Putins Krieg und das vergiftete Erbe Russlands

Verbrannte Brücken

Der Februar rückt näher, und damit ein zutiefst deprimierendes Jubiläum: Bald vier Jahre dauert Putins brutaler und völkerrechtswidriger Angriffskrieg gegen die Ukraine. Vier Jahre, in denen eine Nation rücksichtslos zerstört wird, Städte in Schutt und Asche gelegt und unzählige Leben ausgelöscht werden. Doch der Schaden, den Wladimir Putin angerichtet hat, geht weit über die Grenzen von Kyjiw, Charkiw oder Mariupol hinaus. Er hat auch sein eigenes Volk in eine Geiselhaft genommen, die weit über seine Amtszeit hinaus andauern wird. Putin hat „die Russen“ generell zu Menschen gemacht, denen ein Großteil der westlichen Demokratien auf Jahrzehnte hinaus nur noch mit größter Voreingenommenheit begegnen wird.

Der Stempel: Kollektivschuld im 21. Jahrhundert

Natürlich, wir sind alle aufgeklärt. Wir wissen, dass man Mensch von Gruppe trennen muss. Alles andere wäre Rassismus, Sippenhaft, primitiv. Das ist die Theorie. Die Praxis sieht anders aus. Wenn wir im Alltag auf jemanden mit russischem Akzent treffen, läuft bei vielen unweigerlich ein internes Protokoll ab. Die unausgesprochene Frage hängt im Raum: Wie stehst du zum Krieg?

Da man diese Frage natürlich nicht bei jeder Begegnung im Supermarkt oder im Büro stellt, bleibt ein diffuses Misstrauen. Ein Ressentiment, das sich festsetzt. Es ist ein Kollateralschaden dieses Krieges, der unzählige Exil-Russen, Oppositionelle oder einfach Menschen, die mit Putins Regime nichts zu tun haben wollen, trifft. Sie tragen einen Stempel, den sie nicht verdient haben, aber auch nicht abwaschen können.

Den Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg ging es nicht anders. Es dauerte Generationen, bis das „Deutschsein“ im Ausland nicht mehr automatisch mit „Nazi“ gleichgesetzt wurde. Dieser Prozess steht den Russen jetzt erst bevor, und er wird bitter und lang sein.

Das vergiftete Volk: Warum das Misstrauen nicht ganz unberechtigt ist

Und jetzt kommt die zynische, aber notwendige Ergänzung: Dieses Misstrauen ist keineswegs völlig aus der Luft gegriffen. Ja, es gibt die mutigen Oppositionellen. Es gibt die, die geflohen sind. Aber ein erschreckend großer Teil der russischen Bevölkerung scheint hinter diesem Krieg zu stehen.

Sie sind das Produkt einer jahrzehntelangen, perfekten Propaganda-Maschinerie, gepaart mit einer Jahrhunderte alten imperialistischen Prägung. Der Glaube an „Mütterchen Russland“, die Überzeugung, dass Nachbarländer nur abtrünnige Provinzen seien, und der tief sitzende Hass auf den „dekadenten Westen“ – all das ist tiefer verwurzelt als Putin selbst.

Man kann da nicht einfach herkommen und sagen: „Schau mal, das war doch alles ganz anders.“ Das hat schon bei den ehemaligen Nazis in Deutschland kaum funktioniert. Viele von ihnen haben ihren Antisemitismus und ihr verdrehtes Weltbild bis in die Enkelgeneration weitergegeben, oft nur hinter vorgehaltener Hand. Der Unterschied ist: Sie hätten dies nicht mehr tun müssen, weil sie mittlerweile in einem demokratischen Deutschland lebten. Im heutigen Russland jedoch ist die imperiale Lüge weiterhin die Staatsdoktrin.

Keine „Stunde Null“ in Sicht

Hier liegt der entscheidende Unterschied zu Deutschland 1945: Deutschland lag komplett am Boden. Es war militärisch besiegt, moralisch bankrott und physisch zerstört. Das Land stand unter Besatzung und musste einen Neustart wagen. Diese „Stunde Null“, so mythisch sie auch sein mag, hat einen echten Wandel im Denken erzwungen, auch wenn er schmerzhaft war und Jahrzehnte dauerte.

Ein ähnliches Szenario ist in Russland überhaupt nicht in Sicht. Selbst wenn der Krieg morgen endet oder Putin von einem Balkon fällt – das Land ist nicht besiegt. Es wird sich nicht als Täter, sondern als Opfer einer westlichen Verschwörung sehen. Es wird keine Entnazifizierung, keine Ent-Imperialisierung geben. Es wird keine Aufarbeitung geben, weil dazu die Einsicht fehlt, überhaupt etwas falsch gemacht zu haben.

Ein Ausblick auf die Eiszeit

Was bedeutet das für uns? Es bedeutet, dass Russland, auch nach Putin, auf sehr lange Zeit ein für den liberalen Westen äußerst gefährlicher Gegner bleiben wird.

Wir haben es mit einem Land zu tun, dessen Bevölkerung ideologisch so durchtränkt ist, dass man sie kaum mit Gedanken oder Fakten erreichen kann. Die Brücken, die seit 1990 mühsam gebaut wurden, sind nicht nur beschädigt – sie sind pulverisiert, die Grundpfeiler weggesprengt.

Wer glaubt, dass mit einem Ende dieses Krieges wieder „Business as usual“ möglich ist, ist naiv. Wir müssen uns auf eine neue, lange Eiszeit einstellen und unsere Politik, unsere Verteidigung und auch unsere Erwartungen darauf einstellen.


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