Die Grenzen von Leitkultur

Wer eine sogenannte Leitkultur einführen will, hat im Grunde schon verloren. Denn wenn man eine solche Kultur einführen muss, heißt das ja im Umkehrschluss, dass gewisse kulturelle Werte eben nicht mehr selbstverständlich sind, sofern sie es überhaupt jemals waren.

In Deutschland kann man sich sicher zu recht wohl nur auf eine einzige allgemeingültige Leitkultur einigen: die deutschen Gesetze. Wer in Deutschland lebt, sollte ja zum Grundgesetz und auch den übrigen gesetzlichen Regelungen sagen können, denn nur so kann ein friedliches Zusammenleben gelingen. Eine solche Leitkultur erscheint plausibel.

Aber kann man verordnen, dass alle Bürger z.B. gewisse Lieder können müssen ? Klar, ein Deutscher sollte nach Möglichkeit beispielsweise die deutsche Nationalhymne singen können, sollte die politischen Institutionen kennen, die Demokratie, das Prinzip von Wahlen, sollte tolerant sein und so weiter. Aber kann man das verordnen ? Gäbe es dazu eine gesetzliche Grundlage ? Wohl kaum. Eine Leitkultur, wie hier in diesem Absatz beschrieben, kann als wohlmeinende oder wohlgemeinte Messlatte einmal unters Volk geworfen werden in der Absicht: Leute, interessiert euch doch dafür, ist doch schade, wenn das in Vergessenheit gerät. Das ist dann aber wohl auch schon alles.

Denn, was viele nicht wissen oder realisieren wollen: Kultur war schon immer und ist auch noch in stetigem Wandel. Kultur meint, dass man gewisse Dinge als wertvoll in einer Gesellschaft erachtet und sich um sie kümmert. Diese Dinge und Themen wandeln sich aber. Es war einmal deutsche Kultur, Goethe gelesen zu haben. Heute ist es vielleicht noch wünschenswert, wenn Menschen Goethe lesen. Aber die Interessen haben sich weiter entwickelt und an die Zeit angepasst und den Zeitgeist neu ausgerichtet und geformt. Themen, die Goethe ansprach, sind vielleicht nicht verschwunden, aber doch innerhalb der Kunst und Kultur rezipiert und neu interpretiert und auf den medialen Markt geworfen worden.

Kultur war und ist immer im Wandel. Das ist ihr Wesen. Und das sollte man auch im Hinterkopf haben, wenn man allzu laut nach einer sogenannten Leitkultur ruft.


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Kommentare

Ein Kommentar zu „Die Grenzen von Leitkultur“

  1. Für mich ist die Kultur, die an eine Nationalität gebunden ist, eher nur eine Art Subkultur. Ich habe den typisch eurozentrischen Blick auf die Geschichte: Wir haben vorgeschichtliche Kulturen wie die Glockenbecher- oder Bandkeramiker, die geschichtlichen Kulturen wie Antike und Mittelalter und die aktuelle neuzeitliche Kultur. So sehr sich die Menschen der Postmoderne auch bemühen, sie sind doch nichts mehr als Träger der neuzeitlichen Kultur und haben mehr mit Renaissance und Barock, mit Aufklärung und Biedermeier gemein als sie wahrhaben wollen. Wenn wir uns fragen, welche Kultur wir tragen, ist es vielleicht hilfreich sich zu überlegen, was die Menschen in 500 oder 1000 Jahren von uns denken. Der jährliche Wandel der Moden in Kunst, Politik oder Gesellschaft, den wir so ernst nehmen, spielt dann wahrscheinlich nicht diese Rolle. Ob man eine Leitkultur für eine Nationalität oder für eine Minderheit schaffen will, ist meines Erachtens der Versuch, für eine kleine Gruppe eine Identität zu stiften, die in der neuzeitlichen Kultur nur eine Subkultur bleibt.

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