Als Herr Samsa etwas wichtiges verloren hatte

Herr Samsa war ein ganz gewöhnlicher Mann, bis eines schönen Tages das Ungewöhnliche seinen Weg kreuzte. Während eines Spaziergangs um die Ecke verschwand er plötzlich spurlos. Nicht im herkömmlichen Sinne des Wortes, nein, er konnte sich selbst nicht mehr finden. Und das war merkwürdig, denn eben hatte er noch ganz sicher gewusst, wo er war. Nun aber war er weg.

Er suchte und suchte, schaute hinter Bäume, blickte in Pfützen, öffnete sogar einen Briefkasten in der Hoffnung, sich dort zu finden. Aber nichts. Kein Spiegelbild, keine Reflexion, keine Schatten. Es war, als hätte er aufgehört zu existieren, während er doch immer noch hier war.

Herr Samsa war verwirrt und mehr als ein wenig beunruhigt. Er rannte zu seinem Haus und öffnete die Tür, doch als er den Spiegel im Flur betrachtete, sah er nichts. Er hob eine Hand, bewegte sie, aber nichts im Spiegel folgte seiner Bewegung. Seine Augen waren weit aufgerissen vor Entsetzen und Erstaunen, doch im Spiegel herrschte absolute Stille.

Aber Herr Samsa war kein Mann, der sich so leicht geschlagen gab. Wenn er verschwunden war, dann würde er sich auch wiederfinden, soviel stand fest. Er kaufte eine Weltkarte, steckte Nadeln an alle Orte, an denen er noch nicht gesucht hatte, und begann seine Suche von Neuem.

So reiste er, immer auf der Suche nach sich selbst. In Paris stand er vor dem Eiffelturm, doch sein Spiegelbild im Teich fehlte. In London ging er über die Tower Bridge, aber im Nebel war kein Schatten von ihm zu sehen. In New York stand er auf dem Times Square, umringt von Millionen Menschen, doch er blieb unsichtbar.

Es war eine lange, einsame Reise. Doch trotz der Verzweiflung, die sich immer mehr in ihm ausbreitete, ließ Herr Samsa nicht locker. Denn trotz allem spürte er, dass er noch existierte, dass er immer noch war. Nur wo, das war die Frage.

Und dann, eines Tages in den nebeligen Gassen von San Francisco, passierte es. Herr Samsa blickte in eine Pfütze, und da war er. Sein Spiegelbild lächelte ihn an, sein Schatten folgte jeder Bewegung. Überglücklich tanzte er auf der Straße, lachte und weinte gleichzeitig. Er hatte sich gefunden.

„Ah, da bist du ja!“ rief er aus, und sein Spiegelbild antwortete mit einem fröhlichen Nicken. Es war eine seltsame Erfahrung, sich selbst gegenüberzustehen. Aber Herr Samsa war froh. Nach einer langen, seltsamen Reise hatte er endlich gefunden, wonach er gesucht hatte: sich selbst.


Entdecke mehr von god.fish

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

1 Arbeit Architektur Bayern Berlin Beziehung Beziehungen Bibel Bilder blau Blumen Christen Christentum Corona Coronavirus demokratie Details Deutschland Donald Trump EKD Essay Essen Ethik EU Europa Evangelisch Farben Flüchtlinge Fotografie Fotos frieden funny.casa Gedanken Gedichte gelb Gemeinde Geschichte Gesellschaft Gesundheit Glaube Gott grün Herbst Highlight Hoffnung Humor Impressionen italien Jesus Jesus.casa Katholisch kinder Kirche Klimaerwärmung krankheit Krieg Kultur Kunst Leben Lebenshilfe Liebe Medien menschen Menschenrechte Musik Musikgeschichte münchen München inside Nachgedacht Nato Natur neu Olaf Scholz Ostern Pandemie philosophie photography Politik Psychologie Putin Religion Russland Satire Sprache sunshine.casa Theologie Tod Toleranz Ukraine Universum Urlaub usa verantwortung video Weihnachten winter Wirtschaft yellow.casa Zivilcourage Zukunft


Kommentare

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von god.fish

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen