Wie hältst du es mit der Sterbehilfe?

Kürzlich machte ich es mir ziemlich leicht und argumentierte aus christlicher Sicht über das Thema Sterbehilfe. Leicht machte ich es mir deswegen, weil ich soweit bei ganz guter Gesundheit bin.

Zwar ist die Sache scheinbar klar. Du sollst nicht töten, heißt es in den 10 Geboten und die Palliativmedizin solle doch besser ausgebaut werden, damit niemand leiden müsse und liebevoll bis zuletzt leben kann. Soweit so gut, soweit so richtig.

In der aktuellen Printausgabe der Wochenzeitung Die ZEIT las ich den Artikel eines Arztes, der selber schwer an Krebs erkrankte und sich dann offensichtlich das Leben mit Hilfe von Medikamenten nahm. Jahrzehntelang hatte er Menschen betreut, die schwer krank waren und sterben wollten. Er berichtete von einer Frau, die viele Metastasen im Unterleib hatte und bei der unten herum fast schon alles durch Operationen beseitigt worden war. Als sie dann irgendwann aber Kot erbrechen musste, war es zu viel für sie und sie wollte sterben.

Und hier muss man sagen, dass man eigentlich gar nichts mehr sagen kann. Wie wollte man den Wunsch dieser schwerkranken Frau nicht verstehen können?

Sterben dürfen ist sicherlich auch eine Art Menschenrecht. Die Sorge, die durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts aufgekommen ist, ist jedoch die, dass es einen Dammbruch geben könnte, dass Menschen, die schwerkrank sind, sich zum Sterben gedrängt fühlen könnten. Und auch diese Befürchtung hat einen realen Hintergrund. Den Dammbruch könnte es nämlich durchaus geben und würde es wohl auch geben.

Vor Jahren musste ich von einer alten Dame hören, die bei ihrer Familie im Keller als Pflegefall lag. In einem Zimmer, den ganzen Tag lief offenbar der Fernseher, ein Lichtschacht lieferte das, was man vielleicht Licht nennen könnte, ansonsten brannte noch eine Neonröhre an der Decke. Die Familie war scheinbar im Zwiespalt, einerseits wollte sie das Geld von der Pflegeversicherung haben, weil sie die Frau ja zu Hause pflegte. Andererseits hätte die Familie wohl wahrscheinlich überhaupt kein Problem damit gehabt, die alte Dame zu drängen, nun doch bitte endlich mal zu sterben, um der Familie nicht weiter zur Last zu fallen.

Was also tun? Das Bundesverfassungsgericht hat ja deutlich gemacht, dass es weiterer Regelungen bedarf. Denn die Gefahr des Missbrauchs bei der Sterbehilfe ist natürlich nach wie vor hoch.

Generell dürfte es so sein, dass die meisten Menschen oder wahrscheinlich sogar alle, die vorgeben, sterben zu wollen, überhaupt nicht sterben wollen. Sie wollen etwas anderes. Sie wollen nicht mehr leiden. Kann man ihnen das Leiden nehmen, beispielsweise durch eine gute palliativmedizinische Behandlung, dann wollen sie wieder leben. Hierauf muss man also verstärkt Wert legen.

Theoretisch ist die Sache ja eigentlich einfach zu lösen. Schwerkranke Menschen, deren Leid überhaupt nicht beseitigt werden kann, könnten sich ein Messer nehmen, eine Ader öffnen und würden verbluten und dabei einschlafen. Warum wollen sie das aber nicht? Warum wollen sie das verständlicherweise nicht?

Weil dies das Drama des Todes unglaublich real werden lässt. Besser ist es offensichtlich für viele schwerkranke Menschen in einer solchen Situation, ein Medikament zu nehmen.

Warum? Vermutlich deswegen, weil man ja glaubt, ein Medikament werde irgendwie heilen, obwohl man eigentlich ganz genau weiß, dass es einen töten wird. Aber ein Medikament hat immer einen medizinischen Charakter.

Der Aderlass hingegen hat keinen medizinischen Charakter, sondern verdeutlicht das Trauma und Drama des Todes in existentieller Weise. Aber auch dies ist natürlich eine Art Trugschluss, wenn man glaubt, ein Medikament zu schlucken sei irgendwie humaner. Es ist nur auf den ersten Blick humaner, auf den zweiten nicht mehr. Denn der Tod ist alles andere als human. Er ist das Ende von allem Humanem. Er ist das Ende von Leben. (Ich klammere jetzt hier an dieser Stelle die christliche Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod einmal aus.)

Ich kann Ihnen nun leider keine eindeutige Lösung für diesen Themenkomplex anbieten. Ich wollte nur einmal verschiedene Gedanken laut gedacht haben. Aber generell ist es, trotz der Dilemmasituation dieses Themas, gut und richtig, wenn weiterhin – zumindest prinzipiell – gilt: du sollst nicht töten!