
Ein Film von Andrei Tarkowski, der heute vielleicht aktueller ist als zu seiner Entstehungszeit.
Andrei Tarkowski letzter Film, der am 9. Mai 1986, also vor vierzig Jahren, in die Kinos kam, heißt im schwedischen Original „Offret“, zu deutsch: „Opfer“. Damals standen die globalpolitischen Zeichen schon auf Entspannung und tatsächlich fielen gute drei Jahre später die Mauer und der Eiserne Vorhang. Dennoch ist ein Atomkrieg die Kulisse, die Tarkowski wählt, um in einzigartiger visueller Ästhetik eine eindrucksvolle Hymne auf Sinnsuche und Opferbereitschaft in einer materialistischen Welt zu komponieren.
Die Handlung ist kurz erzählt (ohne allzu deutlichen spoiler): Der ehemalige Schauspieler Alexander hat sich auf eine schwedische Insel zurückgezogen. Hier feiert er mit seiner Ehefrau, den zwei Kindern und wenigen Gästen seinen 50. Geburtstag. Als die Erde bebt, erfährt die Gruppe vom Ausbruch des Atomkriegs. Um Gott versöhnlich zu stimmen, ist Alexander bereit, sich als Opfer anzubieten. Das geschieht in einem Feuerwerk an poetischen Bildkompositionen mit meisterhafter Lichtsetzung und Farbdramaturgie; Kameramann Sven Nykvist wurde bei den Filmfestspielen in Cannes 1986 mit einem Sonderpreis ausgezeichnet. Der Film gewann in Cannes zudem den FIPRESCI-Preis und den Preis der Ökumenischen Jury.
In „Offret“ verbindet der zum Zeitpunkt der Dreharbeiten schon todkranke Andrei Tarkowski die ausdrucksvolle Bildsprache seiner Filme mit tiefen Dialogen zu einem engagierten Plädoyer für die Selbstbeschränkung des modernen Menschen. Es entsteht beim Betrachter das beklemmende Gefühl von Realität, auch wenn es um Fiktion geht. Damals ging es um die Gefahr der nuklearen Technologie (im April vor vierzig Jahren war die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl), heute kann man an vielen Fronten einen Menschen sehen, der sich an einer Technik ergötzt, die ihn zugrunde zu richten droht. Insoweit ist der Film „Offret“ heute vielleicht aktueller als zu seiner Entstehungszeit.
Wer sich „Offret“ anschaut, hat übrigens den Segen des Papstes: Der Vatikan führt Tarkowskis letztes Werk in seiner Liste mit 45 besonders empfehlenswerten Filmen, in der Kategorie „Religion“. Andrei Tarkowski ist in dieser Liste und auch in dieser Kategorie zweimal aufgeführt, denn der 1966 erschienene Film „Andrej Rubljow“ über den gleichnamigen Ikonenmaler wird ebenfalls in Rom positiv bewertet.
Zum Trailer von „Offret“ (Original mit englischem Untertitel):
https://mubi.com/de/films/the-sacrifice/trailerhttps://mubi.com/de/films/the-sacrifice/trailer
Josef Bordat



Kommentar verfassen