
Es ist schön zu sehen, dass in einer Welt voller Chaos eines beständig bleibt: Die Flexibilität moralischer Grundsätze, sobald die Preise an der Zapfsäule die Umfragewerte unterbieten. Die US-Regierung hat unter Beweis gestellt, dass man Sanktionen gegen Russland zwar mit viel Pathos verkünden, sie aber mit noch mehr Pragmatismus wieder aussetzen kann. Man gönnt sich ja sonst nichts – außer vielleicht bezahlbarem Sprit im Wahlkampf.
Eigentlich hatte US-Finanzminister Scott Bessent erst am Mittwoch hochheilig versprochen, dass die Lockerungen für russisches Öl definitiv enden würden. Doch wie das mit Versprechen so ist: Sie halten meistens bis zum nächsten Blick auf den Ölpreis, der wegen des Irankriegs gerade Purzelbäume schlägt. Nun darf Wladimir Putins Schattenflotte also bis mindestens zum 16. Mai ganz offiziell so tun, als gäbe es keine Verbote. Das ist konsequent: Wenn man schon ein Terrorregime im Iran bekämpft, kann man das andere in Moskau ja ruhig ein bisschen mitfinanzieren. Multitasking nennt man das wohl in Washington.
Ein Herz für Geisterschiffe
Besonders rührend ist die Nachricht für die sogenannte Schattenflotte. Diese rostigen Seelenverkäufer, die sonst unter den abenteuerlichsten Flaggen die Weltmeere unsicher machen, um Sanktionen zu umgehen, dürfen nun ganz entspannt den Hafen ansteuern. Man spart sich das lästige Umlackieren der Schiffsnamen – das schont die Umwelt und die Nerven der Besatzung.
Dass Russland seine Einnahmen aus dem Ölgeschäft dank dieser großzügigen US-Ausnahmen nahezu verdoppeln konnte, ist ein vernachlässigbares Detail. Sicherlich wird der Kreml das zusätzliche Geld für wohltätige Zwecke verwenden, etwa für die Instandhaltung der ukrainischen Infrastruktur (wenn auch eher im Sinne eines kompletten Neubaus nach dem Abriss durch Marschflugkörper).
Logik ist etwas für Anfänger
Die Strategie ist bestechend logisch: Wir sanktionieren Russland, um den Krieg in der Ukraine zu stoppen, aber wir kaufen (indirekt) ihr Öl, damit wir uns die Unterstützung der Ukraine weiterhin leisten können, ohne dass der US-Wähler schlechte Laune bekommt. Ein perfekter Kreislauf, bei dem am Ende alle gewinnen – außer natürlich die Ukrainer, aber die haben ja ohnehin keine Zeit, sich über Benzinpreise Gedanken zu machen.
In Deutschland schaut man derweil sehnsüchtig über den Atlantik. Während wir uns fragen, ob die Butter bald 3,99 Euro kostet und unsere Industrie leise „Servus“ sagt, zeigt uns der „stabile Genius“ im Weißen Haus, wie man Außenpolitik mit dem Portemonnaie macht.
Man muss es positiv sehen: Solange das russische Öl fließt, bleibt die Weltwirtschaft stabil. Und dass damit die Kriegskasse im Kreml überquillt, ist eben der Preis, den man für ein günstiges Omelett am Morgen zahlen muss. Guten Appetit.



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