Trumps Nebelkerze in Kyjiw ?

​In der Politik gibt es keine Zufälle, nur Timings. Dass Donald Trumps radikaler „Friedensplan“ für die Ukraine exakt zwei Tage nach einer seiner größten innenpolitischen Niederlagen an die Öffentlichkeit dringt, folgt einer alten autokratischen Logik: Wenn das eigene Haus brennt, zündet man beim Nachbarn ein Feuerwerk.

​Die Kunst der Ablenkung

​Wer fragt „Cui bono?“ – wem nützt es? – muss nur auf den Kalender schauen. Am 19. November 2025 unterschrieb Donald Trump, sichtlich in die Ecke gedrängt, den Epstein Files Transparency Act. Monatelang hatte er versucht, die Freigabe der brisanten Akten über den Sexualstraftäter Jeffrey Epstein zu blockieren oder zu verzögern. Erst als der Druck durch eine überparteiliche Allianz im Kongress und sogar durch Teile seiner eigenen MAGA-Basis zu groß wurde, vollzog er eine taktische Kehrtwende.

​Die drohende Veröffentlichung dieser Akten im Dezember ist ein Damoklesschwert über seiner Präsidentschaft. Was macht ein Medienprofi in so einer Lage? Er erzeugt Gegenlärm. Er braucht ein Thema, das so laut, so empörend und so gewaltig ist, dass es jede andere Nachricht verdrängt.

​Ein Plan als Schockwelle

​Der am 21. November präsentierte 28-Punkte-Plan ist genau dieser Lärm. Er ist nicht darauf ausgelegt, diplomatisch feinjustiert zu werden; er ist darauf ausgelegt, maximale Polarisierung zu erzeugen. Indem er die NATO demütigt, Russland faktisch zum Sieger erklärt und die Ukraine zur Kapitulation drängt, garantiert Trump, dass weltweit über nichts anderes mehr gesprochen wird.

​Die Kalkulation ist zynisch, aber effektiv:

  1. ​Dominanz der Schlagzeilen: Jeder Leitartikel, jede Talkshow diskutiert nun über den „Verrat an Europa“ statt über Trumps mögliche Verbindungen zu Epstein.
  2. ​Verschiebung des Fokus: Die moralische Entrüstung über alte Missbrauchsvorwürfe wird durch die existenzielle Angst vor einem neuen Krieg in Europa überlagert.
  3. ​Inszenierung als Macher: Statt als Getriebener der Justiz erscheint er als (wenn auch rücksichtsloser) Gestalter der Weltpolitik.

Die Ukraine als Bauernopfer

​Die Tragik liegt darin, dass das Schicksal der Ukraine hier zur Geisel innenpolitischer PR-Strategien der USA wird. Dieser Friedensplan ist keine ernsthafte diplomatische Initiative zur Beilegung des größten Angriffskrieges in Europa seit 1945. Er ist eine geopolitische Nebelkerze.

Die Epstein-Akten werden kommen, und ihr Inhalt mag verheerend sein. Aber Trump wettet darauf, dass bis dahin die Welt so sehr mit den Trümmern der europäischen Sicherheitsordnung beschäftigt ist, dass der Skandal im allgemeinen Chaos untergeht. Der „Friedensplan“ ist der Versuch, die eigene Haut zu retten, indem man die Ukraine verkauft.

​Quelle:

  • ​Analyse basierend auf dem zeitlichen Zusammenhang zwischen der Unterzeichnung des Epstein Files Transparency Act (19.11.2025) und dem Leak des Ukraine-Plans (21.11.2025).
  • ​Hintergrundinfos zum Epstein-Gesetz: The Guardian & CBS News (Berichte vom 18.-20. Nov 2025).

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Kommentare

5 Kommentare zu „Trumps Nebelkerze in Kyjiw ?“

  1. Lieber Marc,
    egal ob Trump Nebelkerzen wirft, Selenski scheint mit seiner imposanten Rede über sich hinauszuwachsen und dem Töten ein Ende bereiten zu wollen. Er zeigt damit wahre Größe. Ein Sieg von Feindesliebe über Herem?
    Herzlicher Gruß, Pettersson 🐑

    1. Lieber Martin,
      ​ich verstehe die Rede von Selenskyj so, dass das ukrainische Volk gerade an einem Scheidepunkt steht: einen Diktatfrieden akzeptieren, oder die Würde vor sich selbst bewahren und damit riskieren, dass die USA aussteigen.

      ​Gestern war der Tag der Würde, der an den Maidan erinnert. Damals hatte Russland versucht, den amtierenden ukrainischen Präsidenten auf seine Seite zu ziehen und den Annäherungsprozess an die EU komplett zu stoppen. Deswegen sind unzählige ukrainische Menschen in allen Landesteilen auf die Straßen gegangen, weil sie eben nicht in die russische Diktatur wollten, sondern in Demokratie und Freiheit leben wollten und sich Richtung Westen öffnen wollten.

