Mensch oder Frau?

Ein Restaurantbesuch und die biologische Grundsatzfrage: Mensch oder Frau?

Der Abend in der kleinen Trattoria hätte so schön sein können. Das Licht war gedimmt, der Chianti atmete, und die Pasta war al dente. Doch wie es das Schicksal (und ein halber Liter Tafelwasser) so will, meldete sich irgendwann ein unaufschiebbares Bedürfnis. Der Gang führte in einen kleinen Korridor, an dessen Ende zwei Türen prangten. Keine Piktogramme, kein international verständliches „WC“. Nur zwei Worte: „Donne“ und „Uomini“.

Für den romanisch gebildeten Gast ist die Sache auf den ersten Blick klar. „Donne“ für die Damen, „Uomini“ für die Herren. Ein kurzer Moment des Triumphs über jene, die hier ratlos zögern würden. Doch dann setzt das Bildungshirn ein und die Sache wird… schwierig.

„Donne“ – geschenkt. Das kommt von „Domina“, der Herrin des Hauses. Eine klare Zuweisung.

Aber „Uomini“.

Hier betreten wir philosophisches Neuland. „Uomini“ ist der Plural von „Uomo“. Und „Uomo“, das weiß der Lateiner noch aus der sechsten Klasse, leitet sich unverkennbar vom lateinischen Wort „Homo“ ab. Und „Homo“ bedeutet nicht „Mann“. Es bedeutet: „Mensch“.

Die fatale Schlussfolgerung

Das Restaurant, dieser gemütliche Ort der Gastfreundschaft, stellt seine Gäste also vor eine tiefgreifende, anthropologische Wahl.

Die eine Tür ist für die „Donne“ (Frauen). Die andere Tür ist für die „Uomini“ (Menschen).

Die männlichen Gäste haben es leicht. Sie betreten den Raum der „Menschen“ und bestätigen damit ihre Zugehörigkeit zur Gattung Homo sapiens. Sie sind der Standard, das Maß aller Dinge.

Die weiblichen Gäste hingegen stehen vor einem existenziellen Dilemma. Sie müssen sich entscheiden: Bin ich eine „Donna“ – oder bin ich ein „Mensch“? Das Restaurant zwingt sie, eine Wahl zu treffen zwischen Geschlecht und Spezies.

Stellt man sich als Frau also in die Kategorie „Frau“ und verleugnet damit implizit die eigene Menschlichkeit (im etymologischen Sinne)? Oder betritt man selbstbewusst die „Uomini“-Toilette, den Raum der „Menschen“, und riskiert damit einen sozialen Eklat oder zumindest irritierte Blicke beim Händewaschen?

Man stelle sich die Verwirrung vor, sollte eine außerirdische Lebensform jemals diese Trattoria untersuchen. Die Schlussfolgerung wäre unausweichlich: Auf diesem Planeten gab es zwei dominante Spezies, die getrennte sanitäre Anlagen nutzten: die Menschen und die Frauen.

Eine ungeahnte Zwickmühle

Was will der Wirt uns damit sagen? War dies ein subtiler Kommentar zur Schöpfungsgeschichte? Ein linguistischer Unfall? Oder ist die Trennung von „Mensch“ und „Frau“ in Italien ein alltägliches Organisationsprinzip, das uns bisher verborgen blieb?

Während man noch darüber nachdenkt, ob man als „Donna“ überhaupt als vollwertiger „Homo“ im Sinne des Humanismus gilt, wird der physische Druck meist übermächtig. Die Philosophie muss der Biologie weichen.

Man wählt also zögernd die Tür „Donne“ und akzeptiert die semantische Degradierung für den Moment der Erleichterung. Man verlässt den Ort mit dem nagenden Gefühl, vielleicht gerade die Würde der Menschheit (oder zumindest die Hälfte davon) an einer Toilettentür in einer italienischen Gasse verraten zu haben. Der Chianti danach schmeckte jedenfalls merkwürdig philosophisch.


Ein notwendiger Nachtrag

Man muss den Italienern an dieser Stelle natürlich Gerechtigkeit widerfahren lassen. Als das lateinische „Homo“ (der Mensch) über die Jahrhunderte ins Italienische zu „Uomo“ (der Mann) wurde, haben sie eigentlich genau das beseitigt, was der obige Artikel augenzwinkernd unterstellt hat.

Sie haben die Zweideutigkeit aufgelöst. Sie haben klargemacht: Hier der „Uomo“ (Mann), dort die „Donna“ (Frau). Es stand nie zur Debatte, dass beide Menschen sind. Das satirische Gedankenspiel bleibt also genau das: ein Spiel mit der Wortherkunft, das in der Realität so nicht intendiert war.

Heute wissen wir allerdings, dass bei diesen zwei Zuweisungen noch lange nicht Schluss ist. Die Welt ist nicht nur binär. Es gibt viele weitere Differenzierungen und Identitäten jenseits von (oder zwischen) Mann und Frau.

Angesichts dessen wäre die eleganteste Lösung vielleicht doch die Rückkehr zum Ursprung. Man könnte einfach an alle Türen das lateinische Wort „Homines“ schreiben.

Das bedeutet schlicht: Menschen.

Und vielleicht fügt man einfach noch eine dritte Tür hinzu. Die Aufschrift? Ebenfalls „Homines“.


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