Ein bisschen verfilzt

In der politischen Landschaft Deutschlands weht derzeit ein scharfer Wind durch die Flure der Alternative für Deutschland (AfD), doch es ist kein frischer Wind der Erneuerung, sondern eher der vertraute Geruch von altem Parteifilz. Was die Partei jahrelang bei den sogenannten „Altparteien“ als moralischen Verfall gebrandmarkt hat, scheint nun im eigenen Vorgarten zu blühen: Eine ausgedehnte Verwandtenaffäre erschüttert das Selbstbild der selbsternannten Saubermänner. Besonders pikant ist dabei die Methode der Über-Kreuz-Beschäftigung, bei der Abgeordnete zwar keine eigenen Verwandten einstellen dürfen, dafür aber kurzerhand die Ehepartner, Kinder oder Lebensgefährten ihrer Fraktionskollegen auf Staatskosten beschäftigen.

​Das Prinzip der „großen Familie“

​Wie der Deutschlandfunk ausführlich berichtet, liegt das Epizentrum dieses Bebens vor allem in Sachsen-Anhalt und im Bundestag. Es ist eine Form der ökonomischen Nächstenliebe, die man fast schon als christlich-konservativ missverstehen könnte, wäre da nicht die Kleinigkeit, dass die Zeche vom Steuerzahler beglichen wird. Der Vorwurf der Vetternwirtschaft wiegt schwer, da die AfD stets mit dem Versprechen antrat, den „Staat als Beute“ abzuschaffen. Nun jedoch, so die Recherchen von ZDFheute, wirkt die Partei eher wie eine „Beutegemeinschaft“. In Sachsen-Anhalt, wo die Partei im Superwahljahr 2026 nach der Macht greift, wird deutlich, dass das Vertrauen innerhalb der eigenen Reihen offenbar so gering ist, dass man Posten lieber mit Menschen besetzt, mit denen man sich ohnehin den Frühstückstisch teilt.

​Theologisch betrachtet ist das natürlich konsequent: Wer dem Nächsten so nahesteht wie dem eigenen Ehepartner, der erfüllt das Gebot der Nächstenliebe quasi im Übermaß. Dass diese Liebe rein zufällig mit einem monatlichen Gehalt von knapp unter 5.500 Euro garniert wird, wie ZDF Frontal aufdeckte, ist vermutlich nur eine glückliche Fügung der Vorsehung.

​Zwischen Klingelschildern und Ausreden

​Besonders kurios wird es im Umfeld des AfD-Bundestagsabgeordneten Stefan Keuter. Laut Berichten der taz und von t-online teilt sich der Personalchef der Fraktion nicht nur die politischen Überzeugungen, sondern auch das Klingelschild seiner Privatwohnung mit einer Mitarbeiterin. Seine Erklärung, er nehme lediglich die Post für sie entgegen, zeugt von einer fast schon rührenden, nachbarschaftlichen Hilfsbereitschaft, die man sonst nur aus kleinen Bergdörfern kennt. Es ist dieser trockene Humor der Realität, der die moralische Überlegenheit, die die Partei so gerne vor sich herträgt, wie ein Kartenhaus zusammenbrechen lässt.

​Während Alice Weidel die Vorwürfe laut Tagesspiegel als „haltlos und völlig aufgebauscht“ zurückweist, räumt ihr Co-Chef Tino Chrupalla zumindest ein gewisses „Störgefühl“ ein. Es ist ein schmaler Grat zwischen einer „Diskriminierung der Arbeitsverhältnisse“, wie Weidel es nennt, und einer schlichten Selbstbedienungsmentalität. Ethisch gesehen stellt sich die Frage, ob Integrität ein dehnbarer Begriff ist, der an der eigenen Haustür endet. Wenn man die „Altparteien“ für denselben Klüngel kritisiert, den man nun im eigenen Hinterzimmer perfektioniert, gleicht das einer moralischen Geisterfahrt mit Lichthupe.

​Die Angst vor der Unterwanderung

​Die Verteidigungsstrategie der AfD-Spitze ist dabei so vorhersehbar wie das Amen in der Kirche. Man rekrutiere aus den eigenen Reihen, weil man dem „System“ nicht traue und Angst vor der Unterwanderung durch den Verfassungsdienst oder Journalisten habe. Das berichtet das Investigativ-Portal CORRECTIV, das einen eigenen „Tracker“ zur Vetternwirtschaft in der AfD eingerichtet hat. Man schafft sich also eine geschlossene Gesellschaft, eine Art politische Arche Noah, in der nur Platz für die eigene Sippe ist.

​Doch die Risse in der Fassade kommen von innen. Der sachsen-anhaltische Abgeordnete Jan Wenzel Schmidt, der selbst im Fokus stand, sprach laut Spiegel und Zeit offen von den Missständen, was ihm prompt ein Parteiausschlussverfahren einbrachte. Es ist die alte Geschichte: Wer die Wahrheit spricht, braucht ein schnelles Pferd – oder in diesem Fall eine sehr loyale Familie. Am Ende bleibt das Bild einer Partei, die den Sumpf austrocknen wollte, nur um festzustellen, dass es sich in der warmen Feuchtigkeit des eigenen Filzes eigentlich ganz gemütlich lebt.

Verwendete Quellen:

  • Deutschlandfunk: Hintergrundbericht zur Verwandtenaffäre und Über-Kreuz-Beschäftigung.
  • ZDFheute / Frontal: Recherchen zu Gehältern und spezifischen Fällen in Sachsen-Anhalt.
  • Tagesspiegel: Berichterstattung über die Reaktionen von Alice Weidel und Tino Chrupalla.
  • taz / t-online: Details zur „Klingelschild-Affäre“ von Stefan Keuter.
  • DIE ZEIT: Analyse zum moralischen Anspruch und der politischen Realität der AfD.
  • CORRECTIV: „Family and Friends“-Tracker zu den Beschäftigungsverhältnissen.
  • Der Spiegel: Berichte über parteiinterne Kritiker und personelle Verflechtungen.


Entdecke mehr von god.fish

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.


Kommentare

Ein Kommentar zu „Ein bisschen verfilzt“

  1. Avatar von Sabine M.
    Sabine M.

    Scheint ne Seuche zu sein.

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von god.fish

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen