partei Vietnams gegenüber der Katholischen Kirche geht, sondern um die Verurteilung und (mittlerweile erfolgte) Inhaftierung katholischer Bloggerinnen und Blogger, die (zumindest mir) zeigen, dass die Religions-, Meinungs- und Pressefreiheit in Vietnam erheblich eingeschränkt sind.
Für diese Einschränkung und für die damit einhergehenden Repressionen, die sich u.a. in langjährigen Haftstrafen äußern und von denen auch nicht-katholische Journalisten, Blogger und Regimekritiker zunehmend betroffen sind, wie den Medien zu entnehmen ist, habe ich kein Verständnis. Ich hätte es selbst dann nicht, wenn ich Ihre Einschätzung zur Katholischen Kirche teilte.
Ich bin der Ansicht, dass es sich lohnt, für das Leben und die Freiheit unschuldig inhaftierter junger Menschen einzutreten und die Verbesserung der Menschenrechtssituation in Vietnam zu fordern, unabhängig von der jeweiligen persönlichen Haltung zur Katholischen Kirche.
Ich darf daher noch einmal zur Unterzeichnung der Petition aufrufen.
(Josef Bordat) …>Originalartikel.
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