Eigentlich gibt sich die „ZEIT“ als seriöse Zeitung, die durchaus in der Lage ist, ein differenziertes Bild über aktuelle Geschehen zu zeichnen. Der heute erschienene Artikel „Gott und Politik“ ist aber kaum mehr als eine billige Polemik eines in seiner religiösen Sozialisation geschädigten Autoren, der kaum über die Schwarz-Weiß-Malerei einer Bildzeitung hinauskommt und zudem hetzerische Züge aufweist. Warum das so ist, werden wir Ihnen im Folgenden erläutern. Da in dem Artikel deutlich wird, dass der Autor nicht nur ein einziges, sondern gleich unzählige Vorurteile als Basis seiner Argumentation benutzt, beschränken wir uns darauf, markante Passagen als Zitate aufzulisten und zu kommentieren. (Quelle der Zitate ist der unten angegebene Link).
Wir weisen hier darauf hin, dass der Artikel auch Dinge anspricht, die der Realität entsprechen. Aber er vertritt einen Ausschließlichkeitsanspruch, der seinesgleichen sucht. Was Sie hier vorfinden, ist antireligiöser Fundamentalismus, der sich den Deckmantel der „Vernunft“ und der „Aufklärung“ anzieht.
„Wohin auch immer sich Freiheit, Bildung und Demokratie ausbreiteten – überall bedeutete es den Niedergang von Religion und Aberglauben. “
Die Freiheit und Bildung basierte jahrhundertelang auf christlichem Fundament. Die Demokratie tut es hierzulande ebenfalls.
Die Gleichsetzung von Aberglauben und Religion entbehrt der Begründung und ist undifferenziert. Religion und Aberglauben sind unterschiedliche Dinge, selbst, wenn Karl Barth die „Religion“ als die Anmaßung des Menschen sieht, aus eigenem Antrieb zu Gott zu finden (er setzt dem die Botschaft des Evangeliums entgegen, als eine Nicht-Religion). Dennoch hat die hier getroffene Aussage Stammtischcharakter. Richtig ist dagegen: Religion und Aberglauben unterscheiden sich allein schon per definitionem dadurch, dass der Aberglaube per se als „Falschglaube“ gesehen wird, die Religion hingegen nicht.
„Der Anblick ständig schrumpfender Grüppchen alter Menschen auf den Knien, denen ebenso alte Priester den Segen erteilten, gehörte zu den Reizen einer alten Welt – mehr aber auch nicht. “
Das ist eine subjektive Stellungnahme zum Thema, mehr nicht. Hier kann man recht deutlich erkennen, wes Geistes Kind der Autor ist. In dieser Offensichtlichkeit peinlich für den Autor.
„In der neuen europäischen Welt war die Religion ein Thema von und für Minderheiten geworden. Die Vernunft hatte das Magische besiegt.“
Ersteres ist ebenfalls eine subjektive Sichtweise. Letzteres weist auf ein gestörtes Verhältnis zur Religion hin: Die christliche Religion hat nichts mit Magie zu tun. Es werden hier zwei völlig unterschiedliche Themen als ein und dasselbe behandelt. Man sollte über religiöse Themen nur schreiben, wenn man sich damit auch auskennt.
„Im globalen Vergleich zeigt sich, dass die am wenigsten gebildeten Menschen zugleich am religiösesten sind. “
Eine platte Platitude: denn: zahlenmäßig mag dies vielleicht stimmen. Der Autor verkennt aber komplett den philosophischen Hintergrund des Christentums. Der Autor führt somit die komplette altgriechische Philosophie, die das ganze Neue Testament durchzieht wie ein roter Faden, als irrelevant auf und setzt seine eigene, kleine, persönliche „Vernunftsphilosophie“ dagegen, die kaum darüber hinauskommt, zwischen Religion und Aufklärung unterscheiden zu können.
„In dieser Situation bringt die Angst vor dem Terrorismus oder auch nur vor den Fremden eine auf künstliche Weise christliche Reaktion hervor. “
Dies stimmt, ist aber nicht „künstlich“, sondern eigene Identitätssuche angesichts des Angriffs der Identität durch die Konfrontation mit widersprüchlichem Gedankengut. Was daran „künstlich“ sein soll, bleibt der Autor schuldig. Stattdessen zeigt sich hier wieder sein vorgefertigtes Bild, das er dem Geschehen überstülpt.
„Patriarchalische Familienstrukturen, besonders unter Familien aus den ländlichen Gebieten der islamischen Länder, wirken aus europäischer Sicht unterdrückerisch.“
Diese Strukturen gibt es natürlich im Islam, im Christentum auch. Aber es gibt sie überall: man braucht sich hierfür nicht des religiösen Überbaus zu bedienen.
