
Es ist eine wissenschaftlich unbestätigte Theorie, dass Douglas Adams seine bürokratischen Außerirdischen nach einem Besuch in einem deutschen Bürgeramt erfunden hat. Die Ähnlichkeiten sind mittlerweile jedoch kaum noch zu übersehen. Deutschland hat sich in den letzten Jahren klammheimlich zu einer intergalaktischen Hochburg des Papierkrams entwickelt. Wer heute eine Firma gründen, eine Steuerreform anstoßen oder auch nur ein Windrad bauen möchte, benötigt eine Ausdauer, die selbst kosmischen Beamten Respekt abnötigen würde.
Das Problem ist nicht, dass es uns an guten Ideen fehlt. Das Problem ist, dass jede neue Idee erst einmal in dreifacher Ausfertigung ausgedruckt, abgestempelt und für drei Monate im Keller vergraben werden muss, bevor überhaupt jemand darüber nachdenkt. Während andere Nationen mit künstlicher Intelligenz und rasanten Innovationszyklen an uns vorbeiziehen, diskutieren wir lieber jahrelang über Datenschutzverordnungen beim autonomen Fahren. Wir digitalisieren zwar, aber am liebsten so, dass am Ende doch jemand die E-Mail ausdruckt und in einen Leitz-Ordner heftet. Diese zähe „Geht-nicht-weil“-Mentalität lähmt das gesamte Land.
Selbst unser Sozialsystem wird mit gigantischem Personaleinsatz, Einzelfallprüfung und Bleistift verwaltet. Fast jeder dritte Steuer-Euro fließt mittlerweile in den Rentenzuschuss, um den Status quo zu bewahren. Wir stecken unser Geld lieber in die Vergangenheit, statt in die Zukunft zu investieren. Es hat fast schon etwas Tragikomisches: Wir laufen rückwärts in die Zukunft und starren dabei wie das Kaninchen auf die Schlange auf die tollen Sachen, die früher einmal funktionierten.
Zeit für den Umdenkprozess
Wenn wir nicht aufpassen, stehen wir irgendwann ohne funktionierende Wirtschaft da, während die technologische Flotte der Realität endgültig an uns vorbeizieht. Deutschland muss dringend das Reichsbedenkenträgertum ablegen und wieder zu einem Land der Veränderer und Tüftler werden. Das bedeutet: weniger Formulare, deutlich mehr Flexibilität und vor allem der Mut, alte Zöpfe abzuschneiden. Ansonsten bleibt uns irgendwann nur noch die Erkenntnis, dass wir die Bürokratie zwar perfektioniert haben, aber die Zukunft leider ohne uns stattfindet.
Quelle: DIE ZEIT, „Nur eine Frage“: Ist Made in Germany am Ende, Moritz Schularick?, 18. Mai 2026



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