Bernhard Lichtenberg

Zum 150. Geburtstag des seliggesprochenen Berliner Dompropsts.

Eine der herausragenden Persönlichkeiten der Katholischen Kirche Berlins ist der Selige Bernhard Lichtenberg. Er war einer der wenigen Menschen, die offen gegen die Pogrome vom November 1938 protestierten – durch das öffentliche Gebet für die Juden. Bernhard Lichtenberg, damals Dompropst an Sankt Hedwig in Berlin, protestierte zudem gegen die Ermordung von kranken und behinderten Menschen im Zuge der „Aktion T4“, dem „Euthanasie“-Programm der Nazis, benannt nach dem Sitz der Leitung der verantwortlichen Dienststelle in der Berliner Tiergartenstraße 4. Das einte Bernhard Lichtenberg mit seinem Vorgesetzten, dem Berliner Bischof Konrad Graf von Preysing, einem Cousin des Münsteraner Bischofs Clemens August Graf von Galen. Das trennte ihn von allen, die schwiegen, auch in der Katholischen Kirche.

Bernhard Lichtenberg wurde am 3. Dezember 1875 in Ohlau (Schlesien) geboren. Von 1895 bis 1898 studierte er katholische Theologie in Innsbruck und Breslau. Dort wurde er 1899 zum Priester geweiht. Seine erste Kaplansstelle war in Neisse, dann wurde Lichtenberg Pfarrer in Berliner Gemeinden, von 1910 bis 1913 in St. Georg (Pankow), von 1913 bis 1930 in  Herz-Jesu (Charlottenburg). Während des Ersten Weltkriegs war Lichtenberg zudem Militärgeistlicher bei einem in Charlottenburg stationierten Regiment und in den Nachkriegsjahren Mitglied der Zentrumsfraktion im Charlottenburger Stadtparlament. Von 1920 bis 1930 war er für die Zentrumspartei Bezirksabgeordneter im Wedding. Er gehörte auch dem Vorstand des 1919 von Max Josef Metzger gegründeten Friedensbundes Deutscher Katholiken an. Neben seiner Tätigkeit als Geistlicher hat er sich also immer auch politisch engagiert.

1930 war ein wichtiges Jahr für die Kirche in Berlin. Das Bistum Berlin wurde gegründet und Bernhard Lichtenberg beriet als Domkapitular den neuen Berliner Bischof Christian Schreiber, der zuvor neun Jahre lang Bischof von Meißen war. 1932 wurde Lichtenberg zum Dompfarrer an der St.-Hedwigs-Kathedrale berufen und 1938 zum Dompropst ernannt. Seit 1935 war Konrad Graf von Preysing Bischof in Berlin und damit Bernhard Lichtenberg Chef. Im Münsteraner Bischof Clemens August Graf von Galen hatte er einen widerständigen Cousin, was von Preysing ermutigte, auch ab und an regimekritische Predigten zu halten, an die Würde jedes Menschen zu erinnern und damit dem Zeitgeist zu widersprechen, der in Juden „Untermenschen“ sah. Dies war ein guter Rückhalt für Bernhard Lichtenberg. Denn der beachtlichen kirchlichen Karriere lagen die zunehmenden Repressionen der Nationalsozialisten quer. Schon vor der „Machtergreifung“ (1933) hatte Joseph Goebbels gegen Lichtenberg gehetzt, weil dieser zum Besuch des Anti-Kriegsfilms Im Westen nichts Neues nach dem Roman von Erich Maria Remarque aufgerufen hatte. 1933 durchsuchte die Geheime Staatspolizei erstmals Lichtenbergs Wohnung. 

Doch Bernhard Lichtenberg ließ sich nicht einschüchtern. Er vertrat gegenüber der Politik immer die Sicht der Kirche, das christliche Menschenbild, als Mandatsträger für das Zentrum, dann – nach Auflösung der Partei – als Geistlicher mit Gewissen. Er protestierte 1935 gegen die Haftbedingungen im KZ Esterwegen mit einer Beschwerdeschrift. Lichtenberg wird wegen „Verbreitung von Greuelpropaganda“ von der Gestapo verhört und misshandelt. Auch das hält ihn nicht ab, seine katholische Haltung offen zu zeigen. Nach den Novemberpogromen 1938 betete Lichtenberg jeden Sonntag öffentlich für die Verfolgten, gleich welchen Glaubens. 1941 protestierte der mutige Domprobst in einem Brief an Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti gegen die systematische Ermordung unheilbar Kranker und geistig oder körperlich Behinderter, jene „Aktion T4“, die ein in der Geschichte beispielloses „Euthanasie“-Programm vorsah, dem mehr als 70.000 Menschen zum Opfer fielen. Die Informationen dazu kamen von seinem Bischof, dieser hatte sie von seinem Cousin. Nach den drei öffentlichen Predigten von Galens im Sommer 1941 waren die Fakten dann für alle Menschen guten Willens klar.

