Wie soll man essen?

Es heißt ja, man solle frühstücken wie ein Kaiser, Mittagessen wie ein König und abendessen wie ein Bettler.

Falls Sie sich darunter zu wenig vorstellen können, hier noch mal ausführlicher:

Man soll frühstücken wie eine Person, die an der Spitze eines weitläufigen, glanzvollen Reiches steht, dessen Grundfesten auf jahrhundertelanger Tradition und unermesslichem Reichtum ruhen, und die nicht nur über unangefochtene Autorität verfügt, sondern auch den symbolischen Mittelpunkt einer Kultur darstellt, die sich durch ihre prachtvollen Rituale und ihren ausschweifenden Lebensstil auszeichnet, bei dem jeder Wunsch umgehend erfüllt wird und die Auswahl an Speisen und Getränken die Fülle der gesamten bekannten Welt widerspiegelt, während das Tageslicht gerade erst die östlichen Türme der kaiserlichen Residenz küsst.

Man soll mittagessen wie ein Herrscher, der zwar ebenfalls über beträchtliche Macht und Einfluss gebietet und dessen Entscheidungen die Geschicke einer Nation prägen, dessen Position jedoch nicht auf gottgegebener Allmacht, sondern auf strategischem Geschick und der Fähigkeit zur Allianzbildung basiert, und der, obwohl er sich stets der Notwendigkeit diplomatischer Verhandlungen und der Verwaltung eines komplexen Staatsapparates bewusst ist, dennoch in der Lage ist, eine Mahlzeit zu genießen, die sowohl nahrhaft als auch repräsentativ für den Wohlstand seines Landes ist, ohne jedoch die dekadente Überfülle eines kaiserlichen Hofes zu erreichen, da seine Aufmerksamkeit bereits auf die bevorstehenden Nachmittagsgeschäfte gerichtet ist.

Man soll abendessen wie ein Individuum, das am äußersten Rand der gesellschaftlichen Hierarchie existiert, dessen Tage von der ständigen Ungewissheit geprägt sind, woher die nächste Mahlzeit stammen wird, und dessen körperliche Existenz vollständig von der Großzügigkeit oder dem Mitleid anderer abhängt, ein Mensch, dessen einzige Hoffnung darin besteht, die Dunkelheit der Nacht zu überwinden und das Morgengrauen zu erleben, oft mit nichts weiter als den kargsten Resten oder der vagen Aussicht auf eine winzige Gabe, die kaum ausreicht, um den quälenden Hunger für einen kurzen Moment zu lindern, bevor er sich wieder in die Schatten der Bedeutungslosigkeit zurückzieht, während die Sterne über einer gleichgültigen Welt aufziehen.


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