
Psychische Belastungen in der Ukraine und bei Angehörigen
Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine dauert nun schon über drei Jahre und vier Monate an und hat weitreichende und tiefgreifende psychische Auswirkungen auf die Bevölkerung. Während die Menschen in der Ukraine versuchen, ihren Alltag inmitten ständiger Bedrohung zu meistern, erleben auch ihre Angehörigen im Ausland eine immense seelische Belastung.
Leben im Ausnahmezustand: Die Psyche in der Ukraine
Für Millionen von Menschen in der Ukraine ist der Krieg zu einem grausamen Dauerzustand geworden. Ständige Luftalarme, die Zerstörung von Städten und Infrastruktur sowie die Präsenz von Minen und Blindgängern prägen das tägliche Leben. Diese chronische Bedrohung führt zu einer enormen psychischen Belastung.
Psychologen beobachten eine beeindruckende Widerstandsfähigkeit der ukrainischen Bevölkerung. Viele haben gelernt, mit den extremen Umständen umzugehen, indem sie sich auf das Hier und Jetzt konzentrieren und sich gegenseitig unterstützen. Doch unter dieser Oberfläche brodeln Angst, Trauer und Trauma. Besonders Kinder sind gefährdet, an Depressionen, Angstzuständen oder posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) zu erkranken. Es wird geschätzt, dass allein 1,5 Millionen Kinder einem hohen Risiko ausgesetzt sind.
Die Anpassung an die „neue Normalität“ mag von außen wie eine Form der Resilienz erscheinen, ist aber oft eine Überlebensstrategie, um nicht unter der Last des Krieges zusammenzubrechen. Der Alltag mag weiterlaufen, doch die seelischen Wunden sind tief und die Langzeitfolgen noch nicht absehbar.
Zerrissene Seelen: Angehörige im Ausland
Der Krieg hat nicht nur Binnenflüchtlinge und Flüchtlinge in andere Länder gezwungen – 3,7 Millionen Menschen sind innerhalb der Ukraine vertrieben, während rund 6,3 Millionen in Europa Zuflucht gesucht haben, davon allein über 1,2 Millionen in Deutschland. Doch auch wenn sie in Sicherheit sind, leiden die Angehörigen von Ukrainerinnen und Ukrainern, die noch im Land verblieben sind, unter einer immensen psychischen Last.
Die ständige Sorge um die Liebsten, die in Kriegsgebieten leben, ist erdrückend. Jeder Nachrichtenbericht über Angriffe, jeder Stromausfall, der die Kommunikation unterbricht, löst massive Angst und Panik aus. Viele fühlen sich schuldig, in Sicherheit zu sein, während ihre Familie Gefahr läuft. Dieses Schuldgefühl kann zu tiefen Depressionen führen und das Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht verstärken.
Das Leben in zwei Welten – der sicheren neuen Umgebung und der vom Krieg zerrütteten Heimat – führt oft zu einer zerrissenen Identität. Die Betroffenen ringen mit der Anpassung an ein neues Leben, während ihre Gedanken und Herzen bei den Menschen in der Ukraine verweilen. Die psychische Gesundheit dieser Gruppe ist besonders gefährdet, und es besteht ein dringender Bedarf an psychosozialer Unterstützung, die kulturelle und sprachliche Barrieren überwindet.
Ein Weg nach vorne: Die Notwendigkeit umfassender Hilfe
Der psychologische Preis des Krieges ist immens und wird die Gesellschaft noch Jahrzehnte beschäftigen. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass sowohl in der Ukraine als auch in den Aufnahmeländern umfassende und zugängliche psychologische Hilfsangebote etabliert werden. Die Heilung der seelischen Wunden ist genauso wichtig wie der Wiederaufbau von Häusern und Infrastruktur, um den Menschen eine echte Perspektive für die Zukunft zu ermöglichen.



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