Blut an den Händen, Marmor im Becken

Stell dir eine Wellness-Oase vor, die größer ist als mehrere Fußballfelder zusammen, vollgepackt mit dampfenden Riesenbecken, Saunen, Fitnessbereichen, Bibliotheken und schattigen Parks mitten im antiken Rom. Klingt nach absolutem Luxusurlaub? Für die Römer war das Alltag in den Caracalla-Thermen. Bis zu zweitausend Menschen chillten hier gleichzeitig, schwitzten im glühend heißen Caldarium, zogen ihre Bahnen im gigantischen Schwimmbecken oder trafen Freunde zum Quatschen. Ein riesiger Club für Freizeit, Bodybuilding und Socializing – und das Beste daran: Für die römischen Bürger war der Eintritt spottbillig.

Doch hinter dem schimmernden Marmor und den pompösen Mosaiken steckt eine extrem düstere Realität. Finanziert und benannt wurde das gigantische Prestigeprojekt von Kaiser Caracalla – und der war alles andere als ein sympathischer Wohltäter. Caracalla, der seinen Spitznamen übrigens von einem gallischen Kapuzenmantel hatte, herrschte als eiskalter, paranoider Militärdiktator. Seinen eigenen Bruder Geta ließ er eiskalt im Schoß der gemeinsamen Mutter ermorden, nur um die Macht nicht teilen zu müssen. Anschließend verhängte er die Auslöschung seines Andenkens (Damnatio memoriae) und ließ Tausende angebliche Anhänger seines Bruders hinrichten. Wenn man heute auf seine griesgrämigen Statuen blickt, ahnt man sofort: Dieser Mann regierte mit eiserner Faust und purer Einschüchterung.

Aus heutiger Sicht entpuppen sich die Luxusthermen deshalb als die ultimative Ablenkungskampagne und Image-Politur. Caracalla brauchte die Truppen an der Grenze und die Massen in der Hauptstadt hinter sich. Indem er den Römern die spektakulärste Spaßbad-Landschaft der damaligen Welt vor die Nase setzte, kaufte er sich schlichtweg Ruhe. Wer den ganzen Tag bei angenehmer Wassertemperatur entspannen kann, fragt nicht danach, wie viele politische Gegner der Herrscher gestern Nacht beseitigen ließ. Es war antikes Brot und Spiele in seiner reinsten Form: Luxus als Nebelkerze für gnadenlose Brutalität.

Selbst sein berühmtester politischer Schachzug, die Constitutio Antoniniana, mit der er fast allen freien Bewohnern des Reiches das römische Bürgerrecht schenkte, war kein nobler Akt für Gleichberechtigung. Caracalla brauchte schlichtweg Geld – und nur Bürger durften bestimmte saftige Steuern zahlen, mit denen er seinen gigantischen Militärapparat und eben solche Monumentalbauten finanzierte.

Wer heute zwischen den gewaltigen, nackten Ziegelmauern steht, blickt nicht nur auf ein Meisterwerk antiker Baukunst. Man sieht vor allem die Kulisse einer raffinierten Machtmaschinerie. Es zeigt uns eindrücklich, wie Herrscher zu allen Zeiten Architektur genutzt haben, um eigene Verbrechen mit Prunk zu übertünchen – und wie verlockend es damals wie heute ist, sich von purem Entertainment einlullen zu lassen.


Entdecke mehr von god.fish

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

1 AFD Arbeit Architektur Bayern Berlin Beziehung Beziehungen Bibel Bilder blau Blumen Christen Christentum Corona Coronavirus demokratie Details Deutschland Donald Trump EKD Essay Essen Ethik EU Europa Evangelisch Farben Flüchtlinge Fotografie Fotos Freiheit frieden funny.casa Gedanken Gedichte gelb Gemeinde Geschichte Gesellschaft Gesundheit Glaube Gott grün Highlight Hoffnung Humor Impressionen italien Jesus Jesus.casa Katholisch kinder Kirche Klimaerwärmung krankheit Krieg Kultur Kunst Leben Lebenshilfe Liebe Medien menschen Menschenrechte Musik Musikgeschichte münchen München inside Nachgedacht Nato Natur neu Olaf Scholz Ostern Pandemie philosophie photography Politik Psychologie Putin Religion Russland Satire Sprache sunshine.casa Theologie Tod Toleranz Ukraine Urlaub usa verantwortung Vertrauen video Weihnachten Wirtschaft yellow.casa Zivilcourage Zukunft


Kommentare

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von god.fish

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen