Gibt es Leben vor dem Tod?

Gibt es Leben vor dem Tod?Von Peter Ischka.. Das macht ein Leben aus zwischen Windelfüllen und Abkratzen? Man lebt einfach vor sich hin und fragt sich nicht, ob das überhaupt schon Leben ist. Der monotone Ablauf — Schlafen, Essen, Arbeiten, Fernsehen und vielleicht noch mit dem Ehepartner reden — fordert eine Frage heraus: „Gibt es Leben vor dem Tod?“

Eben von der Arbeit zurück; es gab wieder Ärger, weil die Produktion nicht so gelaufen ist, wie es hätte sein sollen. Man hat wieder einen Schuldigen gebraucht. Es geht gerade um eine Beförderung, und da operiert mein Kollege mit beinhartem Ellbogen. Aus jeder Mücke wird ein Elefant.

Ellbogentechnik, technologisch auf dem höchsten Niveau

Zuhause belabert mich die Frau. „Warum hast Du den Urlaub nach Mallorca noch nicht gebucht? Am Ende ist es wieder zu spät wie im letzten Jahr, und wir kommen wieder in eines der ‚letzten‘ Hotels.“ Im Hintergrund prügeln sich gerade die Kinder um irgendein Spielzeug, das sie gerade zur gleichen Zeit haben wollen.

Am liebsten haue ich dann ab, hock mich in die Kneipe um die Ecke und kipp mir die Birne voll. Dort kannste dann vergessen. Vielleicht triffst du jemanden, dem es gerade genauso geht.

Was ist das für ein Leben? Rattert es nicht viel zu gleichförmig die Hühnerleiter ‘runter? Ein Kumpel fragt immer wieder: „Was ist der Unterschied zwischen deinem Leben und einer Hühnerleiter?“ Weil in der Runde meistens keiner die Antwort weiß, hilft er schnell nach: „Keiner, ho ho ho, beide sind kurz und beschissen…“ und alle grölen vor Lachen. Aber momentan finde ich das überhaupt nicht witzig.

Wo sind eigentlich die Sternstunden meines Lebens? Okay, wie ich meine Frau kennen gelernt habe. Die ersten Monate waren wirklich toll. Wir waren total verliebt. Wir haben ordentlich auf den Putz gehauen — da war einfach noch gigantisch was los.

Aber seit einiger Zeit reden wir nicht mehr viel, außer den Vorwürfen, die wir uns an den Kopf schmeißen, wenn irgendetwas schief geht. Da gibt es immer genug Stoff. Letzte Woche hat unser Ältester zum Spaß die Gartenhacke so unters Auto des Nachbarn gelegt, dass es dessen Reifen beim Wegfahren total aufgeschlitzt hat. Jetzt liegen wir uns voll in den Haaren, weil jeder dem anderen die Schuld gibt, den Jungen falsch erzogen zu haben.

Wenn wir alle vor dem Fernseher hocken, dann ist‘s meistens am friedlichsten. Damit da nicht auch noch Streit aufkommt, hat inzwischen jeder seine eigene Glotze. Gelegentlich hocken wir zusammen, wenn der Film für alle okay ist.

Zuhause liegen wir uns in den Haaren

Wenn du dir das in einer melancholischen Minute vor einem Glas Bier zu Gemüte führst, dann merkste erst mal, wie leer so ein Leben sein kann. Ist denn das wirklich alles? Schlafen, arbeiten, essen, streiten, fernsehen und schlafen. Und das 60 Jahre lang, oder wann eben die Würmer an dir zu knabbern beginnen.

Der Blick ins Bierglas bringt nur kurze Abwechslung

Gerade habe ich da etwas von der Entwicklung des Menschen gelesen. Da hat so ein Wissenschaftler irgendwelche Knochen in Afrika gefunden. Über vier Millionen Jahre soll dieser Schädelteil alt sein. War das ein Affe oder irgendetwas Höheres? Ich frage mich nur, wozu so vielen Jahren nötig waren, für die Entwicklung vom Affen zum Otto Normalverbraucher – wohin haben wir uns denn entwickelt?

Mir kommt es vor, als ginge es abwärts. Der Wissenschaftler, der mit seinem alten Knochen alleine im Labor sitzt, der mag ja dabei ganz schön high werden. — Aber was helfen mir seine Vermutungen heute? Wenn das, was sich in meinem Leben abspielt, alles ist, dann waren die 4 Millionen Jahre von dem Knochen bis zu dem Mobbing heute in der Firma ganz schön umsonst.

Hat es die Evolution nur vom Affen bis zum Otto Normalverbraucher gebracht?

Ehrlich gesagt, mich wundert es nicht, wenn manche Schluss machen. Wenn du keine Aussichten auf Änderung hast, was soll‘s? Ich war nur zu feige bis jetzt. Schließlich muss irgendwer das Geld heimbringen. Dann kaufen wir uns alles mögliche Zeug. Der Junge musste unbedingt einen dicken Computer haben. Jetzt ist er überhaupt nicht mehr anzusprechen. Meiner Frau habe ich Klunker gekauft, so mit Diamanten drauf. Vielleicht bringt das unsere Beziehung wieder in Schwung.

Ich habe mir gerade wieder das neueste Modell meines Autos zugelegt. Im ständigen Karrierekampf mit meinen Kollegen muss ich zumindest am Firmenparkplatz etwas auf die Waage bringen. Dafür lohnt es sich, ordentlich Überstunden zu machen.

Aber was erzähle ich ihnen da? Das kennen sie doch sicher selber alles. Aus dieser Spirale herauszukommen, darum geht es. Aber wer hat da genügend drauf, um das zu stoppen? Hör dir mal die Politiker an, die taktieren sich geschickt im Parteien-Dschungel hindurch. Sie tasten alles so vorsichtig wie nur möglich an, damit keinem auf die Zehen getreten wird, es könnten ja die Spielchen hinter den Kulissen zum Vorschein kommen.

Es muss doch irgendetwas geben, was durchbricht, durch diese Mauer der unerträglichen Eintönigkeit. Mir kommt es so vor, jedem geht dieser Zustand total auf den Wecker, aber am Ende gibt sich doch wieder jeder damit zufrieden. Mit wem sollte man auch ernst darüber reden? Der Kumpel beim Bier versteht dich ja auch nur so lange, bis das Glas leer ist. Keiner rückt heraus mit seinen Sachen.

Jeder verkriecht sich in sein Schneckenhaus

Nicht einmal mit der eigenen Frau kannst du darüber reden, ohne dass es gleich Stress gibt. Irgendwie sollte jeder, der darüber reden will, einen roten Punkt auf seinen Kragen kleben. So hätte man jemanden, mit dem man zumindest einmal reden kann. Ich weiß nicht, was dabei herausschaut, aber wenn sie mich treffen, reden sie mich einfach an; ich klebe mir so einen roten Punkt einfach mal auf den Kragen. Sie auch?

Aus dem EXTRABLATT und ein Takt mehr

Foto: P.Ischka


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