Alles auf Kant-e genäht

​Manchmal sitzt man abends am Küchentisch, starrt auf die Steuererklärung und fragt sich: „Kant man das nicht einfach lassen?“ In solchen Momenten der geistigen Umnachtung sucht man Rat bei den Großen. Also, Herr Kant, Butter bei die Fische: Helfen Sie mir mal.

​Mein Leben ist derzeit nämlich etwas verkantet. Ich versuche, nach dem kategorischen Imperativ zu leben, aber die Praxis erweist sich als markant schwierig. Wenn ich morgens im Stau stehe und hupe, frage ich mich: „Möchtest du, dass das Hupen eine allgemeine Gesetzgebung wird?“ Nein, eigentlich möchte ich nur, dass der unbekannte Vollpfosten vor mir endlich Gas gibt. Aber das wäre wohl eine rein empirische Sichtweise, und dafür sind Sie ja nicht bekannt.

​Es ist ohnehin alles pre-kant – also prekär. Ich habe versucht, meine Wohnung nach der Kritik der reinen Vernunft aufzuräumen. Das Ergebnis? Ich habe das „Ding an sich“ unter dem Sofa gefunden. Es war ein drei Monate altes Käsebrot. Eine transzendentale Apperzeption war nötig, um es als solches zu identifizieren, ohne mich zu übergeben.

​Ihre Philosophie ist ja allgemein anerkannt, aber im Alltag wirkt sie oft etwas kantig. Ich wollte neulich im Supermarkt nur eine Packung Milch kaufen, doch dann stellte sich die Frage: Ist die Milch eine Erscheinung oder existiert sie an sich? Während ich noch über die Kategorien von Raum und Zeit nachdachte, war die Schlange an der Kasse bereits bis Königsberg angewachsen. Die Kassiererin fand mein Zögern wenig char-kant.

​Eigentlich ist mein ganzes Dasein derzeit eine einzige Kant-ate des Scheiterns. Ich nähe meine Existenz sprichwörtlich auf Kante. Ich wollte neulich eine Kantholz-Bank zimmern, bin aber kläglich an der praktischen Vernunft gescheitert. Jetzt habe ich einen Splitter im Finger und eine A-priori-Abneigung gegen Baumärkte.

​Man könnte sagen, ich habe mich völlig verkannt. Ich dachte, ich sei ein aufgeklärter Geist, dabei bin ich nur ein unmündiges Wesen, das ohne seine Google-Maps-Anleitung nicht mal den Weg aus der eigenen Kantine findet.

​Helfen Sie mir also, Herr Kant! Oder ist die Antwort auf meine Probleme am Ende doch nur synthetisch a priori? Wenn ja, behalten Sie es für sich. Ich habe schon genug Kopf-kant-schmerzen.


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