
Deutschlands Blick auf Wladimir Putin und sein Russland ist oft von einer historischen Blindheit und fatalen Romantisierung geprägt. Das macht uns verwundbar. Putin nutzt diese Anfälligkeit skrupellos aus, indem er auf deutschen Ängsten und einem fehlgeleiteten Schuldgefühl spielt, während er gleichzeitig sein eigenes, verlogenes Großmacht-Narrativ konstruiert. Es ist höchste Zeit, diese gefährliche Illusion zu durchbrechen.
Die Wurzel des Problems liegt tief in unserer Geschichte: Das Trauma des Zweiten Weltkriegs, insbesondere des brutalen Vernichtungskriegs im Osten, sitzt tief. Doch anstatt die tatsächlichen Opfer zu sehen – die Menschen in der Ukraine, Belarus und vor allem die Juden –, fokussiert sich ein diffuses Schuldgefühl auf ein abstraktes „Russland„. Putin weiß das und instrumentalisiert diese Gefühle.
Gleichzeitig tischen uns Putin und seine Apologeten eine dreiste historische Lüge auf: Sie beanspruchen den Sieg über Hitler allein für das heutige Russland. Dabei war es die multiethnische Sowjetunion, deren Führung unter Stalin anfangs mit Hitler paktiert hatte. Diese Aneignung ignoriert die unermesslichen Opfer aller Nationen der UdSSR und die vorangegangene Mittäterschaft. Wer Putins Geschichtsklitterung übernimmt, macht sich zum Komplizen.
Hinzu kommt eine verhängnisvolle deutsche Fixierung auf Russland, die über Jahrhunderte gewachsen ist. Die Vorstellung einer Achse Berlin-Moskau, die angeblich dem Westen trotzen könnte, ist ein historischer Geist, der immer wieder beschworen wird. Das Ergebnis: eine ignorante Geringschätzung Osteuropas. Länder wie Polen, Tschechien oder die Balten werden gedanklich zu Nebenfiguren degradiert, ihre Geschichte der Unterdrückung durch zwei totalitäre Regime ausgeblendet. Dabei sind sie heute unsere zentralen Partner.
Schlimmer noch: Manche in Deutschland – bis in die extreme Rechte hinein – zeigen eine unheimliche Anziehungskraft für Putins vermeintliche „Stärke„. Sie projizieren eine Bewunderung für jene, die die Wehrmacht besiegten, und träumen davon, durch Anlehnung an Moskau deutschen Einfluss zurückzugewinnen. Diese Haltung zeugt nicht nur von strategischer Naivität, sondern grenzt, zugespitzt gesagt, an Landesverrat.
Deutschlands Blick auf Russland ist oft eine gefährliche Mischung aus emotionaler Verirrung, falscher Geschichtsdeutung und strategischer Ignoranz. Er verkennt Putins wahre Absichten und beleidigt die Opfer der Geschichte und die Ängste unserer osteuropäischen Nachbarn. Es ist dringend nötig, diese RUSSLAND-Illusion zu begraben und Putins perfides Spiel mit unserer Geschichte nicht länger zu fördern.
Quelle: Basierend auf Erkenntnissen aus dem Interview mit Historiker Gerd Koenen: Thumann, Michael; Wefing, Heinrich: »Zwischen Deutschen und Russen gibt es eine Fixierung«. In: Die Zeit, 15.05.2025.



Kommentar verfassen