Die Theodizeefrage nach Auschwitz

Die bisherigen Essays haben die Spannung zwischen dem mitleidenden Gott (Bonhoeffer, Moltmann) und dem allumfassenden Ordnungs-Gott (Schleiermacher) aufgezeigt. Doch das 20. Jahrhundert, insbesondere das Ereignis von Auschwitz, hat jede theologische Antwort einer Zerreißprobe unterzogen, die das Denken fundamental verändert hat.

Nach Auschwitz: Die Theologie im Angesicht der Abwesenheit

Die Schornsteine von Auschwitz und die Gräben von Srebrenica sind nicht nur historische Ereignisse; sie sind theologische Abgründe. Nach 1945 war die Frage „Gott, wo bist du?“ keine philosophische Übung mehr. Sie wurde zum existenziellen Schrei, der die traditionellen Antworten – sei es Schleiermachers geordnete Welt oder die Hoffnung auf einen eingreifenden Gott – als zynisch entlarvte.

Theologen des späten 20. und 21. Jahrhunderts mussten daher neu buchstabieren, was „Gott“, „Macht“ und „Handeln“ überhaupt bedeuten können.

1. Der verwundbare Gott: Hans Jonas

Der Philosoph Hans Jonas (1903–1993), selbst jüdischer Herkunft und von der Shoah tief betroffen, wagte in seinem Text „Der Gottesbegriff nach Auschwitz“ einen radikalen Schritt. Er nahm Bonhoeffers „ohnmächtigen Gott“ ernster als viele Christen.

Jonas argumentiert: Wenn wir überhaupt noch an einen Gott glauben wollen, der gut ist, müssen wir die Idee seiner Allmacht aufgeben.

Jonas entwirft einen „Mythos“: Gott habe sich bei der Schöpfung der Welt selbst entäußert. Er zog sich zurück, um der Welt Freiheit zu schenken – eine Freiheit, die so real ist, dass sie auch das Grauen von Auschwitz ermöglicht. Gott, so Jonas, konnte nicht eingreifen. Er war der „leidende“, der „werdende“ Gott, der auf das Handeln seiner Schöpfung angewiesen ist.

  • Antwort auf das Leid: Gott ist nicht abwesend, weil er nicht will, sondern weil er sich aus Liebe zur Freiheit der Welt verwundbar gemacht hat. Er ist der schweigende Mit-Leidende, der darauf wartet, dass der Mensch seine Verantwortung wahrnimmt.

2. Der politische Schrei: Johann Baptist Metz und Dorothee Sölle

Eine andere, hoch einflussreiche Strömung gab sich mit der philosophischen Schwäche Gottes nicht zufrieden. Sie verlegte die Antwort dorthin, wo der erste Essay aufhörte: in die Solidarität (Dorothee Sölle).

Johann Baptist Metz (1928–2019), der Begründer der „Neuen Politischen Theologie“ in Deutschland, überlebte als Jugendlicher den Zweiten Weltkrieg und war traumatisiert von dem, was er als die Ohmacht Gottes angesichts des Leids empfand.

Metz‘ Antwort ist die „anamnetische Solidarität“ (erinnernde Solidarität).

  • Antwort auf das Leid: Wir können das Leid der Vergangenheit (Auschwitz, die Opfer der Geschichte) nicht „erklären“. Jede Erklärung wäre ein Verrat am Opfer. Die einzige zulässige theologische Reaktion ist das „Gefährliche Gedächtnis“ (memoria passionis).
  • Gott ist nicht im System (wie bei Schleiermacher) oder nur im Kreuz (wie bei Moltmann), sondern im Schrei der Opfer, der uns heute zur Unterbrechung der Leidensgeschichte aufruft. Die Frage „Wo ist Gott?“ wird umgedreht in: „Wo bist du, der du das Leid der anderen siehst?“

Dorothee Sölle (1929–2003) trieb dies auf die Spitze. Für sie war die Rede von einem „allmächtigen“ Gott nach Auschwitz „Blasphemie“. Sie ersetzte die „Vertikal-Theologie“ (zu Gott aufschauen) durch eine „Horizontal-Theologie“ (zum Nächsten hinschauen).

  • Antwort auf das Leid: Gott handelt durch uns oder gar nicht. Sölles radikale These: Gott ist keine Person (kein „Agent“), sondern die Kraft der Liebe und der Solidarität selbst. Wo Menschen gegen Ungerechtigkeit aufstehen, „ereignet“ sich Gott.

3. Der kooperative Gott: Die Prozess-Theologie

Im 21. Jahrhundert gewinnt eine Strömung an Einfluss, die schon im 20. Jahrhundert begann, aber heute angesichts von Ökokrise und Globalisierung relevanter denn je ist: die Prozess-Theologie (basierend auf Alfred North Whitehead, 1861–1947).

Sie bietet einen Mittelweg zwischen Schleiermachers allmächtigem System und Jonas‘ ohnmächtigem Gott.

  • Antwort auf das Leid: Gott ist nicht allmächtig im Sinne von „alles kontrollierend“ (coercive power). Gott ist allmächtig im Sinne von „alles überredend“ (persuasive power).
  • Die Welt ist ein freier, chaotischer Prozess. Gott „kontrolliert“ ihn nicht, sondern „lockt“ (lures) ihn ständig auf das bestmögliche Ergebnis hin. Er ist wie ein Künstler, der mit einer widerspenstigen Leinwand arbeitet. Das Leid (Krieg, Krankheit, Tsunami) ist der reale Widerstand der Materie und der Freiheit, den Gott nicht einfach „wegzaubern“ kann, ohne die Welt zu zerstören.
  • Gott ist der große Mit-Erlebende. Jede Freude, aber auch jeder Schmerz der Welt wird Teil von Gottes ewigem Erleben. Er „vergisst“ kein Leid, sondern webt es in die Heilung der Zukunft ein.

Ein verändertes Fragen

Die Theologie des 20. und 21. Jahrhunderts hat das Theodizee-Problem nicht „gelöst“. Sie hat den Versuch, das Leid logisch zu rechtfertigen, weitgehend aufgegeben.

An die Stelle der Erklärung ist etwas anderes getreten:

  1. Die Preisgabe der Allmacht zugunsten der Güte Gottes (Jonas, Prozess-Theologie).
  2. Die Umwandlung der Theodizee in Anthropodizee: Die Frage ist nicht, was Gott tut, sondern was der Mensch angesichts des Leids tut (Metz, Sölle).
  3. Das Aushalten der Klage und des Geheimnisses (Mysteriums) anstelle einer glatten Antwort.

Die moderne Antwort auf „Gott, wo bist du?“ ist seltener eine Erklärung und immer öfter ein Aufruf zum Handeln oder ein solidarisches Schweigen.


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