Mission

Oktober – Missionsmonat. Das Hilfswerk missio steht im Oktober – besonders am kommenden Sonntag, dem Weltmissionssonntag – mit seinen vielfältigen Projekten im Mittelpunkt. Doch eigentlich ist in der Katholischen Kirche immer Missionsmonat, das ganze Jahr hindurch. Denn die Kirche ist ihrem Selbstverständnis nach missionarisch.

Was heißt das? Was bedeutet „Mission“? Mission ist der Versuch, Andere vom Wert der eigenen Überzeugungen zu überzeugen. Da Menschen, die Überzeugungen vertreten, davon ausgehen, daß diese wahr sind, dient Mission in ihren Augen stets der Verbreitung der Wahrheit. Mission ist nicht auf Religionen beschränkt – missionarischer Eifer motiviert ebenfalls alle Versuche, Menschen für bestimmte Weltanschauungen und politische Ansichten zu gewinnen, und zeigt sich zudem in der Reklame für Produkte und Dienstleistungen (oft ironisch überzeichnet, aber dadurch nicht weniger absichtsvoll). Den Anspruch, die eigene Überzeugung Dritten zu vermitteln, hat wohl jeder, der überhaupt von etwas überzeugt ist. Von einer Sache überzeugt sein und davon reden, bedeutet nicht automatisch, dem Gegenüber mit Intoleranz zu begegnen, auch nicht, wenn es bei dieser Sache um den eigenen weltanschaulichen Standpunkt geht und man von dessen absoluter, universeller Geltung überzeugt ist.

Im Gegenteil: Wer eine Position vertritt, von der er glaubt, sie sei wahr, unabhängig von Zeit und Raum, von Kultur und Situation, kann es besser verstehen, wenn auch der andere eine solche Haltung einnimmt und nachdrücklich eine Position vertritt, die er für wertvoll und wichtig hält, die aufzugeben ihm daher sehr schwer fallen muß. Dieses Verständnis ist die Basis der Achtung davor, trotzdem in einen Dialog eingetreten zu sein, dem Anderen zuzuhören und die eigene Position überdenken zu wollen. Es kommt also darauf an, wie die Überzeugung, mit der man den Anspruch erhebt, dem Anderen etwas Wahres mitzuteilen, das für diesen nützlich und hilfreich ist, an diesen Anderen herangetragen wird. Die Grenze der Missionstätigkeit in Toleranz ist dort zu sehen, wo der Andere das Angebot zur Prüfung bzw. Übernahme der angebotenen Überzeugung ablehnt. Wer weiter insistiert, womöglich mit Druck oder gar gewaltsam, verläßt den Weg einer Mission im Geiste Christi.

Denn: Jesus stellt für die Ausführung seines Missionsauftrags (vgl. Mt 28,19-20) eine Doppelbedingung auf – Friedlichkeit der Glaubensweitergabe (vgl. Mt 10,12-13) und Freiwilligkeit der Glaubensannahme (vgl. Mt 10,14). Jesus fordert eine Mission in Liebe und durch Überzeugung, die ihre Abbruchbedingung im freien Willen des zu Missionierenden findet.

Jesus trug seinen Jüngern auf, ohne materielle Ansprüche in völliger Bedürfnislosigkeit, friedlich und tolerant zu missionieren und dabei heilende, pflegerische und seelsorgliche Arbeit zu leisten. Der Missionar lässt sich ganz auf die Mission ein und bildet mit dem Missionierten eine Schicksalsgemeinschaft, die schon den wesentlichen Inhalt des zu Missionierenden, das Evangelium Jesu Christi nämlich, im Prozess der Mission antizipiert: die Liebe untereinander und die Offenheit dem Fremden gegenüber. Das, was ich vermitteln will, muss bereits den Vorgang der Vermittlung tragen, sonst überzeugt es nicht. Die Methode, die Form muss den Inhalt unterstreichen.

Entscheidend ist: Die Annahme des christlichen Glaubens kann nur freiwillig erfolgen, erzwungen werden kann allenfalls die formale Mitgliedschaft in der Glaubensgemeinschaft, also in der Kirche, durch eine „Zwangstaufe“. Da diese wertlos ist, soweit und solange die innere Haltung zum Glauben fehlt, hat die Kirche ihre Vornahme verboten. Die Argumente dafür waren neben biblischer auch theologischer und naturrechtlicher Provenienz. Es galt der Grundsatz Ad fidem nullus est cogendus, der auch in das um 1130 zusammengestellte Decretum Gratiani Eingang fand (p. II, c. 23, q. 5, c. 33) – „Zum Glauben ist niemand zu zwingen“.