Die Antwort der Nazis ließ nicht lange auf sich warten. Bernhard Lichtenberg wird am 23. Oktober 1941 durch die Geheime Staatspolizei festgenommen. Bei der Festnahme fand man eine vorbereitete Kanzelvermeldung, in dem die Gemeinde aufgefordert wurde, einem anonym verbreiteten Flugblatt an die Berliner, das jedwede Unterstützung von Juden als „Verrat am eigenen Volk“ bezeichnete, keinen Glauben zu schenken und nach dem Gebot Jesu Christi zu handeln. Die Gebete für die Juden, die Kritik an dem Nazi-Flugblatt, das reichte dem Sondergericht Berlin I, Lichtenberg am 22. Mai 1942 wegen „Kanzelmissbrauchs“ (Predigten mussten unpolitisch sein, Priester, die sich nicht daran hielten, machten sich strafbar) und Vergehen gegen das Heimtückegesetz (damit kommte man jede Kritik zur Straftat machen) zu einer zweijährigen Haftstrafe zu verurteilen.

Bernhard Lichtenberg war auch Leiter des Hilfswerks beim Bischöflichen Ordinariat Berlin, mit dem die Katholische Kirche Verfolgten des Naziregimes die Flucht aus Deutschland ermöglichte und Berliner Juden, die sich im Untergrund versteckten, mit Wohnraum und Lebensmitteln versorgte. Nach der Verhaftung seines Domprobstes hatte Bischof Konrad Graf von Preysing persönlich die Leitung dieses Werks übernommen, damit die Hilfe weitergehen konnte.

Bernhard Lichtenberg sitzt die Haftstrafe erst im Gefängnis Tegel, dann im Durchgangslager Berlin-Wuhlheide ab. Doch nach Ende der Haftzeit im Herbst 1943 wird Lichtenberg nicht etwa entlassen, sondern in „Schutzhaft“ genommen und das Reichssicherheitshauptamt verfügt die Einweisung ins Konzentrationslager Dachau. Auf dem Transport nach Dachau machte der Zug am 3. November 1943 Halt in Hof. 200 Gefangene, darunter Bernhard Lichtenberg, werden mit Lastwagen in ein Gefängnis gebracht. Der Gefängnisleiter wurde auf Bernhard Lichtenberg aufmerksam und sorgte dafür, dass der schwer herz- und nierenkranke Geistliche am nächsten Tag in das städtische Krankenhaus überwiesen wurde. Am 5. November 1943 starb Bernhard Lichtenberg. 

Papst Johannes Paul II. hat Bernhard Lichtenberg bei seinem Berlin-Besuch im Jahr 1996 selig gesprochen; ein Heiligsprechungsverfahren wird derzeit im Erzbistum Berlin vorbereitet. Am Grab Bernhard Lichtenbergs betete der Heilige Vater am 23. Juni 1996 mit folgenden Worten, die das Wirken des neuen Seligen gut zusammenfassen: „Dein Diener Bernhard Lichtenberg hat in dieser Stadt als Zeuge des Glaubens und der Liebe gewirkt. Er hat selber viel gelitten, um Menschen in ihrer leiblichen und seelischen Not beizustehen. Er hat seine Freiheit und sein Leben gewagt, indem er für die Verfolgten des Nazi-Regimes, besonders für die Juden, eingetreten ist“. 

Die Gedenkstätte Yad Vashem verlieh Bernhard Lichtenberg 2004 die Auszeichnung „Righteous among the Nations“ („Gerechter unter den Völkern“); er ist einer der wenigen Katholiken, die diesen Titel verliehen bekamen. Im Juni 2009 wurde auf Initiative des Aktiven Museums in der Französischen Straße Ecke Hinter der Katholischen Kirche ein Stolperstein für Bernhard Lichtenberg verlegt. Seit 1. Januar 2021 gibt es im Zentrum Berlins die neu gegründete Pfarrei Bernhard Lichtenberg, zu der vier Gemeinden sowie verschiedene Orte kirchlichen Lebens gehören. Und: Jedes Jahr findet Anfang November eine Bistumswallfahrt zu Ehren des Seligen statt, 2022 zur Gedenkkirche Maria Regina Martyrum. Dorthin wurden die Reliquien Bernhard Lichtenbergs für die Zeit des Umbaus der St.-Hedwigs-Kathedrale übertragen.

Der Selige Bernhard Lichtenberg. Im Zentrum seines Lebens steht eines seiner bekanntesten Zitate: „Ich werde meinem Gewissen folgen und alle Konsequenzen in Kauf nehmen“. Es zeigt Bernhard Lichtenbergs Geisteshaltung, die dazu geführt hat, dass er nicht nur für uns Katholiken im Erzbistum Berlin als Vorbild leuchtet. Mit diesem Zitat wird das Wesen des Gewissensgebrauchs auf den Punkt gebracht: 1. Die Absicht, dem Gewissen stets zu folgen, auch dann, wenn es zu Handlungen führt, die gesetzeswidrig sind. Und: 2. Die Bereitschaft, dann aber auch die rechtlichen Konsequenzen zu tragen, die daraus resultieren. Bernhard Lichtenberg ist mit seinem klaren Bekenntnis ein großes Vorbild für alle Menschen.

Josef Bordat


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