Raum existiert scheinbar gar nicht

Das Ende der Entfernung

​Stell dir vor, du hast zwei magische Murmeln. Du behältst eine hier und schickst die andere zum Rand des Universums. Wenn du deine Murmel anstupst, reagiert die andere im exakt selben Augenblick – völlig egal, wie viele Milliarden Kilometer zwischen ihnen liegen. Was wie Zauberei klingt, ist in der Welt der kleinsten Teilchen absolute Realität. Physiker nennen das Quantenverschränkung.

​Die spukhafte Verbindung

​Normalerweise muss in unserer Welt alles einen Weg zurücklegen. Wenn du einen Brief verschickst oder ein Lichtsignal sendest, braucht das Zeit. Doch zwei verschränkte Elektronen verhalten sich so, als gäbe es gar keine Trennung zwischen ihnen. Sie bilden ein Team, das über jede Distanz hinweg verbunden bleibt.

​Messungen haben gezeigt, dass diese Abstimmung instantan passiert. Das bedeutet: Es vergeht überhaupt keine Zeit. Es ist tatsächlich schneller als das Licht. Albert Einstein fand diese Vorstellung so unheimlich, dass er sie als „spukhafte Fernwirkung“ bezeichnete. Er konnte sich nur schwer damit abfinden, dass die Natur so arbeitet.

​Warum wir keine Nachrichten schicken können

​Wenn diese Verbindung unendlich schnell ist, warum können wir dann keine Daten mit Überlichtgeschwindigkeit senden? Das liegt an einem kniffligen Detail: Der Zufall spielt die Hauptrolle.

​Wenn du den Zustand deines Elektrons misst, ist das Ergebnis völlig zufällig – wie ein Münzwurf. Das Teilchen am anderen Ende nimmt zwar sofort den passenden Gegenpart ein, aber der Beobachter dort sieht auch nur ein zufälliges Ergebnis. Er kann nicht wissen, ob du gerade etwas gemacht hast oder nicht. Erst wenn ihr euch auf herkömmlichem Weg (zum Beispiel per Funk) unterhaltet, erkennt ihr die Übereinstimmung. Und dieser Funkspruch ist wieder an die Lichtgeschwindigkeit gebunden. Die Physik schummelt sich also an einer echten Nachrichten-Abkürzung vorbei.

​Ist der Raum nur eine Illusion?

​Diese sofortige Verbindung führt zu einer radikalen Frage: Wenn Entfernung für die Teilchen keine Rolle spielt, wie real ist der Raum dann eigentlich? Viele Forscher vermuten heute, dass der Raum kein festes Fundament ist.

​Stattdessen könnte der Raum erst durch die Verschränkung entstehen. Man kann es sich wie ein engmaschiges Netz vorstellen. Die Teilchen sind die Knotenpunkte, und die Verschränkungen sind die Fäden, die alles zusammenhalten. Wenn zwei Dinge sehr stark miteinander verschränkt sind, liegen sie für uns „nah“ beieinander. Wenn sie kaum verschränkt sind, erscheinen sie uns „weit“ entfernt.

​In dieser Sichtweise wäre das Universum eigentlich ein riesiges Netzwerk aus Informationen. Der dreidimensionale Raum, durch den wir uns bewegen, wäre dann nur eine Art Benutzeroberfläche – ähnlich wie die Grafik eines Computerspiels, die uns eine weite Welt vorgaukelt, während im Hintergrund nur Datenchips miteinander arbeiten.

​Ein völlig neues Weltbild

​Diese Erkenntnisse zeigen uns, dass die Welt auf ihrer kleinsten Ebene ganz anders funktioniert, als wir es im Alltag gewohnt sind. Es gibt keine echte Trennung zwischen den Dingen. Alles scheint auf eine unsichtbare Weise miteinander verwoben zu sein.

Auch wenn wir diese „spukhafte“ Leitung noch nicht nutzen können, um Briefe schneller als das Licht zu verschicken, verändert sie unser Verständnis der Wirklichkeit komplett. Wir beginnen zu begreifen, dass das, was wir als leeren Raum zwischen den Sternen sehen, in Wahrheit vielleicht gar nicht so leer und auch nicht so trennend ist, wie wir immer dachten.


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