Ist Feindesliebe eine Illusion?

Die Vorstellung der Feindesliebe gehört zu den radikalsten und wohl auch herausforderndsten Forderungen der christlichen Ethik. Sie ruft bei vielen Menschen – und das ist völlig verständlich – ein Gefühl der Fassungslosigkeit hervor. Wie kann man einen Menschen lieben, der das eigene Haus zerbombt, die Frau vergewaltigt, die Kinder verschleppt und die Familie ermordet hat? Ist das nicht eine ethisch unerreichbar hohe Latte, ein frommer Wunsch, der in der brutalen Realität scheitern muss? Diese kritische Einschätzung trifft den Kern dieser menschlichen Unmöglichkeit.

Das Paradox in der Bergpredigt

Die biblische Aufforderung Jesu, die in der Bergpredigt gipfelt („Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen“, Matthäus 5,44), sprengt jede Logik menschlicher Beziehungen, die oft auf dem Prinzip der Reziprozität – Gleiches mit Gleichem vergelten – beruht.

Schon früh haben sich Theologen mit diesem Paradox auseinandergesetzt. Augustinus von Hippo (354-430 n. Chr.), einer der prägendsten Denker der Kirchengeschichte, betonte, dass die Liebe zum Feind nicht bedeutet, das Böse, das er tut, gutzuheißen. Es geht nicht um eine emotionale Zuneigung im Sinne von Sympathie, sondern um einen Willensakt, der das Wohl des anderen anstrebt. Augustinus schrieb: „Wir sollen die Menschen lieben, nicht ihre Irrtümer; die Menschen, nicht ihre Ungerechtigkeiten; die Menschen, nicht ihre Habgier.“ Hier wird deutlich, dass die Feindesliebe die Person vom Akt trennt. Sie verurteilt die Tat, aber nicht zwangsläufig den Täter in seiner Gänze.

Liebe als Haltung und Praxis

Thomas von Aquin (1225-1274 n. Chr.), der bedeutende Scholastiker, sah die Feindesliebe als höchste Form der Nächstenliebe, da sie keine Gegenleistung erwartet und über natürliche Neigungen hinausgeht. Für ihn ist sie eine „Liebe aus Prinzip“, eine bewusste Entscheidung, auch wenn die Gefühle dem widersprechen. Es geht darum, dem Feind Gutes zu wünschen und ihm nicht zu schaden.

Im 20. Jahrhundert griff Dietrich Bonhoeffer (1906-1945), der selbst unter dem Terror des Nationalsozialismus litt und letztlich dafür sein Leben gab, die Radikalität der Bergpredigt auf. Für ihn war die Feindesliebe kein abstraktes Ideal, sondern eine konkrete Form der Nachfolge Christi. Sie ist keine naive Empfindung, sondern eine Tat, die der Logik der Welt fundamental widerspricht. Bonhoeffer sah darin die einzige Möglichkeit, den Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt zu durchbrechen. Es geht darum, das Böse nicht einfach zu spiegeln, sondern es zu durchbrechen, indem man sich weigert, sich von ihm korrumpieren zu lassen.

Eine unerreichbare Perfektion oder ein transformierendes Potenzial?

Die Formulierung, dass die Feindesliebe ein Ziel sei, nach dem Motto: „so hätten wir eine schöne Welt. Hätten.“ – trifft einen wichtigen Punkt. In ihrer Vollkommenheit scheint sie für den Menschen unerreichbar zu sein. Doch gerade in dieser Unerreichbarkeit könnte ihr transformatives Potenzial liegen.

Der Schweizer Theologe Karl Barth (1886-1968) würde argumentieren, dass die Feindesliebe nicht primär eine menschliche Leistung ist, die wir aus eigener Kraft vollbringen können. Vielmehr ist sie eine Antwort auf Gottes Gnade, eine Befähigung, die uns im Glauben geschenkt wird. Der Impuls zur Feindesliebe kommt demnach von Gott selbst, nicht aus unserem begrenzten menschlichen Vermögen, das angesichts solcher Gräueltaten unweigerlich versagt.

