
Zerbricht gerade die regelbasierte Weltordnung?
Die Welt blickte nach Alaska, wo sich US-Präsident Donald Trump und der russische Machthaber Wladimir Putin trafen. Die Hoffnung war ein Waffenstillstand in der Ukraine. Das Ergebnis ist jedoch etwas völlig anderes: Unter dem Deckmantel eines „schnellen Friedensschlusses“ scheint Trump bereit zu sein, die Ukraine den russischen Interessen zu opfern. Europa schaut fassungslos zu und läuft den Ereignissen hinterher. Was in Alaska passiert ist, könnte jedoch weit mehr sein als nur ein schlechter Deal für die Ukraine – es könnte der Anfang vom Ende der globalen Sicherheitsarchitektur sein, wie wir sie kennen.
Der Pakt: Schöne Worte für einen brutalen Verrat
Was nach dem Gipfel durchsickerte, ist an Deutlichkeit kaum zu überbieten. Trump, der Meister der Volten, hat offenbar die russischen Forderungen weitgehend übernommen. Für die Ukraine würde dieser „Frieden“ bedeuten, auf rund 20 Prozent ihres Territoriums zu verzichten und zusätzlich auf Teile des Donbass, die Russland noch nicht einmal erobert hat. Im Gegenzug gibt es vage Versprechen und eine russische Erklärung, Kyjiw künftig nicht mehr anzugreifen. Sicherheitsgarantien? Die sollen vor allem europäische Bodentruppen liefern.
Man muss kein Militärstratege sein, um zu erkennen, was das ist: kein Frieden, sondern ein Diktatfrieden zu Putins Bedingungen. Die Bilder des Treffens, auf denen Putin mit einem Dauergrinsen zu sehen ist, sprechen Bände. Er hat bekommen, was er wollte: die internationale Bühne, Verhandlungen auf Augenhöhe und die Übernahme seiner Maximalforderungen durch den US-Präsidenten. Für die Ukraine ist die Lage katastrophal. Stimmt Präsident Selenskyj zu, stärkt er Russland für zukünftige Angriffe und stürzt sein Land ins Chaos. Lehnt er ab, riskiert er den völligen Entzug der US-amerikanischen Hilfe. Eine Wahl zwischen zwei katastrophalen Optionen.
Das Ende der Garantie: Wenn Amerikas Wort nichts mehr zählt
Das eigentliche Beben dieses Gipfels geht jedoch weit über die Ukraine hinaus. Der Kernpunkt ist: Wenn die USA bereit sind, einen Verbündeten, den sie jahrelang massiv unterstützt haben, auf diese Weise fallen zu lassen, was ist dann ihre Sicherheitsgarantie für andere Nationen noch wert? Die Antwort ist brutal einfach: nichts.
Für Europa ist das ein Weckruf, der ohrenbetäubend sein sollte. Jahrzehntelang basierte die Sicherheit des Kontinents auf der Annahme, dass die USA im Ernstfall an ihrer Seite stehen. Der berühmte Artikel 5 der NATO war das Fundament dieser Ordnung. Trumps Handeln in Alaska pulverisiert dieses Vertrauen. Wenn ein Deal mit einem Autokraten wichtiger ist als die Souveränität eines Partners, dann ist die amerikanische Schutzmacht nur noch eine Fassade. Für Putin ist das ein offenes Signal, seine imperialen Ambitionen weiterzuverfolgen. Sein Ziel war immer die Rückabwicklung der europäischen Sicherheitsordnung und eine russische Einflusszone bis an die deutsche Ostgrenze. Dieser Traum rückt nun in greifbare Nähe.
Ein grünes Licht für die Angreifer: Die Büchse der Pandora ist geöffnet
Und die Erschütterungen enden nicht an den Grenzen Europas. In Peking wird man die Ereignisse von Alaska mit größtem Interesse verfolgen. Die chinesische Führung sieht nun live, wie der amerikanische Wille, seine Verbündeten zu verteidigen, erodiert. Wenn die Sicherheitsgarantie für Europa de facto für wertlos erklärt wird, warum sollte die für Taiwan, Südkorea oder Japan noch gelten?
China könnte Trumps Vorgehen als grünes Licht für eine aggressive Politik im indopazifischen Raum interpretieren. Die Hemmschwelle für einen Angriff auf Taiwan, das China als abtrünnige Provinz betrachtet, könnte dramatisch sinken. Was wir gerade erleben, ist möglicherweise der Beginn einer Epoche großer Angriffskriege. Autokratische Mächte wie Russland und China könnten sich ermutigt fühlen, ihre territorialen Ansprüche mit militärischer Gewalt durchzusetzen, in der Annahme, dass die USA nicht mehr bereit sind, den Preis für die Verteidigung der globalen Ordnung zu zahlen.
Die schönen Worte von einem „schnellen Frieden“ könnten sich als der Deckmantel für einen historischen Verrat entpuppen, der die Welt in eine Ära der Instabilität und der Kriege stürzt. Europa wirkt dabei wie ein gelähmtes Kaninchen vor der Schlange – unfähig, eine eigene Strategie zu entwickeln und nur darauf bedacht, den unberechenbaren Partner in Washington nicht zu verärgern. Eine fatale Fehleinschätzung, wenn so viel auf dem Spiel steht.
Quelle: Die Analyse basiert auf den Informationen und Einschätzungen aus dem Kommentar „Trump laviert, Putin grinst, Europa läuft hinterher“ von Carlo Masala, erschienen in DIE ZEIT am 17. August 2025.



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