
Dieser Artikel nimmt Bezug auf das Interview „So spricht jemand, der sich selbst als Diktator sieht“ mit Staffan Lindberg, geführt von Lisa Bischoff und veröffentlicht in der ZEIT am 17. März 2026.
USA: Demokratie am Abgrund?
Die Vereinigten Staaten von Amerika galten lange als das Leuchtfeuer der Freiheit. Doch der aktuelle Bericht des V-Dem-Instituts (Varieties of Democracy) zeichnet ein düsteres Bild. Laut dem Hauptautor Staffan Lindberg haben die USA ihren Status als liberale Demokratie verloren und sind auf das Niveau von 1965 zurückgefallen.
Ein globaler Rückzug der Freiheit
Die Entwicklung in den USA ist kein Einzelfall, sondern Teil einer weltweiten Autokratisierungswelle. Die nackten Zahlen sind erschreckend:
- 74 Prozent der Weltbevölkerung leben mittlerweile in Autokratien.
- Nur noch sieben Prozent der Menschen genießen die Vorzüge einer liberalen Demokratie.
- Das globale Demokratieniveau ist auf den Stand von 1978 zurückgefallen – die Fortschritte ganzer Jahrzehnte wurden quasi ausgelöscht.
Der schleichende Umbau in den USA
Warum werden die USA herabgestuft? Sie gelten nun lediglich noch als Wahldemokratie. Das bedeutet zwar, dass die Wahlen 2024 noch frei und fair waren, aber die Rechtsstaatlichkeit und die Gewaltenteilung massiv untergraben werden.
Der Bericht macht dies an einer extremen Konzentration der Macht in der Exekutive fest. Im Jahr 2025 erließ Präsident Trump 225 Exekutivverordnungen, während der Kongress nur 49 meist unbedeutende Gesetze verabschiedete. Damit geht die gesetzgebende Gewalt faktisch auf den Präsidenten über. Der Kongress hat seine Rolle als Kontrollinstanz weitgehend aufgegeben.
Blaupause für den Umsturz: Projekt 2025
Besonders besorgniserregend ist, dass dieser Umbau nicht zufällig geschieht. Die Trump-Regierung nutzt laut Lindberg das sogenannte Projekt 2025 der Heritage Foundation als Blaupause.
- Knapp die Hälfte der darin formulierten 300 Ziele wurde bereits im ersten Jahr erreicht.
- Wichtige Behörden werden umgestaltet oder abgeschafft.
- Kritische Stimmen in Medien und Universitäten werden eingeschüchtert.
- Geheimdienste wie das FBI werden instrumentalisiert, um politische Gegner ins Visier zu nehmen.
Was die Zukunft bringt
Die kommenden Midterm Elections werden als entscheidender Wendepunkt gesehen. Es gibt große Befürchtungen, dass Wahlergebnisse nicht akzeptiert werden, sollten sie nicht zugunsten der aktuellen Regierung ausfallen. In einem solchen Szenario stünden die USA vor dem endgültigen Schritt in eine reine Autokratie.
Um diesen Trend zu stoppen, braucht es laut der Forschung drei Dinge: starke Institutionen (wie eine unabhängige Justiz), eine aktive Zivilgesellschaft und frühes Handeln. Es liegt nun an den Bürgern und den verbliebenen demokratischen Strukturen, die Reißleine zu ziehen.
Quelle: DIE ZEIT, Interview mit Staffan Lindberg: „So spricht jemand, der sich selbst als Diktator sieht“, 17. März 2026.



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