Die Chronik eines angekündigten Kardinalfehlers

Sich auf den von Donald Trump und seinem Umfeld skizzierten „Friedensplan“ einzulassen, wäre für die Ukraine kein diplomatischer Kompromiss. Es wäre die Unterschrift unter das eigene Todesurteil. Warum Kyjiw diesen Vorschlag nicht nur ablehnen muss, sondern ihn als das entlarven sollte, was er ist – eine strategische Bankrotterklärung –, lässt sich kühl und bitter zugleich herleiten.

1. Das Märchen von den Sicherheitsgarantien

​Der zynischste Teil des Plans ist das Versprechen von „Sicherheitsgarantien“ ohne NATO-Mitgliedschaft. Wir haben diesen Film schon einmal gesehen, und er endete blutig. Das Budapester Memorandum von 1994 war kein unverbindlicher Handschlag, es war ein völkerrechtliches Dokument. Russland garantierte die Grenzen, der Westen bürgte dafür. Das Ergebnis? Butscha, Mariupol, Bachmut.

​Wenn Trump nun vorschlägt, den Krieg einzufrieren und dafür vage Zusagen zu machen, ignoriert er bewusst die Realität: Putin respektiert keine Verträge, er respektiert nur Stärke.

Eine Sicherheitsgarantie, die nicht durch Artikel 5 der NATO (ein Angriff auf einen ist ein Angriff auf alle) und stationierte US-Truppen gedeckt ist, ist für Moskau keine rote Linie, sondern ein grünes Licht. Es signalisiert dem Kreml: „Warte ein paar Jahre, rüste auf, und dann hol dir den Rest. Wir werden nicht eingreifen.“ Für die Ukraine bedeutet das: Sie tauscht Land nicht gegen Frieden, sondern gegen eine Galgenfrist.

​2. Die militärische Kastration

​Die Forderung, die ukrainische Armee auf 400.000 Soldaten zu begrenzen und Langstreckenwaffen abzugeben, ist militärisch gesehen Wahnsinn.

Die Ukraine hat eine Frontlinie von über 1000 Kilometern zu verteidigen. Gegen eine russische Armee, die (wie wir wissen) Massenmobilisierungen durchführen kann und deren Rüstungsindustrie auf Hochtouren läuft, ist eine künstlich verkleinerte ukrainische Armee chancenlos.

  • Ohne Langstreckenwaffen (wie ATACMS oder Storm Shadow und die mittlerweile aus eigener ukrainischer Konzeption und Produktion stammenden Flamingo Marschflugkörper) kann Kyjiw russische Aufmarschgebiete im Hinterland nicht treffen. Die Ukraine müsste tatenlos zusehen, wie Russland an der Grenze Panzer sammelt, um dann überrollt zu werden.
  • ​Dies ist keine Demilitarisierung für den Frieden, es ist die Vorbereitung einer Schlachtbank. Wer einem Land, das um seine Existenz kämpft, die effektivsten Verteidigungswaffen nimmt, macht sich zum Komplizen des Aggressors.

​3. Das fatale Signal an die Welt

​Strategisch wäre ein Eingehen auf diesen Deal eine Katastrophe mit globaler Reichweite.

  • Legitimierung des Raubes: Wenn Grenzen gewaltsam verschoben werden können und der Westen das absegnet, ist die UN-Charta Makulatur. China schaut genau hin (Taiwan), und Autokraten weltweit lernen: Gewalt lohnt sich, man muss nur lange genug durchhalten.
  • Europas Albtraum: Eine Ukraine, die unter russischen Einfluss gerät oder zerfällt, bringt die russische Bedrohung direkt an die polnische und rumänische Grenze. Die „Pufferzone“, von der Trump träumt, wäre keine Sicherheitszone, sondern ein Unruheherd, der Europa auf Jahrzehnte destabilisiert.

​4. Die menschliche Dimension: Verrat an den Opfern

​Emotional betrachtet ist der Plan ein Schlag ins Gesicht jedes Ukrainers. Die Menschen in den besetzten Gebieten wissen, was russische Besatzung bedeutet: Verschleppung, Folter, Umerziehung. Diese Gebiete offiziell oder faktisch abzutreten, heißt, die eigene Bevölkerung der Willkür einer Diktatur auszuliefern. Kein ukrainischer Präsident könnte das überleben – weder politisch noch moralisch. Die Angst vor diesem Schicksal ist der Motor des Widerstands, nicht der Wunsch nach Heldentum.

Strategische Bewertung

Der Plan funktioniert nicht, weil er auf der Illusion basiert, man könne einen imperialistischen Aggressor durch Geschenke besänftigen. Er würde die Ukraine wehrlos machen (militärische Begrenzung) und isolieren (keine NATO). Kyjiw würde sich in eine russische Kolonie verwandeln – genau das Ziel, das Putin seit Tag 1 verfolgt. Sich darauf einzulassen, wäre Wahnsinn.


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Kommentare

2 Kommentare zu „Die Chronik eines angekündigten Kardinalfehlers“

  1. Avatar von Julia Wiesenbecker
    Julia Wiesenbecker

    Vor zwei Jahren glaubten die Ukraine und ihre Unterstützer, daß sie die Russen mit ihrer Sommeroffensive ins Asov’sche Meer treiben könnten. Hunderttausend Tote später hatte sich die Front kaum bewegt.
    Kennen Sie den Film „Im Westen nichts Neues“? Wer jetzt immer noch einer Fortsetzung des Krieges bis zur Vertreibung der Russen das Wort redet, ähnelt dem Lehrer aus dem o.g. Film, der seine Primaner an die Front predigt, ohne Gefahr zu laufen, selber eingezogen zu werden.

  2. Ihr Vergleich ist strategisch fehlerhaft und moralisch irreführend.
    Der Hauptfehler liegt in Ihrer Analogie zu „Im Westen nichts Neues“:

    * Verteidigung vs. Imperialismus: Die Ukraine führt einen existenziellen Verteidigungskrieg gegen eine brutale Invasion. Soldaten sterben, um die Auslöschung der Nation und Kriegsverbrechen (Verschleppungen, Folter) in den besetzten Gebieten zu verhindern. Im Gegensatz dazu kämpften die Soldaten im Ersten Weltkrieg für abstrakte imperiale Ziele, angestachelt von zynischen Eliten.

    * Alternative zur Fortsetzung: Die Alternative zur Fortsetzung des Kampfes ist nicht dauerhafter Frieden, sondern Kapitulation und die Konsolidierung des russischen Terrors. Dies würde Russland lediglich Zeit zur Erholung geben, um den Angriff auf den Rest der Ukraine vorzubereiten.

    * Die 2023er Offensive: Die hohen Verluste waren primär der fehlenden Lufthoheit und den massiven russischen Befestigungen geschuldet – nicht der Sinnlosigkeit des Widerstands an sich.

    Der Aufruf zur Fortsetzung kommt nicht von zynischen „Kantoreks“, sondern von einer Bevölkerung, die sich dem Schicksal der Unterjochung verweigert.

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