
Es ist der Moment, der in den Geschichtsbüchern als der Tag markiert werden könnte, an dem der Westen zerbrach. Bundeskanzler Friedrich Merz erfuhr am vergangenen Donnerstag nicht durch einen vertraulichen Anruf aus dem Oval Office vom neuen US-Friedensplan für die Ukraine – sondern aus den Schlagzeilen der Nachrichten. Sein Team musste im Weißen Haus förmlich betteln, um überhaupt eine Erklärung von Präsident Trump zu erhalten.
Das bestätigt das beklemmende Gefühl, das sich wie Nebel über Berlin und Brüssel gelegt hat: Auf die USA ist kein Verlass mehr. Man wird nicht konsultiert, man wird vor vollendete Tatsachen gestellt. Die Trump-Regierung regiert im eigenen Land mit eiserner Hand durch und wendet denselben rücksichtslosen Stil nun auch gegen ihre engsten Verbündeten an. Wir sind keine Partner mehr, wir sind Statisten.
Der Inhalt des geleakten 28-Punkte-Plans war ein Schock für die europäische Sicherheitsarchitektur. Er sieht vor, dass Russland für seinen brutalen Überfall kaum bezahlen muss und sogar mehr Gebiete behalten darf, als es militärisch erobert hat. Zudem müsste die NATO eine Aufnahme der Ukraine formell ablehnen – ein Diktat aus Washington, das europäische Wünsche ignoriert.
Die Reaktion der Europäer zeugt von purer Verzweiflung. Um den Bruch nicht komplett zu machen, entschied man sich auf dem G20-Gipfel in Johannesburg für eine Taktik der Schmeichelei. Anstatt wütend zu protestieren, nannten Merz und andere den Plan öffentlich eine „Basis“, nur um Trump nicht zu vergrätzen. Top-Diplomaten hasteten nach Genf, um US-Außenminister Marco Rubio abzufangen. Sie mussten rennen, um überhaupt noch gehört zu werden.
Zwar ruderte Rubio leicht zurück und nannte den Plan ein „lebendiges Dokument„, doch die Erleichterung ist trügerisch. Polens Premier Donald Tusk warnte eindringlich vor Optimismus. Das Gefühl, im Stich gelassen zu werden, bleibt.
Das Ende der Sicherheit
Wenn wir diesen Gedanken konsequent zu Ende denken, wird es dunkel. Wenn die Wahrnehmung stimmt, dass die USA als verlässliche Schutzmacht endgültig ausfallen, stehen wir vor einer existentiellen Bedrohung.
Bisher war die Sicherheit Europas auf dem Versprechen der amerikanischen Abschreckung gebaut. Fällt dieses weg, entsteht ein Machtvakuum, das Wladimir Putin nur zu gerne füllen wird. Ein Friedensplan, der Russland für Aggression belohnt, ist keine Lösung, sondern eine Einladung zum Weitermachen.
Ohne die USA ist Europa militärisch derzeit kaum in der Lage, einen konventionellen Großangriff abzuwehren. Wenn Moskau erkennt, dass Washington nicht mehr eingreifen wird, müssen wir uns auf russische Angriffskriege im großen Stil gefasst machen – und zwar potenziell auf NATO-Boden. Die baltischen Staaten oder Polen könnten die nächsten sein. Europa müsste sich binnen kürzester Zeit in eine Kriegswirtschaft verwandeln, um überhaupt eine Überlebenschance zu haben.
Das Schweigen aus Washington bedeutet nicht Frieden. Es bedeutet, dass der Damm gebrochen ist und die Flut kommen kann. Wir stehen allein im Wind.
Und am Horizont ziehen bereits die nächsten Wolken auf.



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