Vielleicht bedeutet Feindesliebe weniger, eine unaufrichtige emotionale Zuneigung zu empfinden, die in extremen Fällen unmöglich ist, als vielmehr eine radikale Abkehr von Hass und Rache. Es ist die Weigerung, sich vom Bösen des Feindes korrumpieren zu lassen und selbst in den Teufelskreis der Gewalt einzutreten. Es ist der Versuch, das Menschliche im Feind nicht gänzlich zu verleugnen, selbst wenn seine Taten unmenschlich sind.

Was bedeutet das für das Individuum?

Feindesliebe bedeutet nicht, Unrecht zu dulden oder den Täter von seiner Schuld freizusprechen. Es ist auch keine Aufforderung, sich selbst oder andere in Gefahr zu bringen. Vielmehr ist es eine innere Haltung, die uns davor bewahren kann, selbst zu verbittern oder von Rachegefühlen zerfressen zu werden. Für Opfer von Gräueltaten ist der Weg zur Vergebung oder gar zur Feindesliebe ein extrem schmerzhafter und oft lebenslanger Prozess, der tiefen Glauben und professionelle Unterstützung erfordert, wenn er überhaupt möglich ist. Es ist kein Befehl, der einfach zu erfüllen ist.

Die Forderung nach Feindesliebe ist eine Einladung, über das hinauszublicken, was menschlich möglich scheint, und sich einer göttlichen Dimension zu öffnen. Eine Dimension, die eine andere Art der Reaktion auf das Böse ermöglicht. Es ist ein Aufruf zu einer Welt, die nicht auf Gegengewalt basiert, sondern auf der Hoffnung, dass selbst im dunkelsten Abgrund ein Funke Menschlichkeit und die Möglichkeit der Umkehr existieren können.

Die eingangs genannte Einschätzung trifft den Kern dessen, was menschlich als unmöglich erscheint. Doch die theologische Perspektive würde hinzufügen: Gerade weil es menschlich unmöglich ist, verweist es auf eine transzendente Dimension, die uns befähigen kann, das Undenkbare zu denken – und vielleicht in kleinen Schritten, in der Verweigerung von Hass und Rache, sogar zu leben.

Glauben Sie, dass das Konzept der Feindesliebe auch außerhalb religiöser Kontexte eine Bedeutung haben kann, beispielsweise als eine Form der Deeskalation oder Konfliktlösung?


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Kommentare

16 Kommentare zu „Ist Feindesliebe eine Illusion?“

  1. Erinnerst du dich an den Amoklauf von Nickel Mines (2006)? Die Amischen Eltern eines im Schul-Amoklauf getöteten Kindes vergaben dem Täter noch am gleichen Tag öffentlich, unterstützten dessen Familie finanziell und luden Täter und dessen Familie zur Beerdigung ein.

  2. Ich denke es ist ein langer Weg zur Feindesliebe. Es ist bestimmt kein leichter Weg, aber wir müssen nicht viel mehr tun als zu beten und uns dabei öffnen. Der „große Gärtner“ bearbeitet uns wie einen Acker und so wächst die Hoffnung, die Liebe und der Glaube.
    Herzliche Grüße von
    Pettersson aus Pettersson‘s Schafstall 🐑

  3. P.S.: Ich finde den ersten Satz in Matth 5,44 übrigens auch sehr wichtig (wie auch in Matth 5,38-39), weil der erste Satz betont was war und der zweite Satz uns sagt wie es wird.

    Und, by the way, ich glaube fest daran, dass Gewaltlosigkeit eine wesentlich stärkere Reaktion ist als Kampf. Aber das weißt du ja schon, lieber Marc, aus unseren „off-line Gesprächen“.

    Während des Studiums (ist schon fast 40 Jahre her) hatte ich ein interessantes Erlebnis im Psychiatrie Kurs. Der Professor kam in den Kurs und sagte nichts. 15 Minuten Schweigen. Es war ein unvergessliches Erlebnis. Ich lernte, dass Stille als Antwort auf im Raum stehende Fragen eine viel stärkere Antwort ist, als eine didaktisch und logisch eloquenter Vortrag von 30 Minuten. 🐑

  4. Ich erinnere mich, halte es aber für eine Schockreaktion oder bestenfalls eine Absichtserklärung: „ich WILL vergeben“. Vergeben KÖNNEN ist aber eine andere Liga. ob sie das wirklich KONNTEN, müsste man man recherchieren…

  5. Bei einem echten Feind, der so schreckliche Dinge getan hat, ist echte Feindesliebe – glaube ich – immer nur ein theoretischer Zielpunkt, aber kein inneres Gefühl, das man je erreichen könnte.

