Antisemitismus als Zeichen von Dummheit

Der aktuell wiederauflebende Antisemitismus in Deutschland und anderswo ist nicht nur ein moralisches Desaster, sondern vor allem ein Zeichen einer tiefgreifenden intellektuellen Schwäche. Es ist die Unfähigkeit oder der Unwille, zu differenzieren – eine Form der Dummheit, vor der, wie sich zeigt, selbst ein hoher Bildungsgrad nicht schützt. Dieser kognitive Kurzschluss besteht darin, die legitime und manchmal notwendige Kritik an der Politik einer spezifischen israelischen Regierung, wie der von Netanjahu, mit einer pauschalen Ablehnung des Staates Israel, seiner Bürgerinnen und Bürger oder, schlimmer noch, von Jüdinnen und Juden weltweit gleichzusetzen.

Diese falsche Gleichsetzung ist eine intellektuelle Bequemlichkeit. Es ist einfacher, ein komplexes Problem auf ein simples Feindbild zu reduzieren, als die widersprüchlichen Realitäten gleichzeitig anzuerkennen. Die Kriegsführung der Regierung Netanjahu in Gaza ist, wie Martin Machowecz in der ZEIT beschreibt, brutal und das Leid der Zivilbevölkerung ist höllisch. Diese Tatsache zu benennen, ist kein Antisemitismus. Der Antisemitismus beginnt dort, wo diese Kritik in Kollektivhaftung umschlägt. Wo ein israelischer Koch in Berlin um die Eröffnung seines Restaurants fürchten muss oder der jüdische Publizist Michel Friedman ausgeladen wird, weil man seine Sicherheit nicht garantieren könne.

Das Versagen der Differenzierung ignoriert die vielschichtige Realität Israels. Es ignoriert, dass Israel die einzige funktionierende Demokratie im Nahen Osten ist, mit einer vielfältigen Gesellschaft, in der keineswegs alle hinter den Angriffen auf Gaza stehen. Es ignoriert, dass Gaza von einem Terrorregime beherrscht wird, dessen erklärtes Ziel die Vernichtung Israels ist und das immer noch Geiseln festhält. Wer diese Fakten ausblendet, um sich in der „Bequemlichkeit der Eindeutigkeit“ einzurichten, argumentiert nicht politisch, sondern verbreitet ein Zerrbild.

Die Folgen dieses intellektuellen Versagens sind konkret und gefährlich. Der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus verzeichnete einen Anstieg antisemitischer Vorfälle um 77 Prozent auf durchschnittlich 24 pro Tag im Jahr 2024. Diese Taten speisen sich aus dem alten rechten Antisemitismus, aber eben auch zunehmend aus linken und muslimisch geprägten Milieus. Wenn Juden sich nicht mehr trauen, mit Kippa auf die Straße zu gehen, während das Palästinensertuch als Solidaritätssymbol getragen wird, läuft fundamental etwas schief.

Letztlich ist dieser Antisemitismus eine Kapitulation vor der Komplexität. Wahre intellektuelle und moralische Stärke zeigt sich darin, beides auszuhalten: das Mitgefühl mit den palästinensischen Opfern und die Solidarität mit Israel und den Jüdinnen und Juden, die von Vernichtungsfantasien bedroht sind. Die Fähigkeit zu differenzieren ist keine Relativierung, sondern die Grundvoraussetzung für jede ernsthafte und humane Auseinandersetzung.

Quelle der Hintergrundinformationen: Martin Machowecz, „HASS IN DEUTSCHLAND: Nichts ist gut“, DIE ZEIT vom 25.9.25, Titelseite..


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