Das Christentum hat ein Problem mit dem Leid auf der Welt.
Warum? Weil ganz zu Beginn der Bibel, in der Genesis, die theologische Vorstellung verankert ist, dass die Schöpfung der Welt und des gesamten Universums sehr gut war. Gott beurteilt sie als sehr gut.
Hier ist vielleicht der erste kleine Denkfehler. Denn die Schöpfung wird nicht als sehr angenehm bezeichnet, als eine Schöpfung, in der es nur Glück gibt, sondern als eine Schöpfung, die sehr gut ist. Die sehr gut funktioniert.
Die Theodizeefrage beschäftigt sich mit dem Leid in der Welt angesichts dessen, dass Gott allmächtig und gütig ist.
Wenn aber Gott allmächtig ist, warum verhindert er das Leid nicht? Ist er nicht allmächtig?
Oder kann er es zwar verhindern, will es aber nicht? Dann wäre er nicht gütig.
Die Sache dürfte anders liegen.
Gott hat nach christlicher Vorstellung alle Existenz geschaffen. Er hat den Urknall erschaffen, das Universum, die Evolution, das Leben.
Und all dies funktioniert sehr gut. Die Schöpfung ist sehr gut.
Aber trotzdem, warum greift dieser gütige Gott nicht ein, wenn es Leid auf der Welt gibt?
Zum einen ist es so, dass Beten durchaus helfen kann. Es ist eine christliche Vorstellung und tiefer christlicher Glaube, dass Gebet nicht nur Selbstreflexion ist, sondern tatsächlich eine Ausrichtung auf Gott. Manchmal greift Gott vermutlich nämlich doch ein, und wenn er uns nur einen hilfreichen Gedanken schickt, der unser Leben in eine neue Richtung lenken kann, wenn wir das wollen.
Gott selbst war sich nicht zu schade, sich nicht aus dem Leid zu verflüchtigen, als es ihn selbst traf, als er selbst in dem Leben von Jesus Christus von den Römern gekreuzigt wurde.
All dies ist aber vielleicht noch nicht so hilfreich, wenn man wirklich die Frage verstehen will, warum es das Leid auf der Welt gibt. Gehen wir also gedanklich noch einen Schritt weiter.
Angenommen, es gäbe nur die Farbe Weiß, dann könnten wir überhaupt nichts wahrnehmen. Nur die Farbe Weiß ohne jeglichen Schattenwurf. Man könnte überhaupt nichts sehen, man könnte keine Konturen erkennen, man wüsste gar nicht, dass diese Farbe weiß ist, weil man keinen Vergleich hätte.
Und darum geht es. Leben bedeutet, Konturen erkennen zu können, Unterschiede erkennen und wahrnehmen zu können, Alternativen auswählen zu können. Deswegen ist unser Leben nicht einfach nur weiß.
Angesichts des Leids in unserer Welt könnte man sagen, Gott solle doch bitte den Menschen in nur einem einzigen Zustand auf die Welt bringen, nennen wir ihn mal den Zustand 0, in welchem es kein Leid gibt, aber auch kein Glück. In diesem Zustand 0 ist also alles gleichgültig.
In diesem Zustand wäre aber auch alles weiß. Man könnte überhaupt nichts wahrnehmen. Man wüsste nicht, was Glück ist, man wüsste aber auch nicht, was Leid ist.
Nun könnte man sagen, naja, dann soll Gott doch eben noch einen Zustand 1 ins Leben rufen, welcher Glück bedeutet. Dies hätte aber automatisch zur Folge, dass alle Menschen, wenn sie im Zustand 1 wären, den Zustand 0 als weniger glücklich empfinden würden, als Unglück eben. Gäbe es den Zustand 1, der Glück bedeutet, dann wäre der Zustand 0, der bislang ein neutraler Zustand gewesen wäre, automatisch ein Zustand des Leids.
Das heißt also, sobald wir Menschen leben können sollen, braucht es Konturen, braucht es die Möglichkeit zu verschiedenen Zuständen.
Nun könnte man natürlich sagen, Gott solle einen immer, wenn man von dem Zustand 1 in den Zustand 0 gleitet, bitte automatisch wieder in den Zustand 1 versetzen. Das hätte eine gewisse Plausibilität, allerdings wären wir Menschen dann Marionetten. Wir könnten die Konturen in unserem Leben nicht selbst erleben, wir wären automatisch von Gott immer wieder auf den Zustand 1 zurückgesetzt worden. Es gäbe also für uns gefühlt dann nur den Zustand 1, welcher dann ebenfalls als einziger existenter Zustand Leben wieder unmöglich machen würde, weil wir dann keine Konturen wahrnehmen könnten.
Soweit also die Logik. Da Gott unserer Wahrnehmung nach ein Universum erschaffen hat, in welchem die Gesetze der Logik gelten, ist es wohl zulässig, auch zu diesem Thema im Denken die Logik anzuwenden.
Der christliche Gedanke ist jedoch der, dass Gott uns in der Welt ganz nah ist. Im Glück, im neutralen Zustand, aber ebenso im Leid. Gott ist nur ein Gedanke und ein Gebet weit weg. Wir können niemals tiefer fallen als in die Hände Gottes, weil wir und alle Schöpfung, das ganze Universum, mitten im Gott drin sind.
Und dieser Gedanke hat dann doch etwas beruhigendes.
Gott bewahrt uns nicht vor dem Leid, weil er uns damit unsere Freiheit nehmen würde. Er würde uns unser Leben nehmen, das er uns geschenkt hat. Aber Gott ist uns einerseits im Glück nah, ganz besonders aber im Leid. Nur einen Gedanken und ein Gebet weit entfernt.
Als der Mensch Jesus, in dem sich das Göttliche zeigte, von den Römern ans Kreuz geschlagen worden war, soll er gerufen haben: mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Gott selbst, der dort also am Kreuz hing, erlebte, was es für Menschen bedeutet, zu leiden. Im Leid glauben Menschen schnell, Gott hätte sie verlassen.
Das Gegenteil ist der Fall. Mitten im tiefsten Leid, als Jesus am Kreuz hing, war er mitten in Gott. So wie jeder Mensch und die gesamte Schöpfung in Gott sind. Dies zeigte sich durch die Auferstehung, also dadurch, dass Gott das Leid nicht das Letzte sein ließ. Und in Analogie dazu erleben Menschen auf der Erde immer wieder, dass auch das, was einem momentan als Leid erscheint, immer auch eine Chance ist, eine Chance zu einer täglichen neuen Auferstehung, zu einem täglichen neuen Leben. Zu einem Leben voller Konturen und Möglichkeiten und zu einem Leben mitten in der Welt, die Gott in seinen Händen hält. In schlechten wie in guten Zeiten.



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