  6. Ja, Schweigen kann ohrenbetäubend sein.
    Schweigen kann übrigens auch eine Form von Gewalt sein.

  7. Täglich, im Kleinsten lernen zu vergeben – was ist mir Feind? Und warum? Antwort zu finden und zu verzeihen – das ist schon gross.

  8. Ich habe mal bei ChatGPT recherchiert:

    Ja, die Eltern und die Gemeinschaft der Amish haben dem Täter des Schulmassakers von Nickel Mines (Pennsylvania, 2006) tatsächlich vergeben – und das wurde weltweit bekannt als ein außergewöhnliches Beispiel von christlicher Vergebung.

    Was geschah in Nickel Mines?

    Am 2. Oktober 2006 betrat Charles Carl Roberts IV eine einräumige Schule der Amish-Gemeinschaft und erschoss fünf Mädchen im Alter von 6 bis 13 Jahren. Fünf weitere wurden verletzt, bevor er sich selbst das Leben nahm. Es war eine zutiefst traumatische Tat, vor allem für eine so friedliebende und zurückgezogene Gemeinschaft wie die Amish.

    Reaktion der Amish:

    Bereits am Tag der Tat gingen Mitglieder der Amish-Gemeinschaft zu der Familie des Täters, um Beileid auszudrücken und ihnen zu vergeben.

    Besondere Punkte:
    • Ein Großvater eines der getöteten Mädchen sagte öffentlich: „We must not think evil of this man.“
    • Die Amish boten finanzielle Unterstützung für die Familie des Täters an.
    • Mehrere Amish nahmen an der Beerdigung des Täters teil.
    • Der Fokus lag auf Vergebung, Demut und Heilung, nicht auf Rache oder Hass.

    Warum haben sie vergeben?

    Die Amish folgen einem radikal christlichen Verständnis von Vergebung, basierend auf Bibelversen wie:

    „Wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben.“ (Matthäus 6,14)

    Vergebung ist für sie kein einmaliger Akt, sondern eine geistliche Verpflichtung.

    Reaktionen außerhalb der Amish-Gemeinschaft:
    • Viele Menschen weltweit waren tief bewegt von dieser Reaktion.
    • Einige waren kritisch, weil sie dachten, die Amish würden damit das Leid verdrängen oder nicht richtig trauern.
    • Andere sahen darin ein mächtiges Zeugnis des Glaubens.

    Wenn du möchtest, kann ich dir auch ein paar Dokumentationen oder Bücher zu dem Thema empfehlen.

  9. Kannst du dich an das Gefühl erinnern, das du spürtest, nachdem du jemandem, der dir wirklich Leid angetan hat, vergeben hast?

    Es ist ein enormer „boost“, den man spürt. Als ob man das Böse in sich selbst überwunden hätte (zumindest für einen Moment). Diese innere Reaktion wird noch verstärkt, wenn die Vergebung öffentlich geschieht (s.a. Margot Friedländer) und die Umwelt die Größe der Reaktion erkennt.

  10. Ich verstehe dich. Du meinst das Schweigen in Anbetracht von Grausamkeit.

    Das Schweigen eines Freundes in einer Situation, in der wir Beistand erhofften, kann ernüchternd sein. Beistand ist jedoch nicht immer die Bestärkung des eigenen Verhaltens. Ein guter Freund hat auch den Mut mir entgegenzutreten und mich vor mir selbst und meiner Rachsucht zu retten.

    In der Welt ist „Hilfe“ manchmal eine politische Bezeichnung für etwas, das ein Staat tut, um seine eigenen Interessen durchzusetzen. Wenn Ärzte in Gaza Dienst tun, ist das Hilfe. Wenn wir Entwicklungshilfe (und Militärhilfe) leisten, stecken möglicherweise auch eigene wirtschaftliche und politische Interessen dahinter. Mit Entwicklungshilfe wurden ganze Kulturen zerstört. Mit Militärhilfe wurden Kriege verlängert, tausende Soldaten und Zivilisten in den Tod geschickt. Millionen Menschen verloren ihre Wohnung, ihre Arbeit, ihre Nahrung und Versorgung.

