Sonne? Ein theoretisches Konzept.

​Es gibt gute Nachrichten aus der Astrophysik: Die Sonne existiert noch.

​Sie verrichtet, rund 150 Millionen Kilometer entfernt, pflichtbewusst ihren Dienst. Sie fusioniert Wasserstoff, sie strahlt, sie lacht. Theoretisch ist es ein prachtvoller Tag. Praktisch befindet sich München allerdings gerade unter einer wettertechnischen Zwangsjacke.

​Zwischen den begeisterten Strahlen und dem Münchner Marienplatz liegt eine Wolkenschicht von der Konsistenz alter Kartoffelsuppe. Man nennt das hierzulande euphemistisch „Hochnebel“, in der Realität ist es einfach ein grauer Tupperware-Deckel, der fest auf dem Talkessel sitzt. Die Stadt leuchtet nicht, sie oxidiert vor sich hin.

Es ist dieser spezielle Grauton, der selbst dem fröhlichsten Dackel im Englischen Garten den Lebenswillen entzieht. Man könnte fast Mitleid mit den Touristen haben, die München als „nördlichste Stadt Italiens“ verkauft bekommen haben und nun feststellen, dass sie eher in der südlichsten Außenstelle von Irland gelandet sind.

​Wir wissen natürlich, dass sie da oben ist. Piloten bestätigen das. Leute, die sinnloserweise auf die Zugspitze fahren, bestätigen das. Aber für den Bodenbewohner ist die Sonne aktuell so nützlich wie ein Lottogewinn, den man sich nicht auszahlen lassen kann. Wir leben im Konjunktiv: Es wäre schön, wenn man etwas sehen könnte.

​Stattdessen greifen wir zum Vitamin-D-Präparat und tun so, als wäre dieses diffuse Licht, das an eine sterbende Glühbirne im Kellerabteil erinnert, „Tageslicht“. Genießen Sie es. Es ist das Hellste, was Sie diese Woche vermutlich kriegen werden.


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