„Angela Merkel schlug in die gleiche Kerbe und versuchte, Gott in die Verfassung hineinschreiben zu lassen. “
Gott und die christliche Ausrichtung bestimmten seit jeher das Abendland, Europa. Europa ruht auf christlichem Fundament. Das ist eine Realität.
„Jedoch besitzt gerade der Heilige Stuhl keinerlei Recht, über die Werte die Europäische Union zu bestimmen.“
Auch, wenn wir ökumenisch ausgerichtet sind: ein Recht besitzt er vielleicht nicht, die legitime Grundlage dafür hat er jedoch: das christliche Menschenbild – mit welchem übrigens auch der Autor permanent argumentiert, ohne sich dessen bewußt zu sein.
„Unangemessen eifrig darauf bedacht, unterdrückerische und patriarchalische Verhältnisse zu „respektieren“, vergessen sie die Menschenrechte von Frauen oder Homosexuellen.“
Eine unglaublich undifferenzierte Darstellung. Dies gilt natürlich für einige religiöse Gruppierungen, wird aber keinesfalls der Gesamtheit gerecht. Diese Schwarz-Weiß-Malerei grenzt schon an Hetzpropaganda.
„Denn wer den religiösen Glauben „kränkt“, gilt heute nahezu als Rassist.“
Wiederum falsch: er gilt nicht als Rassist, sondern als jemand, der die Würde des Andersdenkenden nicht respektiert. Und argumentiert nicht gerade damit der Autor, also mit dem Recht auf Demokratie, welches auch immer das Recht der eigenen Meinung einschließt ?
„Die dänischen Karikaturen waren gewiss dumm und nicht der Veröffentlichung wert – aber gerade das ist nicht das Argument derjenigen, die ihr Leben lang für die Meinungsfreiheit gekämpft haben. Ihr neuer Konsens lautet stattdessen, dass Zensur akzeptabel ist.“
Es geht hier nicht um Zensur. Es geht um Respekt vor Andersdenkenden. Wie wird wohl der Autor reagieren, wenn man Nacktbilder (oder besser noch: pornographische Bilder, und seien sie auch nur frei zusammengeschnitten im Sinne einer Parodie) von ihm veröffentlicht ? Das Recht hat man nämlich – wenn man seiner Argumentation folgt – im Sinne der Meinungsfreiheit, oder nicht ?
„Die einzig richtige Antwort darauf lautet, dass sämtliche staatlichen Schulen in Europa weltliche Schulen sein sollten.“
Vorsicht ! Wer mit Wörtern wie „einzig richtig“ argumentiert, ist nahe an einer faschistischen Weltsicht, an einer Weltsicht, die (s.o.) schwarz- weiß zeichnet.
Es gibt jedoch viele unterschiedliche Sichtweisen. Deshalb kann diese persönliche Antwort des Autoren auch nicht die „einzig richtige Antwort“ sein.
Zudem übersieht er völlig, dass das gesamte europäische Bildungssystem jahrhundertelang von christlichen Einrichtungen getragen und initiiert wurde.
„Ein unheiliges Bündnis aller Glaubensrichtungen sorgt derzeit dafür, dass alte Positionen mit neuer Aggressivität vorgetragen werden: gegen die Abtreibung, gegen die Stammzellenforschung, gegen die Schwangerschaftsverhütung im Teenageralter, gegen Euthanasie und Homosexuellenrechte, gegen Aufklärungsunterricht an den Schulen und auch dagegen, dass in den Entwicklungsländern im Kampf gegen Aids Kondome zum Einsatz kommen dürfen.“
Hier findet sich nun gleich ein ganzes Sammelsurium an religiösen Vorurteilen, die den Autoren zudem einmal mehr als Geschädigten bezüglich seiner religiösen Sozialisation entlarven. Geschädigt deswegen, weil er es nicht schafft, von seinen eigenen, subjektiven Überzeugungen zu abstrahieren und ein einigermaßen objektives Bild herzustellen.
Zudem: Mögen diese Themen zuweilen natürlich auch rigide von verschiedenen religiösen Gruppierungen vertreten werden (das stimmt zum Teil), so sind sie überdies hinaus jedoch vielmehr eines: ethische Forderungen und Reflektionen dazu, was es heißt, in Menschlichkeit miteinander Umgang zu haben.