    Stille (und auch Schweigen) kann auch zu einer Unterbrechung der Routine (des gewohnten Denkens und Tuns) führen, wie eine Pause in der Musik, in der eine Tür unseres Herzens geöffnet wird, die uns etwas erblicken lässt, von dem wir nicht zu träumen wagten.

    Ich mache jetzt eine Pause!
    Sei behütet, Dein Pettersson 🐑

  11. „Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen.“ ― Matthäus 5,44

    Wir assoziieren mit Liebe meist ein Konglomerat an Liebhabereien und einige Formen des Instinkts.

    Es gibt nur wenige Menschen, die die Aussagen eines Jesus verstehen können. Aurelius Augustinus ist einer von ihnen: „Wir sollen die Menschen lieben, nicht ihre Irrtümer; die Menschen, nicht ihre Ungerechtigkeiten; die Menschen, nicht ihre Habgier.“

    Also einfach jeden (!) Menschen lieben.

    Für den wirklich Liebenden ist es ganz einfach, ohne jede Anstrengung. Den Übrigen scheint das unmöglich.

    Liebe sortiert nicht.

  12. Ja, selbst im Kleinen, wo der Feind noch nicht mal jemanden umgebracht hat oder so, wo also nur Streit und Meinungsverschiedenheit im Raum steht und das Gefühl: „Der/die versteht mich nicht / will mich nicht verstehen / ist so egoistisch /… “ – selbst da ist es schwer und gelingt nicht immer und nicht jedem.

  13. Es ist aber nicht „einfach“, weil man andere Menschen eben auch aufgrund dessen schätzt oder nicht schätzt, was sie tun oder getan haben.
    Denn die Taten eines Menschen zeigen auch seinen Charakter und der Charakter ist meist das, was man liebt oder nicht liebt.

    „Einfach“ einen Menschen zu lieben, weil er ein Mensch ist, ist zwar sinnvoll, aber für wohl fast jeden Menschen inhaltsleer. Und etwas Inhaltsleeres kann man nur in der Theorie lieben – nicht aber vom Gefühl her.

  14. „Man soll die Feinde lieben, nicht weil sie schon
    Brüder sind, sondern damit sie Brüder werden.“

    ― Aurelius Augustinus

    Und wenn wir noch etwas genauer hinsehen: Sie sind bereits Brüder.

    Es fehlt manchmal nur an
    brüderlicher Gesinnung…

    Als Kommentar zum ersten Johannesbrief schrieb Augustinus: „Liebe – und tu, was du willst.“

    🌼

    Marcus sagt: „Es ist aber nicht „einfach“, weil man andere Menschen eben auch aufgrund dessen schätzt oder nicht schätzt, was sie tun oder getan haben.“

    So ist es. Dann ist es nahezu unmöglich, weil so auf die Tat und was ich durch sie fühlen muss, fokussiert wird.

    Wenn die genannten Gottesmänner von Liebe sprechen, schlagen sie vor, nicht auf die Taten (Peripherie), sondern auf das Zentrum des Menschen zu blicken.

    Das ist eine völlig andere Perspektive – die der Liebe.

    🌼

    Marcus sagt: „einen Menschen zu lieben, weil er ein Mensch ist, ist zwar sinnvoll“

    Liebe ist nicht „sinnvoll“.

    Sie hat mit Sinn und Unsinn nichts zu tun. Sie ist eine der höchsten Schwingungen, auf die wir uns hier einstimmen können.

    🌼

  15. Marcus fragt: „Ist Feindesliebe eine Illusion?“

    ★ Ja ― für denjenigen, der in den Polen von Freundschaft und Feindschaft denkt, sind die Zeilen zur Feindesliebe eine Illusion.

    ★ Nein ― für den wirklich Liebenden ist „Feindesliebe“ keine Illusion, sondern nur ein Paradox, denn:

    Solange ich noch einen „Feind“ sehe,
    befinde ich mich nicht in der
    Schwingung der Liebe.

  16. So kann Heilung geschehen. 🌾

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