
Ein globaler Poker um das Nadelöhr von Hormus
Es hat fast etwas Meditatives, wie die Weltgemeinschaft mit derselben Mischung aus Schock und ritueller Empörung auf die Straße von Hormus starrt. Dieses schmale Band aus Wasser, kaum 33 Kilometer breit, ist die Halsschlagader der fossilen Zivilisation – und im März 2026 scheint der Puls bedenklich zu stocken. Während der Iran nach den verheerenden Luftschlägen der USA und Israels Ende Februar faktisch die Schotten dichtgemacht hat, ringt der Rest der Welt um eine Haltung, die irgendwo zwischen militärischer Entschlossenheit und ökonomischer Panik schwankt. Es ist die alte theologische Frage nach der Gerechtigkeit, nur dass das „tägliche Brot“ heute aus Rohöl besteht und die Gebete meist an die Tankstellenpächter gerichtet werden.
Zwischen „Holy War“ und Wahltaktik: Die Sicht aus Washington
In den USA herrscht derzeit eine Stimmung, die man wohl am besten als „aggressiv orientierungslos“ beschreiben kann. Laut der New York Times ist der Krieg gegen den Iran historisch unpopulär; Umfragen zeigen, dass über die Hälfte der Wähler das militärische Vorgehen ablehnt. Das hält das Weiße Haus jedoch nicht davon ab, die Einsätze als eine Art göttliche Mission zu stilisieren. CNN berichtet von wechselnden Rechtfertigungen, die von der Zerstörung des Atomprogramms bis hin zu einem „heiligen Krieg“ gegen den Islamismus reichen. Es hat eine gewisse Ironie, wenn man militärische Überlegenheit als Selbstzweck feiert, ohne einen Plan für den Tag danach zu haben – ein Muster, das wir seit Jahrzehnten pflegen wie einen schlechten Familienwitz. Das Wall Street Journal weist nüchtern darauf hin, dass die US-Marine zwar über 90 Militärziele getroffen hat, die Ölinfrastruktur auf der Insel Charg jedoch „aus Gründen des Anstands“ – oder wohl eher der Marktstabilität – verschonte. Die Washington Post ergänzt derweil, dass die US-Medienaufsicht bereits Sendern mit Lizenzentzug droht, die eine zu kritische Berichterstattung wagen. Man möchte die Wahrheit eben so rein halten wie den Flugzeugtreibstoff.
Die deutsche „Besorgnis“ und der Blick auf die Zapfsäule
In Deutschland pflegt man hingegen die Tradition der intensiven Beobachtung bei gleichzeitigem Stillhalten. Während die ZEIT über die Planlosigkeit des Krieges spottet, macht die Bundesregierung unmissverständlich klar, dass deutsche Soldaten nicht in die Straße von Hormus geschickt werden. Laut Tagesschau setzt Berlin auf Verhandlungen, was in etwa so erfolgversprechend klingt wie ein Stuhlkreis mit einem hungrigen Hai. Der Spiegel kommentiert treffend, dass die Völkerrechtswidrigkeit der Angriffe zwar ein Thema ist, das eigentliche Problem aber die steigenden Preise sind. Wenn der Diesel an der Zapfsäule die 2-Euro-Marke knackt, rückt die Ethik des „gerechten Krieges“ (Bellum Iustum) schnell in den Hintergrund. Der Deutschlandfunk meldet, dass die strategischen Ölreserven zwar freigegeben wurden, das Vertrauen der Märkte aber so fragil ist wie ein Glasurbrand. Es ist die theologische Prüfung unserer Zeit: Wie viel ist uns der Frieden wert, wenn das Heizen zum Luxusgut wird? Die Antwort ist meistens: weniger, als wir in Sonntagsreden behaupten.
Europas zerklüftete Front und die bittere Erkenntnis
Die Europäische Union gleicht in dieser Krise einem Orchester, bei dem jeder Musiker eine andere Partitur spielt, während das Podium brennt. In Frankreich fordert Le Monde eine Rückkehr zur Diplomatie und warnt davor, sich bedingungslos dem amerikanischen Ansatz unterzuordnen. Le Figaro ergänzt, dass Paris händeringend nach Wegen sucht, zumindest einen Mindestkonsens mit Teheran zu wahren. In Italien hingegen berichtet der Corriere della Sera von geheimen Hoffnungen auf eine Deeskalation, während La Repubblica die Ohnmacht der EU gegenüber den USA betont. Spanien zeigt sich durch El País besorgt über die maritime Sicherheit im Mittelmeer, wobei El Mundo die wirtschaftlichen Folgen für die südeuropäischen Häfen hervorhebt. Selbst im Osten, wo man durch den Konflikt um Kyjiw bereits kriegserprobt ist, herrscht Nervosität. Die polnische Gazeta Wyborcza sieht die europäische Sicherheit gefährdet, während Rzeczpospolita mahnt, dass die Abhängigkeit von globalen Energiewegen nun zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit zum Bumerang wird. Es bleibt die bittere Erkenntnis, dass die Bewahrung der Schöpfung oft erst dann zum Thema wird, wenn die Schöpfung nicht mehr liefert.
Verwendete Quellen:
- Deutschland: Die Zeit, Der Spiegel, Tagesschau, Deutschlandfunk.
- USA: The New York Times, CNN, The Wall Street Journal, The Washington Post.
- Frankreich: Le Monde, Le Figaro.
- Italien: Corriere della Sera, La Repubblica.
- Spanien: El País, El Mundo.
- Polen: Gazeta Wyborcza, Rzeczpospolita.



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