Der Alaska-Poker. Mögliche Szenarien.

Genialer Friedens-Deal oder eine öffentliche Demütigung?

Man rieb sich amüsiert und zugleich besorgt die Augen. Da steht also Donald Trump, der mächtigste Mann der westlichen Welt, und klatscht Beifall für Wladimir Putin. Nicht irgendeinen Putin, sondern den international per Haftbefehl gesuchten Kriegsverbrecher Putin. Die Szenerie in Alaska, unter dem Motto „Pursuing Peace“, hatte etwas von einem surrealen Theaterstück. Die große Frage, die nach dem Fall des Vorhangs im Raum steht, ist denkbar einfach und zugleich brutal in ihrer Konsequenz: War das der Beginn eines genialen Friedens-Deals oder eine öffentliche Demütigung auf offener Bühne?

Die Inszenierung war perfekt. Trump und Putin sprachen von „konstruktiven Gesprächen“, die russische Delegation fand die Stimmung gar „großartig“. Man schüttelte Hände, würdigte die gemeinsame Geschichte, in der man „gemeinsame Feinde zerschlagen“ habe, und stellte sogar ein Folgetreffen in Moskau in Aussicht. Fast drei Stunden saß man zusammen. Doch als die Kameras liefen und die Welt auf eine Sensation wartete, kam: nichts. Die Pressekonferenz dauerte mickrige zehn Minuten, Fragen waren nicht zugelassen, und konkrete Ankündigungen blieben vollständig aus.

Genau hier liegt der Kern des Pokerspiels. Donald Trump ist volles Risiko gegangen. Er hat im Vorfeld eine Frist für eine Waffenruhe verstreichen lassen und damit seine eigene Drohung mit Sekundärzöllen vorerst kassiert. Er setzt alles auf eine Karte: seine persönliche Überzeugungskraft und die vage Hoffnung, dass Putin aus einer Laune heraus einlenkt.

Es gibt nur zwei mögliche Ausgänge für diesen hochriskanten Flirt mit einem Diktator:

  1. Der Coup gelingt: Sollte in den kommenden Tagen tatsächlich ein Waffenstillstand folgen und der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine beendet werden, wäre Trump der gefeierte Held. Er hätte das geschafft, woran die klassische Diplomatie jahrelang gescheitert ist. Das Hofieren eines Kriegsverbrechers wäre dann aus seiner Sicht ein vertretbares, ja sogar notwendiges Übel gewesen, um unzählige Leben zu retten. Er könnte sich als der ultimative Dealmaker präsentieren, der die Regeln bricht, um Ergebnisse zu liefern.
  2. Der Bluff fliegt auf: Wenn auf die warmen Worte keine Taten folgen – und danach sieht es momentan noch aus –, dann hat Putin genau das bekommen, was er wollte. Er wurde auf der Weltbühne vom US-Präsidenten auf Augenhöhe behandelt, seine Verbrechen wurden für einen Fototermin quasi beiseite gewischt und er konnte sich ohne ein einziges Zugeständnis als vermeintlich verhandlungsbereiter Staatsmann inszenieren. In diesem Szenario hätte Putin Trump öffentlich vorgeführt. Der US-Präsident stünde als naiv und schwach da, als jemand, der sich von einem KGB-geschulten Taktiker hat einwickeln lassen. Putin hätte sich billig rehabilitiert, ohne auch nur einen Millimeter zurückzuweichen.

Die Gespräche mögen „produktiv“ gewesen sein, doch am Ende zählt nur eines: Schweigen die Waffen oder nicht? Bisher sind die vollmundigen Ankündigungen nicht mehr als heiße Luft über dem kalten Alaska. Für die Ukraine ist dieser Gipfel ein Nervenspiel. Für den Rest der Welt ist es die spannende Frage, ob wir Zeugen eines diplomatischen Meisterstücks oder einer peinlichen Farce geworden sind. Noch ist alles offen.

Quelle: Die Analyse basiert auf den Informationen aus dem Liveblog von ZEIT ONLINE zum Ukrainegipfel in Alaska, Stand: 16. August 2025, 01:16 Uhr.


Entdecke mehr von god.fish

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.


Kommentare

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von god.fish

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen