Heilige Kriege und unheilige Posts

Ein Panorama der globalen Spiritualität

​Wenn der mächtigste Mann der westlichen Welt beschließt, dass der Stellvertreter Christi auf Erden eigentlich nur durch seine Gnade im Amt ist, dann ist das entweder der Plot eines schlechten Polit-Thrillers oder einfach nur ein ganz normaler Montag auf Truth Social. US-Präsident Donald Trump hat sich pünktlich zum Wochenbeginn mit Papst Leo XIV. angelegt. Der Vorwurf: Der Pontifex sei „schrecklich“ in der Außenpolitik und „schwach im Kampf gegen das Verbrechen“. Besonders pikant ist Trumps Behauptung, der erste US-amerikanische Papst der Geschichte, Robert Francis Prevost, säße ohne Trumps Einwirken gar nicht im Vatikan. Man muss den theologischen Humor bewundern, der nötig ist, um das Konklave der Kardinäle als eine Art Vorwahl der Republikaner umzudeuten.

Zwischen Allmachtsfantasien und Friedensappellen

​Während Trump sich in digitalen Sphären als Jesus-ähnliche Figur inszeniert, bleibt der Vatikan auffallend gelassen. Leo XIV. ließ ausrichten, er habe „keine Angst vor der Trump-Administration“. Ethisch gesehen prallen hier zwei Welten aufeinander: Ein populistischer Nationalismus, der Religion als politisches Mobilisierungstool nutzt, und eine Weltkirche, die – gerade wegen ihres US-amerikanischen Oberhaupts – den moralischen Zeigefinger gegen die aktuelle US-Außenpolitik, insbesondere den Konflikt mit dem Iran, hebt. Der Papst nannte die Drohungen gegen Teheran „moralisch nicht zu rechtfertigen“ und warnte vor „Allmachtsfantasien“, die weltweit aggressiver würden. Es ist schon eine besondere Ironie der Kirchengeschichte, dass ausgerechnet ein Amerikaner auf dem Stuhl Petri zum schärfsten Kritiker des Weißen Hauses wird.

​Dieser Riss zieht sich quer durch die Konfessionen in den USA. Während evangelikale Hardliner wie Pete Hegseth zum Gebet für einen militärischen Sieg aufrufen, mahnen die US-Bischöfe zur Besonnenheit. Man fragt sich unweigerlich, welches Evangelium dort gelesen wird – eines mit Bergpredigt oder eines mit Marschflugkörpern? In Europa scheint man derweil einen anderen Weg zu gehen. In Ungarn endete gerade die Ära von Viktor Orbán, der über 16 Jahre lang ein „christlich-nationalistisches“ Bollwerk propagierte. Seine Wahlniederlage wird in liberalen theologischen Kreisen als Aufatmen gewertet; das Experiment, das Christentum als exklusives Identitätsmerkmal gegen Migration und Vielfalt zu instrumentalisieren, scheint in Budapest vorerst gescheitert.

Glaubensalltag zwischen Kyjiw und Bamberg

​Ein ganz anderes Bild der Frömmigkeit zeigt sich im Osten Europas. In der Ukraine, genauer gesagt in Kyjiw, begehen die Gläubigen der orthodoxen und griechisch-katholischen Traditionen derzeit die Nachwirkungen des Osterfestes unter den Bedingungen eines andauernden Verteidigungskrieges. An der Theologischen Akademie in Kyjiw wird die Fastenzeit als Zeit des intensiven Gebets und der Besinnung verstanden – fernab von politischem Getöse. Hier ist Religion kein kulturelles Accessoire, sondern eine Überlebensstrategie. Die Rede ist von einer „Ausrichtung auf die Ewigkeit“, was in einem Land, in dem die Gegenwart oft aus Trümmern besteht, eine fast radikale Hoffnung darstellt.

​In Deutschland hingegen gibt man sich, wie so oft, pragmatisch bis experimentell. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) unter der Ratsvorsitzenden Kirsten Fehrs setzt massiv auf Themen wie Demokratiebildung und den Schutz von Menschenrechten. In Bremen wurde gerade eine Ausstellung dazu eröffnet. Dass die Kirche hierzulande versucht, für junge Zielgruppen relevant zu bleiben, zeigt sich auch in skurrilen Blüten wie dem „Star Wars“-Gottesdienst im Erzbistum Bamberg, den man neuerdings sogar „mieten“ kann. Ob das Lichtschwert nun die neue Kerze ist oder ob man damit nur die schwindenden Mitgliederzahlen kaschieren will, bleibt der theologischen Interpretation überlassen. Immerhin: Die Macht ist mit ihnen, zumindest theoretisch.

Die Suche nach dem gemeinsamen Nenner

​Abseits des Christentums bleibt die Lage in Jerusalem angespannt. Zum jüdischen Passahfest (Pessach) gibt es massive Diskussionen über den „Status Quo“ der heiligen Stätten. Berichte über Einschränkungen für palästinensische Christen und Muslime durch israelische Sicherheitskräfte werfen ethische Fragen zur Religionsfreiheit auf. Während die einen die Befreiung aus der Knechtschaft feiern, fühlen sich die anderen zunehmend an den Rand gedrängt. Inmitten dieser Spannungen gibt es jedoch auch leise Töne: Interreligiöse Online-Meditationen, die Impulse aus dem Buddhismus, Hinduismus und Sufismus vereinen, versuchen, einen Raum für Frieden und Versöhnung zu schaffen.

​Es ist diese Gleichzeitigkeit des Ungleichen, die das religiöse Weltbild im April 2026 prägt: Auf der einen Seite die Instrumentalisierung des Heiligen für den nächsten Wahlkampf oder Krieg, auf der einen Seite die Sehnsucht nach Transzendenz und einem ethischen Kompass, der über die nächste Schlagzeile hinausreicht. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass selbst ein Papst aus Chicago die Welt nicht allein retten kann – erst recht nicht, wenn sein härtester Kritiker in Mar-a-Lago glaubt, er habe das Exklusivrecht auf göttlichen Beistand.

Quellen:

  • Domradio.de: „Trump greift Leo XIV. scharf an“ (13.04.2026)
  • Evangelisch.de: „Papst Leo in Algerien; EKD-Meldungen zu Menschenrechten“ (13.04.2026)
  • Religion Media Centre: „Morning News Bulletin: Trump attacks the Pope; Sarah Mullally and the divided church“ (13.04.2026)
  • Religion News Service: „President Trump launches blistering attack on the Pope; Christian Nationalism in the USA“ (07.04.2026 / 13.04.2026)
  • Ukrinform.de: „Orthodoxe Fastenzeit und Ostern in Kyjiw“ (12.04.2026)
  • Al Jazeera: „Israel is trying to change Jerusalem’s religious identity“ (13.04.2026)
  • EKD.de: „Pressearchiv 2026: Osterbotschaft und Demokratiebildung“ (08.04.2026)
  • Missio München: „Veranstaltungskalender: Interreligiöse Meditationen“ (April 2026)

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