Dennoch kamen Zwangstaufen vor. Fälschlicherweise werden sie heute der Kirche zur Last gelegt, obwohl sie keine religiöse, sondern eine politische Funktion hatten und nur dort aufgetreten sind, wo die Kirche als weltliche Macht wirkte. In den ersten drei Jahrhunderten ihrer Geschichte gab es keine Zwangstaufen und keine Schwertmission. Die Menschen entschieden sich freiwillig und oft unter Einsatz ihres Lebens für die Nachfolge Christi. Im Kern ihrer Begründung ist die Kirche dementsprechend nicht durch Gewalt vorbelastet. Nach der Konstantinischen Wende, als das Christentum Staatsreligion des sich auflösenden Römischen Reiches wurde, wandte es in dieser Funktion Zwangsmittel an, um Heiden zu „christianisieren“. Das geschah aus Gründen der Staatsräson – das Ziel der Mission war die Herstellung der weltanschaulichen Einheit des Herrschaftsgebiets. Also: In dem Maße, in dem die Kirche eine staatstragende Rolle übernahm (und Kirchenvertreter als weltliche Herrscher fungierten), wurde sie mit der machtpolitischen Forderung nach Zwangstaufen konfrontiert. Dabei wurden die von weltlichen Herrschern angeordneten Formen intoleranter Mission seitens prominenter Kirchenvertreter kritisch gesehen.

Zwei bedeutende Beispiele dafür sind die Zwangstaufen, die Karl der Große Ende des 8. / Anfang des 9. Jahrhunderts unter den Sachsen vollziehen ließ, und die Mission in Lateinamerika im Auftrag der spanischen Krone während der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. In beiden Fällen waren es weltliche Herrscher, die Mission als Mittel der Machtpolitik einsetzten. Die Kritik an diesem Ansinnen kam aus Kirchenkreisen, von Hofpredigern und Ordensleuten, die mit biblischen, theologischen und natur-, später auch (proto)völkerrechtlichen Argumenten opponierten. Zehn Jahre nachdem Karl der Große gegen die Sachsen in den Krieg gezogen war, erließ er 782 in der Capitulatio de partibus Saxoniae Vorschriften zur Todesstrafe für alle, die sich nicht taufen lassen wollten. Der theologischen Rechtmäßigkeit der Alternative „Taufe oder Tod“ hat sein Hoftheologe Alkuin entschieden widersprochen. Als die Reyes Católicos, die Katholischen Könige, ab 1510 Amerika eroberten und die autochthone Bevölkerung von den Conquistadores im Rahmen einer gewaltsamen Kolonisation nebenbei „christianisiert“ werden sollte, stieß dies bei einigen Missionaren auf massiven Widerspruch, für den vor allem der Dominikaner Bartolomé de Las Casas steht.

Mission hat daher heute einen schlechten Beiklang. Doch der Missionsauftrag gilt auch uns Christinnen und Christen heute. Wir brauchen dabei gar nicht weit zu reisen, hin zu den fernen ἔθνη („Völkern“, Mt 28,19). Der Nachbar, die Arbeitskollegin, der Mitschüler, die Kommilitonin – wer zu ihnen nicht verschämt sagt, man habe „Sonntag Vormittag schon was vor“, sondern freimütig bekennt, dass man dann zum Gottesdienst geht, der hat zwar noch keine Jüngerin und keinen Jünger Jesu „gemacht“, aber einen ersten Schritt getan. Mission beginnt hier und jetzt. Sie ist nicht immer einfach, aber immer sinnvoll. Und wenn uns die Mission viel Kraft kostet, weil der Gegenwind zu stark weht, dürfen wir uns an die Zusicherung Jesu erinnern, mit der das Matthäusevangelium schließt: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,20).

Man könnte es schließlich noch weiter zuspitzen. Die Gefahr, mit unserer Rede von Gott und vom Glauben bei den Menschen anzuecken, sollte uns nicht hemmen, sondern ganz im Gegenteil: Die Situation der Verfolgung – von der bei uns in Deutschland trotz Häme, Spott und Naserümpfen nicht die Rede sein kann – stellt eine besondere Chance zur Mission dar, zur Mission in Wort und Tat. Jesus weist auf diese besondere Gelegenheit hin. In Synagoge und Gerichtssaal sollen die Anhängerinnen und Anhänger Zeugnis (μαρτύριον, Lk 21,13) für ihren Glauben ablegen. Gerade in der Gefahr der Verfolgungssituation gilt der Missionsauftrag, mehr noch: dort ist seine Ausführung mit besonderem Erfolg gesegnet, ein Gedanke, den Tertullian später in das Wort fasste „Sanguis martyrum semen est christianorum“ („Das Blut der Märtyrer ist der Christen Same“, Apologeticum, 50, 13).

Zynischer Zweckoptimismus? Zwingende Kausalität? Weder noch. Der Zusammenhang ist komplexer als es das berühmte Diktum bei oberflächlicher Betrachtung zu verstehen gibt. Es gibt keine direkte Kausalität zwischen Verfolgung und Verbreitung, aber es gibt Bedingungen, die beides gleichzeitig beförderten und immer noch befördern. Die wichtigste ist das Christentum selbst, als entgrenzende Religion mit einem neuen Gottesbild und einem neuen Verständnis vom Reich Gottes, in dem alle willkommen sind – Frauen und Männer, Juden und Heiden, Sklaven und Freie, Reiche und Arme. Und das galt damals wie heute. Der vor einem halben Jahr verstorbene Papst Franziskus hat es auf den Punkt gebracht: „Todos, todos, todos“ – alle!

Josef Bordat


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