
Nürnberg, 1945. Die Stadt liegt in Trümmern. Doch genau hier, in dieser Tristesse, geschieht etwas, das die Welt für immer verändern wird. Ein Beobachter vor Ort stellte damals treffend fest: „Nürnberg, diese alte Stadt, hat eine besondere Stellung (wenn auch keine besonders schöne) im internationalen Recht und in der Weltgeschichte.“ (Xiao Qian, chinesischer Berichterstatter, 1945)
Doch was genau passierte in jenem Gerichtssaal, das so wichtig war?
Mehr als nur ein Gerichtsprozess
Stell dir vor, die ganze Welt schaut auf einen einzigen Raum. Ein sowjetischer Beobachter brachte diese Anspannung auf den Punkt: „Warum lauscht die ganze Welt dem Rascheln der Blätter im kleinen Nürnberger Gerichtssaal?“ (Ilja Ehrenburg, sowjetischer Schriftsteller, 1947)
Die Antwort ist simpel und doch erschreckend: Auf der Anklagebank saßen nicht einfach nur „20 blutdürstige Gangster“. Es saß dort „der Faschismus, seine wölfische Ideologie, seine Heimtücke, seine Amoralität, sein Dünkel, seine Erbärmlichkeit.“ (Ilja Ehrenburg, 1947). Es ging also um viel mehr als nur um die Bestrafung einzelner Täter. Es ging um das Böse an sich.
Die Atmosphäre im Raum war unglaublich dicht. Ein Anwesender beschrieb, wie er spürte, „welch große und mutige Worte hier ausgesprochen wurden.“ Worte, die so schwerwiegend waren, dass die Leute nur „langsam und gedankenschwer“ von ihren Stühlen aufstanden, als Robert Jackson geendet hatte (John Dos Passos, amerikanischer Schriftsteller, 1945).
Gerechtigkeit statt Rache
Es wäre ein Leichtes gewesen, die Naziführer einfach ohne Prozess zu beseitigen. Doch das hätte nicht gereicht. Ein späterer deutscher Kanzler machte deutlich: „Man hätte das Rechtsgefühl herausgefordert, wäre mit den Naziführern nie abgerechnet worden.“ (Willy Brandt, 1946)
Es ging um die „Wiederaufrichtung des Rechts“ und, wie ein anderer Autor betonte, um die „Wiederherstellung der Menschheit, zu der auch wir gehören.“ (Alfred Döblin, deutscher Schriftsteller, 1946). Man kann es laut Döblin gar nicht oft genug sagen: Es musste Recht gesprochen werden, damit Deutschland und die Welt wieder menschlich werden konnten.
Ein weiterer Beobachter sah darin sogar einen Gewinn für die Zukunft: „Das neue, revidierte internationale Recht werden wir in Nürnberg bekommen. Das allein wird die ganze Vorstellung der Mühe wert gemacht haben.“ (Peter de Mendelssohn, deutscher Schriftsteller, 1948)
Ein Blick auf heute: Das Damoklesschwert
Sind die Nürnberger Prozesse heute, Jahrzehnte später, nur noch Geschichte? Keineswegs. Das Urteil wurde schon damals als „Damoklesschwert“ bezeichnet, das stets über den Köpfen derjenigen schweben wird, die versuchen sollten, „das friedliche Leben der Völker zu stören und die Menschheit in einen neuen Krieg zu stürzen.“ (Arkadi Poltorak, sowjetischer Schriftsteller, 1965)
Wenn wir uns die aktuellen Konflikte in der Welt ansehen, merken wir, wie aktuell diese Warnung ist. Die Idee, dass sich Mächtige für ihre Taten vor einem internationalen Gericht verantworten müssen, wurde in Nürnberg geboren. Ohne Nürnberg gäbe es den heutigen Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag nicht.
Was am Ende zählt
Natürlich lief damals nicht alles perfekt. Es gab Kritik. Ein moderner Wissenschaftler fasst es nüchtern zusammen: Es ist viel gesagt worden, vor allem, dass man nur wenige der Großen gehängt und „das große Heer der Kleinen unbehelligt gelassen habe.“ (Jan Philipp Reemtsma, Literaturwissenschaftler, 1995)
Das stimmt. Aber er zieht daraus den wohl wichtigsten Schluss für uns alle: „Wie dem auch sei – sie haben stattgefunden und darin liegt ihre Bedeutung.“ (Jan Philipp Reemtsma, 1995)
Der Versuch, das Unfassbare in juristische Bahnen zu lenken, war der erste Schritt zurück in die Zivilisation. Und dieser Schritt ist heute noch genauso wichtig wie damals.



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