Eine Frage des Geschmacks

Der junge Herr Friedrich war ein Mann von unbestreitbarem Stil. Seine Hemden waren stets gebügelt, seine Schuhe spiegelten und er hatte eine Art, einen einfachen Bürotag wie einen Ausflug zur Mailänder Modewoche aussehen zu lassen. Genau das war es, was Herrn Fromm aus der Buchhaltung zutiefst beunruhigte. Ein Mann, der so viel über die richtige Manschettenknopf-Farbe nachdachte, musste in seinen Augen eine Seele sein, die auf gefährlichen Pfaden wandelte. Also lud er ihn in seinen christlichen Hauskreis ein, eine Einladung, die Herr Friedrich mit seiner üblichen, entwaffnenden Freundlichkeit annahm. Als Geste des guten Willens beschloss Friedrich, nicht mit leeren Händen zu kommen. Er verbrachte den Freitagnachmittag damit, einen exquisiten Lavendel-Honig-Kuchen zu backen, den er mit einer Sorgfalt verzierte, die sonst nur Uhrmachern oder Chirurgen zu eigen ist.

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Als Herr Friedrich den Kuchen im Wohnzimmer der Fromms präsentierte, senkte sich eine eisige Stille über die versammelte Runde. Der Kuchen war objektiv perfekt. Zu perfekt. Die Art, wie die kandierten Lavendelblüten auf der Glasur arrangiert waren, schrie geradezu nach weltlicher Dekadenz. „Der ist ja… sehr… kunstvoll, Herr Friedrich“, stieß Frau Sorge hervor und musterte ihn, als sei er ein trojanisches Pferd aus Biskuitteig. Im einleitenden Geplänkel verriet Friedrich dann noch, dass er allein lebe, kein Interesse am Fußball habe und seine größte Freude darin bestehe, auf Flohmärkten nach antiken Jugendstilvasen zu suchen. In diesem Moment sahen sich die Mitglieder des Hauskreises mit einer fast telepathischen Einigkeit an. Die Diagnose war klar. Der arme, junge Mann war vom rechten Weg abgekommen. Die geplante Lesung aus dem Römerbrief wurde stillschweigend verworfen. Heute Abend stand eine Intervention auf dem Programm.

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„Wir sprechen heute über die göttliche Schöpfungsordnung“, verkündete Herr Fromm mit dem Brustton der Überzeugung und schlug seine Bibel bei Genesis auf. „‘Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und er schuf sie als Mann und Frau‘ (1. Mose 1,27).“ Er machte eine Pause und sah Friedrich eindringlich an. „Nicht Mann und Mann. Nicht Frau und Frau. Mann und Frau. So ist der Plan.“ Herr Friedrich, der dies für eine interessante historische Einleitung hielt, nickte anerkennend. „Eine sehr klare Struktur. Das gefällt mir.“ Daraufhin wurde ihm Rebekka vorgestellt, die Nichte von Frau Sorge, die zufälligerweise auch zugegen war. Rebekka war ein Mädchen von resoluter Unscheinbarkeit und blickte Friedrich mit der Entschlossenheit einer Missionsärztin an, die gerade einen unheilbar Kranken vor sich hat. „Rebekka sucht auch einen guten, christlichen Mann, um eine Familie zu gründen“, säuselte Frau Fromm. „Ist das nicht das Schönste, was es gibt, Herr Friedrich? Das Lachen von Kindern?“ „Oh, absolut!“, stimmte Friedrich fröhlich zu, ohne zu bemerken, dass man ihm gerade eine Ehefrau anpries. „Kinder sind die Zukunft!“

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Der Abend wurde zu einer bizarren Parade von Rettungsversuchen. Herr Eifrig hielt einen flammenden Vortrag über die Sünden von Sodom und Gomorra. Frau Sorge erzählte unter Tränen von einem Cousin, der „lange in der Stadt nach dem falschen Glück suchte“, bevor er eine „anständige Frau“ fand und nach Buxtehude zog. Höhepunkt war das gemeinsame Gebet, bei dem Herr Fromm den Herrn bat, „unserem lieben Bruder Friedrich die Augen zu öffnen für die Freuden der gottgewollten Partnerschaft und ihn von allen weltlichen Verirrungen und unnatürlichen Neigungen zu heilen.“ Herr Friedrich fühlte sich währenddessen unglaublich willkommen. Er dachte, diese intensive, persönliche Anteilnahme sei einfach die Art, wie diese netten Leute neue Mitglieder aufnahmen. Er lobte Rebekkas „sehr praktische und robuste“ Strickjacke und versprach Frau Sorge, ihr das Rezept für seinen Kuchen zu schicken.

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Als er sich verabschiedete, strahlte er die ganze Gruppe an. „Vielen herzlichen Dank! Es war ein unglaublich persönlicher und tiefgründiger Abend. Man fühlt sich bei Ihnen sofort gesehen und umsorgt.“ Er drückte Herrn Fromm herzlich die Hand. „Ihre Sorge um das Seelenheil Ihrer Mitmenschen ist wahrlich inspirierend. Ich werde über die vielen Denkanstöße meditieren. Vielleicht schaue ich ja bald wieder vorbei.“ Die Tür fiel ins Schloss. Im Wohnzimmer atmete der Hauskreis kollektiv auf. Ihre Gebete, da waren sie sich sicher, wirkten bereits. Der erste Schritt zur Heilung des Herrn Friedrich war getan.


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