      ​Das ist der Hintergrund von der Rede.
      ​Natürlich will Selenskyj Frieden haben. Wer ihm etwas anderes unterstellt, würde russische Narrative einfach übernehmen.

      ​Aber die Frage ist, ob der von Trump vorgeschlagene Kapitulationsplan, der offiziell als Friedensplan verkauft wird, in irgendeiner Weise realistisch ist. Er enthält sogar auf Russisch geschriebene und dann ins Englisch ungelenk übersetzte Formulierungen. Er wurde offensichtlich von russischer Seite maßgeblich diktiert.

      ​Die Geschichte lehrt, dass ein Diktatfrieden keinen Frieden auf Dauer bringt. Und schaue ich mal bei meinen letzten Artikeln zum Thema um, da lässt sich leicht verstehen, warum dieser sogenannte Friedensplan keinen Frieden bringen wird.

      Höchstens Unterwerfung und Diktatur. Selenskyj kann auf diese Formulierungen nicht eingehen. Vielleicht schaffen die Europäer und er es, den Plan zu verändern. Dann hätte er vielleicht eine Möglichkeit. Aber so, wie die Punkte formuliert sind, ist das das Ende der ukrainischen Freiheit und Demokratie. Russland könnte dann jederzeit einfach so die komplette Ukraine überrennen.

      ​Die vermeintlichen Sicherheitsgarantien, die Trump in Aussicht stellt, sind auch äußerst fraglich. Denn eigentlich hat sich die USA 1994 im Budapester Memorandum, als die Ukraine das drittgrößte Atomwaffenarsenal der Welt abgab und an Russland übergab, dazu verpflichtet, die territoriale Integrität der Ukraine zu schützen und zu verteidigen.

      ​Wie die Verteidigung durch die USA aussieht, ganz besonders unter Trump, sehen wir: da kommt nicht viel.

      ​Deswegen sind vermeintliche Sicherheitsgarantien, die Trump da in Aussicht stellt, wenig vertrauenswürdig und wenig glaubhaft.

      Lies dazu doch bitte mal meine Analyse der 28 Punkte ein paar Artikel weiter vorne. Dann verstehst du, von was ich hier rede.

      1. Lieber Marc,
        ich verstehe Dich und auch ich empfinde den „Friedensplan“ als ungeeignet und als Diktat. Aber das ist alles Politik. Mir geht es nur um Eins: Das Töten beenden, die Würde bewahren und über den Hass hinauswachsen.
        Vielleicht magst Du Dir die Diskussion durchlesen auf meiner Seite zum Thema Feindesliebe. Aus meiner Sicht geht es um Herem versus Feindesliebe. Nicht mehr und nicht weniger. Grenzen und Besitz sind sekundär, es geht um das Ende des Tötens.
        Aus meiner Sicht wäre die zielführendste und richtige Antwort den Vertrag nicht zu unterschreiben und einen einseitigen Waffenstillstand zu erklären.
        Herzlicher Gruß,
        Pettersson

    2. Der Tag der Würde und der Freiheit (ukrainisch: День Гідності та Свободи) wird in der Ukraine jährlich am 21. November begangen.

      ​🇺🇦 Was bedeutet dieser Gedenktag?

      ​Der Tag der Würde und der Freiheit wurde durch einen Präsidialerlass vom 13. November 2014 ins Leben gerufen, um an zwei entscheidende Ereignisse der jüngeren ukrainischen Geschichte zu erinnern:

      ​Die Orange Revolution (2004): Eine Reihe von Protesten gegen massiven Wahlbetrug.

      ​Die Revolution der Würde (Euromaidan, 2013–2014): Massenproteste, die als Reaktion auf die plötzliche Ablehnung eines Assoziierungsabkommens mit der Europäischen Union begannen und sich zu einem Aufstand gegen staatliche Gewalt und für demokratische Werte entwickelten.

      ​Dieser Tag dient der Bestätigung der Ideale von Freiheit und Demokratie in der Ukraine. Er ehrt den Patriotismus und den Mut der Bürger, die sich für die demokratischen Werte, die Menschenrechte und die europäische Ausrichtung des Staates eingesetzt haben.

      ​Der 21. November symbolisiert somit den anhaltenden Kampf des ukrainischen Volkes für seine Souveränität, Unabhängigkeit und Würde sowie für die demokratische Entwicklung des Landes.

      1. Lieber Martin,

        das Töten zu beenden ist natürlich absolut sinnvoll.
        Durch einen einseitigen Waffenstillstand werden die Russen aber aller Voraussicht nach nicht aufhören mit dem Schießen. Da sprechen die Erfahrungen der letzten vier Jahre dagegen.

        Danke, ich lese mal bei dir rein.

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