
Stellen Sie sich vor, eine Stadt von der Größe Kyjiws, in der eigentlich etwa 3,6 Millionen Menschen zu Hause sind, verliert langsam ihren Herzschlag. Es ist eine gewaltige Zahl: Jeder sechste Einwohner hat in den letzten Wochen seine Koffer gepackt. Insgesamt 600.000 Menschen sind aus der ukrainischen Hauptstadt geflohen – ein Exodus aus nackter Verzweiflung. Wenn ein Bürgermeister seine Bürger anfleht, die eigene Heimat zu verlassen, weil die Wärme zum Luxusgut geworden ist, dann ist das Maß des Erträglichen erreicht. Bei fast minus 20 Grad wird jede Wohnung, die nicht mehr beheizt werden kann, zu einer lebensgefährlichen Falle aus Stein und Eis.
Was würde das für uns bedeuten, wenn dieses Grauen plötzlich Berlin treffen würde? Übertragen wir das Bild auf unsere Hauptstadt: Der Alexanderplatz läge in tiefer, bedrohlicher Dunkelheit. In Neukölln, Pankow und Charlottenburg blieben die Heizkörper eiskalt, während draußen der eisige Wind durch die Straßen peitscht. Ein Sechstel der Berliner wäre von heute auf morgen verschwunden – eine Stadt, die sich schlagartig leert. Ganze Kieze wären verwaist und geisterhaft. Es gäbe kaum noch Strom für die S-Bahnen, kein Licht in den Fenstern der Hochhäuser, nur die stille Angst in der Finsternis. Fast jede zweite Wohnung in Berlin wäre eine Eishöhle, in der man den eigenen Atem sieht. Man müsste in Notfallzelten um ein bisschen Wärme betteln, während der Himmel über der Stadt eine ständige Bedrohung bleibt.
Es ist eine grausame Strategie, die darauf abzielt, den Widerstand der Menschen durch Frost und Dunkelheit zu zermürben. In Kyjiw steht derzeit nur die Hälfte der benötigten Energie zur Verfügung. Eine Million Haushalte sitzen gleichzeitig im Dunkeln. Dass mittlerweile fast jedes Kraftwerk im Land Ziel von Angriffen wurde, zeigt die unvorstellbare Härte dieses Vorgehens. Es ist ein direkter Kampf gegen das nackte Überleben der Zivilbevölkerung, mitten im kältesten Winter seit Jahren.
Gedanken zur Lage
Dieser Winter ist unbarmherziger als alles, was die Menschen dort bisher kannten. Während wir hier das Licht einschalten und die Heizung aufdrehen, kämpfen die Menschen in der Ukraine um jeden Funken Menschlichkeit und Wärme. Dass eine Metropole von 3,6 Millionen Seelen derart schrumpft, ist ein stummer Schrei und eine Erinnerung daran, wie zerbrechlich die Sicherheit ist, die wir oft für selbstverständlich halten.
Quelle: ZEIT



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