Und am Ende schaut Europa wieder nur zu?

Es ist eine bequeme Erzählung, die sich da gerade in den Köpfen festsetzt: Die tapferen, wertegeleiteten Europäer, angeführt von Kanzler Merz und Präsident Macron, reisen nach Washington, um einen „verrückten König“ namens Trump zur Vernunft zu bringen. Sie retten die Ukraine vor einem überstürzten Friedensdiktat und kehren als Helden der Diplomatie heim. Ein schönes Bild. Leider ist es grundfalsch.

Man muss für einen Moment die ganze Show beiseitelassen und sich die brutale Realität der letzten Jahre ansehen. Wer waren diese Europäer denn, als es wirklich darauf ankam? Waren sie die entschlossenen Unterstützer einer überfallenen Nation? Oder waren sie nicht vielmehr zynische Zauderer, die der Ukraine gerade genug zum Überleben gaben, aber niemals genug zum Siegen?

Die Wahrheit ist bitter: Europa hat der Ukraine einen Tropf angelegt, um sie am Leben zu halten, aber ihr bewusst den Knüppel verweigert, um den Feind zu schlagen. Erst wurde über Kampfpanzer debattiert, bis unzählige Soldaten gestorben waren. Dann kamen die Taurus-Raketen, die – Überraschung – bis heute nicht geliefert wurden. Daran hat auch ein Kanzlerwechsel zu Friedrich Merz absolut nichts geändert. Die große „Zeitenwende“ entpuppte sich als laues Lüftchen, dem schnell die Puste ausging.

Die offizielle Formel dieser Halbherzigkeit, geprägt von der Vorgängerregierung und stillschweigend übernommen, war immer: „Russland darf diesen Krieg nicht gewinnen.“ Das klingt gut, ist aber eine bewusste sprachliche Täuschung. Es hätte von Anfang an heißen müssen: „Die Ukraine muss gegen Russland gewinnen.“ Doch für diese Klarheit fehlte der Mut. Man hatte mehr Angst vor Putins Atomdrohungen und der Stimmung der eigenen Wählerschaft als vor dem Sterben in Butscha, Mariupol oder Charkiw.

Der wahre Zynismus offenbarte sich hinter vorgehaltener Hand. Ein ranghoher deutscher Politiker begründete die quälend langsamen Waffenlieferungen allen Ernstes damit, man müsse die deutsche Bevölkerung erst „mitnehmen“. Auf den Einwand, dass dieses „Mitnehmen“ Tausende von Menschenleben kostet, gab es nur ein Schulterzucken. Ein „Ja“. Das war der Preis, den andere für deutsche Befindlichkeiten zahlen mussten. Moral? Fehlanzeige. Es ging um Wählerstimmen.

Und jetzt, wo Donald Trump auf der Bühne erscheint, sind die Europäer plötzlich die großen Retter? Man muss kein Freund seiner erratischen Art sein, um eines festzustellen: Trump handelt. Er agiert, er provoziert, er zwingt die Akteure an den Tisch. Er versucht zumindest, etwas in Bewegung zu setzen, um das Blutvergießen zu beenden. Die Europäer hingegen haben jahrelang nur davon geträumt, geredet und mit warmen Worten um sich geworfen. Sie hatten zwei realistische Optionen: der Ukraine mit aller Macht zum Sieg zu verhelfen oder, wenn ihnen dafür der Mut fehlt, Verhandlungen zu erzwingen. Sie haben beides nicht getan. Sie haben sich für einen dritten Weg entschieden: den Weg des verwalteten Sterbens.

Die Europäer sind seit Beginn dieses Krieges Statisten mit markigen Worten. Sie beklagen, was getan werden müsste, aber bleiben in der Realität weit dahinter zurück. Dass sie sich nun in Washington als die großen Helden feiern lassen, ist nicht nur falsch. Es ist eine Verhöhnung derer, die seit Jahren für die Freiheit Europas bluten – während Europa selbst noch überlegte, ob die Lieferung eines weiteren Panzers die eigene Bevölkerung vielleicht überfordern könnte.

Quelle: Basierend auf einem Kommentar von Jochen Bittner, DIE ZEIT, 20. August 2025.


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Kommentare

2 Kommentare zu „Und am Ende schaut Europa wieder nur zu?“

  1. Avatar von Klaus K.
    Klaus K.

    Ich sehe die Abhängigkeit der europäischen Staaten von den USA in diesem Kontext durchaus positiv. Wenn Trump es schafft, diesen unseligen Krieg zu beenden und ein halbwegs vernünftiges Nebeneinander mit Rußland herbeizuführen, hätte er Großartiges geleistet, zu dem die Europäer nicht fähig und wahrscheinlich auch nicht willens sind.

    Wenn der Fokus auf eine potentielle russische Invasion Europas verschwindet, wird er sich wieder auf die reale, täglich stattfindende Invasion aus anderen Teilen der Welt richten. Das ist weder im Interesses Marcons, noch Starmers, noch Merzens. Für Europa kann das nur gut sein.

  2. Es gibt keine täglich stattfindende Invasion nach Europa. Sie lesen zu viel auf Seiten, die das Thema einseitig hochschießen.
    Insgesamt ist es aber richtig, dass ein Staat seine Migration im Griff haben sollte. Sonst hört er nämlich auf Dauer auf, ein Staat zu sein.

    Ob Trump hier einen Frieden schaffen kann? Kurzzeitig war ich diesbezüglich optimistisch, aber ich glaube es eigentlich nicht. Und zwar deswegen nicht, weil die Signale aus Russland nach wie vor negativ sind.

    https://god.fish/2025/08/21/und-er-laechelt-immer-noch/

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