„Zum Instrumentarium des gegenwärtigen (ebenso wie des vorigen) Papstes gehört es inzwischen, katholischen Politikern die Exkommunizierung anzudrohen, sofern sie die Politik der katholischen Kirche nicht unterstützen.“
Das ist Kirchenpolitik, an der der Autor zu Recht Anstoß nehmen mag. Er outet sich nun aber als in seiner religiösen Sozialisation gestörter Katholik. Denn selbst, wenn es innerhalb der katholischen Kirche eine strenge Hierarchie gibt, so deckt dieses auf die Katholiken bezogene Bild doch keineswegs auch nur ansatzweise die Gesamtsituation auf dem religiösen Markt ab. Dieses Bild wird vielmehr vom Autoren herangezogen, um seine eingleisig subjektive Sicht zu untermauern. Warum erwähnt er ausgleichenderweise eigentlich keine Missstände im „säkularen“ Bereich ?
„Menschenrechte und Religion stehen zueinander in einem fundamentalen Konfliktverhältnis.“
Diese Behauptung ist wohl fast die Überspitzung der gesamten Argumentationslinie. Es ist umgekehrt: Die Menschenrechte basieren auf dem Christentum. Der ach so säkular denkende Autor („im Sinne der Aufklärung“) kommt über sein eigenes Konstrukt eines Weltbildes kaum hinaus.
Es ist zwar so, dass auch in religiösen Kreisen rigide Lebensformen – auch unterdrückende – aufzufinden sind. Dies gilt jedoch für alle säkularen Kreise in gleicher Weise. Es ist aber dennoch so, dass die Menschenrechte in Europa auf dem christlichen Menschenbild aufsatteln, und nicht umgekehrt. Zudem ist es so, dass Menschen, die sich vor Gott verantwortet sehen, in der Regel einen anderen Umgang mit den Mitmenschen pflegen, als sogenannte „Ungläubige“, die sich mitunter nur marktwirtschaftlichen und egoistischen Interessen verpflichtet sehen.
„Und jetzt versuchen sie sogar, die Freiheit wieder abzuschaffen, in primitiven Texten enthaltene „offenbarte“ religiöse Wahrheiten zu bezweifeln und zu verspotten.“
Hier nun outet sich der Autor in seinem Schlußresumée zudem noch als geisteswissenschaftliche Niete: Dass diese Texte, nehmen wir die des Alten und Neuen Testaments – keineswegs „primitiv“ sind, haben unzählige Generationen von Exegeten, Systematischen Theologen und Philosophen bezeugt. Die Frage ist vielmehr, wer sich hier „primitiv“ gibt ?
„Es ist höchste Zeit, dass Europäer die freiheitlichen und demokratischen Werte der Aufklärung aufs Neue verteidigen. Deren neuer Gegner ist ein finsteres Bündnis aller Glaubensrichtungen, das den Nichtgläubigen die Macht entreißen will. “
Wir haben ja schon oben deutlich gemacht, was das Fundament von Freiheit und Demokratie in Europa jahrhundertelang gebildet hat – und immer noch bildet.
Und hier wird nun final klar, dass es sich letzlich um nicht mehr als um die rein subjektive Sicht des Autors handelt, die aber als Objektivität dargestellt werden soll:
Diejenigen, die an Gott glauben (das „finstere Bündnis“- dies ist eine rhetorische Wortfigur: eine „Synästhesie“: denn ein Bündnis kann nicht „finster“ sein) werden über einen Kamm geschoren (BILD-Zeitungsniveau…, Schwarz-Weiß-Malerei): Das Bündnis „aller Glaubensrichtungen“. Und dieses „Bündnis“, sofern es überhaupt außerhalb der Phantasie des Autors existiert, will also angeblich „den Nichtgläubigen die Macht entreißen.“
Gibt es dieses Bündnis denn überhaupt ? Und vielmehr noch: der Autor ist keineswegs nichtgläubig. Er vertritt vielmehr eines: einen fundamentalistischen Atheismus. Dies, liebe ZEIT, ist übrigens ebenfalls eine Glaubensausrichtung und – im Sinne der Ideologiekritik – ebenfalls eine Ideologie, die keineswegs die Wirklichkeit real abbilden muss.
Fazit:
möglicherweise geht es der ZEIT – Redaktion darum, mit gewagten Thesen aggressiv das Lesepublikum aufzurütteln. Dies wäre wohl der einzige Grund, der einem in den Sinn kommt für die Veröffentlichung eines derartigen Artikels.
Eine Zeitung vom Format der ZEIT sollte aber auf der Hut sein und sich dermaßen unkritsche, undifferenzierte Artikel nicht zu oft erlauben. Ihr guter Ruf in bezug auf differenzierte Berichterstattung steht auf dem Spiel – und ist schnell vertan.
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