
Eine moderne Weihnachtsgeschichte.
Der Fernseher im Kreißsaal hing wie ein Damoklesschwert an der Wand, der Ton war abgedreht, aber die Bilder schrien laut genug. Donald Trump, seit fast einem Jahr wieder im Weißen Haus, gestikulierte wild. Die Untertitel verkündeten seine neueste Forderung: „5 Prozent oder kein Schutz“. Nach dem NATO-Gipfel in Den Haag im Sommer hatte jeder gehofft, die Wogen würden sich glätten, doch jetzt, kurz vor Weihnachten, wirkte das Bündnis brüchiger denn je. Draußen peitschte ein eisiger Dezemberwind gegen die isolierten Krankenhausscheiben. Es war kalt in Europa, nicht nur meteorologisch.
Mein Blick wanderte vom orangen Gesicht des Präsidenten hinaus in die Schwärze der Nacht. Ich dachte an die Menschen in der Ukraine. Vier Jahre. Vier Jahre schon dauert dieser Wahnsinn. Die Eilmeldungen von heute Morgen hatten sich in mein Gedächtnis gebrannt: „Massivste Drohnenwelle seit Kriegsbeginn“. Über 600 russische Drohnen waren in einer einzigen Nacht auf Kyjiw und das Umland niedergegangen. Die Bilder von zerstörten Wärmekraftwerken und Menschen, die in dunklen, ausgekühlten U-Bahn-Schächten Schutz suchten, ließen mich frösteln. Es war der größte Angriff in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg, und er war zur bitteren, grausamen Gewohnheit geworden. Während hier die Lichterketten in den Straßen hingen, versank ein paar Flugstunden weiter alles in Dunkelheit und Kälte.
Ein stechender Schmerz riss mich brutal zurück in den Raum. Ich krallte meine Hand in das weiße Laken, bis die Knöchel hervortraten. „Warum jetzt?“, hatte ich mich in den letzten Monaten so oft gefragt. Ist es nicht verantwortungslos? Ein Kind in eine Welt zu setzen, die offensichtlich aus den Fugen gerät? Wo die USA offen über einen „Friedensplan“ diskutieren, der Gebietsabtretungen fordert, und wo Panzer rollen, während wir „Stille Nacht“ singen? Die Hebamme legte mir eine Hand auf die Schulter. Ihr Blick war ruhig, geerdet. Sie hatte schon Kinder auf die Welt geholt, als Mauern fielen und als Türme einstürzten. „Atmen“, sagte sie nur. „Konzentrieren Sie sich auf das Hier und Jetzt.“
Aber das „Hier und Jetzt“ war schwer zu ertragen. Es fühlte sich an, als würde die ganze Welt den Atem anhalten. Nicht vor Ehrfurcht, sondern vor Angst. Trump drohte im Ticker mit neuen Zöllen, im Osten drohte eine Winteroffensive. Dann ging alles ganz schnell. Der Druck wurde unerträglich, die Maschinen piepten in einem immer schnelleren Stakkato. Die Welt da draußen – die Geopolitik, die Frontlinien, die kaputten Bündnisse – alles verschwamm zu einem grauen Nebel. Es gab nur noch diesen einen, elementaren Kampf. Nicht um Land. Nicht um Macht. Sondern um Leben.
Und dann: Stille. Für eine Sekunde setzte mein Herz aus, schwer wie ein Stein. War es vorbei? Ein Schrei durchschnitt die künstliche Luft des Kreißsaals. Nicht der eines Demagogen. Nicht der einer Luftschutzsirene. Sondern ein urwüchsiger, fordernder, lebendiger Schrei. Sie legten mir das Bündel auf die Brust. Es war so klein. So unfassbar zerbrechlich. Haut auf Haut spürte ich den Herzschlag, rasend schnell, gegen meinen eigenen hämmern. Ich sah kurz auf den Bildschirm, wo die Weltkarte immer noch rot gefärbt war. Die Nachrichten liefen weiter. Die Welt war immer noch dunkel. Die Lage war immer noch aussichtslos.
Aber als sich die winzige Hand um meinen kleinen Finger schloss, so fest sie konnte, begriff ich es plötzlich. Wir bekommen Kinder nicht, weil die Welt heil ist. Wir bekommen sie, damit die Welt eine Chance hat, wieder heil zu werden. Inmitten der Dunkelheit, der Kälte und der politischen Eiszeit war dieses neue Leben ein Trotzdem. Ein leuchtendes, schreiendes Trotzdem. Ganz klein. Aber hell genug, um die Schatten für einen Moment zu vertreiben.



Kommentar verfassen