Theodizeefrage: Moderne Antworten

Die bisherigen Essays haben sich stark auf die philosophische und systemische Seite der Theodizee konzentriert: Wie kann ein allmächtiger Gott das Leid zulassen (oder erleidet es gar mit)?

Doch das 20. Jahrhundert brachte, parallel zur politischen Theologie (Metz, Sölle) und der Aufgabe der Allmacht (Jonas), eine völlig andere, existentielle Strömung hervor. Diese Theologen und Denker fragten nicht mehr primär: „Wie können wir Gott rechtfertigen?“, sondern: „Wie kann der Mensch angesichts des sinnlosen Leids überleben und Sinn finden?“

Hier geht es weniger um eine Erklärung als um eine Heilung und eine Haltung.

Jenseits der Erklärung: Der Mut zum Sein und der Wille zum Sinn

Die Theologien, die wir bisher betrachtet haben, hinterlassen oft ein Gefühl der intellektuellen Anspannung oder des politischen Auftrags. Schleiermacher verlangt ein fast stoisches Vertrauen in eine Gesamtordnung. Moltmann und Metz rufen zur Solidarität mit den Opfern auf. Hans Jonas fordert uns auf, die Ohnmacht Gottes zu akzeptieren.

Doch was sagt man dem Individuum, das jetzt leidet? Dem Menschen in der Trauer, in der Krankheit oder in der tiefen Depression? Hier bieten zwei Denker des 20. Jahrhunderts eine Antwort, die unmittelbar auf das Zurechtkommen zielt.

1. Paul Tillich: Der Mut, die Angst anzunehmen

Für den deutsch-amerikanischen Theologen Paul Tillich (1886–1965) war das Kernproblem des modernen Menschen nicht primär der Schmerz, sondern die Angst (im existenziellen Sinne von „Anxiety“ oder „Dread“).

Tillich sah drei Hauptformen der Angst:

  1. Die Angst vor Schicksal und Tod (die uns ausgeliefert fühlen lässt).
  2. Die Angst vor Schuld und Verdammnis (die moralische Angst).
  3. Die Angst vor Leere und Sinnlosigkeit (die spirituelle Angst).

Das große Leid – ein Krieg, eine Pandemie, der Verlust eines Kindes – stürzt uns in genau diese Sinnlosigkeits-Angst. Der „Gott“ der traditionellen Theologie, der als allmächtiger Problemlöser im Himmel thront, wird angesichts dieser Angst unglaubwürdig und „stirbt“ für den Leidenden.

Hier setzt Tillichs berühmtes Konzept aus „Der Mut zum Sein“ an. Er sagt: Der Glaube, der uns hilft, ist nicht der Glaube an diesen traditionellen Gott. Es ist der Mut zum Sein, der Mut, das eigene Leben und die Realität (samt dem Leid) anzunehmen, trotz der Erfahrung der Sinnlosigkeit.

Wo ist Gott hier? Gott ist für Tillich nicht „ein Wesen“, das eingreift oder nicht. Gott ist der „Grund des Seins“ (Ground of Being) selbst.

  • Wie das hilft, zurechtzukommen: Wenn du im tiefsten Leid das Gefühl hast, Gott verlassen zu haben oder von ihm verlassen worden zu sein, ist das laut Tillich kein Glaubensverlust. Es ist der Moment, in dem du den „Gott jenseits des Gottes des Theismus“ entdeckst. Gott ist die tiefe Kraft, die dich befähigt, dennoch „Ja“ zum Leben zu sagen. Es ist der Mut, die Angst und das Leid auszuhalten, im Vertrauen darauf, dass der „Grund des Seins“ dich auch dann trägt, wenn alle Sicherheiten und Erklärungen zerbrochen sind.

2. Viktor Frankl: Die Suche nach dem Sinn

Noch direkter auf das „Zurechtkommen“ zielt der Wiener Psychiater Viktor Frankl (1905–1997). Frankl war selbst Überlebender von Auschwitz. Er ist zwar kein Theologe im klassischen Sinne, aber sein Werk („… trotzdem Ja zum Leben sagen“) ist eine der tiefsten theologischen Antworten auf das Leid, die das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat.

In den Konzentrationslagern beobachtete Frankl, wer eine höhere Überlebenschance hatte: Nicht unbedingt die körperlich Stärksten, sondern jene, die einen Sinn in ihrem Leben sahen – sei es die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit einer geliebten Person, ein unvollendetes Werk oder ein spiritueller Auftrag.

Daraus entwickelte er die Logotherapie (Sinn-Lehre). Frankls These: Die primäre Motivation des Menschen ist der „Wille zum Sinn“.

Die Theodizee-Frage „Warum lässt Gott das zu?“ hält Frankl für falsch gestellt und unbeantwortbar. Er kehrt die Frage um: Das Leben stellt uns die Frage, und wir müssen antworten.

  • Wie das hilft, zurechtzukommen: Laut Frankl können wir dem Leid nicht entkommen, aber wir haben die „letzte der menschlichen Freiheiten“: die Freiheit, unsere Haltung zum unvermeidbaren Leid zu wählen.
  • Er sagt, wir können Sinn finden, selbst im hoffnungslosesten Leid:
    1. Indem wir eine Tat setzen oder ein Werk schaffen.
    2. Indem wir etwas erleben oder einen Menschen lieben.
    3. Und wenn 1 und 2 unmöglich sind: durch die Haltung, mit der wir unser Schicksal tragen.

Wenn ein Mensch sein Leid mit Würde und Mut trägt, verwandelt er eine persönliche Tragödie in einen „inneren Triumph“. Gott ist hier die Instanz, die diesen Sinn garantiert, der „Partner im Zwiegespräch“ des Gewissens, der uns hilft, diesen Sinn zu entdecken.

Ein neuer Blick auf die Frage

Tillich und Frankl „lösen“ das Theodizee-Problem nicht. Sie tun etwas Wichtigeres: Sie entmachten es.

Sie verlagern den Fokus weg von der Anklage gegen einen fernen Gott hin zur inneren Stärke des Menschen. Sie fragen nicht: „Warum geschieht das?“, sondern: „Wozu kann ich es machen?“ oder „Wie kann ich dem begegnen?“

Die Antwort auf das Leid ist für sie nicht mehr eine Erklärung, sondern die Entdeckung von Mut (Tillich) und die Entscheidung für den Sinn (Frankl).


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