System-Aministratoren schätzen es: Jesus saves

Manfred Schmidt war Systemadministrator mit Leib und Seele, was bedeutete, dass er zu 90 % aus Koffein und zu 10 % aus purer Verzweiflung über die Ignoranz seiner Mitmenschen bestand. Sein persönlicher Endgegner war nicht etwa ein Hackerangriff oder ein Server-Crash, sondern die schlichte, unerschütterliche Weigerung seiner Kollegen, regelmäßig ihre Daten zu sichern. Er hatte alles versucht: eindringliche E-Mails, Pop-up-Erinnerungen, die Androhung von öffentlicher Beschämung und sogar selbst gebackene Mitleids-Muffins. Nichts half.

An einem dieser besonders zermürbenden Dienstage schleppte sich Manfred nach Hause. Sein Blick war leer, sein Geist umkreiste die Schreckensvision einer Festplatten-Apokalypse, die seine Firma in die digitale Steinzeit zurückwerfen würde. Als er gedankenverloren an einem öffentlichen Mülleimer vorbeischlurfte, blieb sein Blick an einem kleinen, leuchtend roten Aufkleber hängen. In schlichten, aber bestimmten Buchstaben stand dort: „Jesus saves“.

Manfred blinzelte. „Jesus?“, murmelte er. Den Namen hatte er irgendwo schon mal gehört. Wahrscheinlich ein neuer Hipster-Guru aus Kalifornien oder vielleicht ein aufstrebender Tech-Influencer. Aber der Nachname war ihm egal. Was zählte, war das zweite Wort: savesSichert. Speichert ab.

Ein Lächeln breitete sich auf Manfreds Gesicht aus, das erste ehrliche Lächeln seit dem letzten erfolgreichen Server-Patch. „Endlich!„, dachte er. „Endlich einer, der es verstanden hat!“ Dieser Jesus, wer auch immer er war, hatte die wichtigste Regel der digitalen Zivilisation verinnerlicht. Er war ein Vorbild. Ein Leuchtfeuer der Vernunft in einem Ozean der Daten-Anarchie.

Manfred zückte sein Smartphone und machte ein Foto. Dies war die göttliche Intervention, auf die er gewartet hatte.

Am nächsten Tag schlug seine Stunde. Er startete eine firmeninterne Kampagne, die in die Annalen der Bürogeschichte eingehen sollte. Überall hingen plötzlich Plakate mit dem Foto des Mülleimer-Aufklebers und der fettgedruckten Überschrift:

„SEID WIE JESUS! SICHERT EURE DATEN!“

Eine Rundmail an die gesamte Belegschaft folgte, mit dem Betreff: „Wenn sogar ein gewisser Jesus seine Daten sichert, was ist deine Ausrede?“ In der Kaffeeküche platzierte er einen Aufsteller: „Jesus macht Backups. Du auch?

Die Reaktion war… unerwartet. Die Kollegen lachten, schüttelten die Köpfe über den „schrulligen Admin-Manfred“, aber die Botschaft setzte sich fest. Die Absurdität der Kampagne war so genial, dass sie funktionierte. Die Leute sprachen darüber. „Hast du schon dein Jesus-Backup gemacht?“, wurde zum geflügelten Wort im Flurfunk. Und tatsächlich: Die Rate der durchgeführten Datensicherungen stieg um sagenhafte 70 Prozent. Manfred war im siebten Himmel, dem Himmel der redundanten Speichersysteme.

Doch einige Wochen später, auf dem Höhepunkt seines Triumphs, fühlte sich Manfred seltsam leer. Der Erfolg war da, aber die innere Zufriedenheit blieb aus. In dieser Nacht hatte er einen Traum.

Er fand sich in einem riesigen, strahlend weißen Raum wieder, der an ein makelloses Rechenzentrum erinnerte, dessen Server aus sanft leuchtenden Wolken zu bestehen schienen. Vor ihm stand eine Gestalt in einem schlichten Gewand, die eine unerklärliche Ruhe ausstrahlte.

„Bist du das?“, fragte Manfred ehrfürchtig. „Jesus? Der von dem Aufkleber?“

Die Gestalt lächelte gütig. „Ich bin es.“

Manfreds Admin-Herz schlug höher. „Ich muss dich das einfach fragen! Deine Backup-Strategie muss genial sein! Fährst du eine 3-2-1-Regel? Inkrementell oder differentiell? Und welche Cloud-Lösung nutzt du? Sicherlich eine mit georedundanter Speicherung, oder?“

Jesus legte ihm eine Hand auf die Schulter. Sein Blick war voller Wärme und einem Hauch von amüsierter Nachsicht. „Manfred“, sagte er sanft. „Du hast etwas Wichtiges verstanden, aber auch das Wichtigste übersehen.“

„Was meinst du?“, fragte Manfred verwirrt.

„Ich sichere keine Daten auf Festplatten“, erklärte die Gestalt. „Ich sichere Seelen. Das, wofür du unbewusst Werbung gemacht hast, ist keine Rettung vor Datenverlust, sondern die Rettung vor Hoffnungslosigkeit, Angst und Verlorenheit. Du hast die Menschen daran erinnert, etwas zu sichern, das unendlich wertvoller ist als jede Datei.“

Manfred erwachte mit einem Ruck. Schweiß stand ihm auf der Stirn. Sein Blick fiel auf das Poster, das er sich selbst über den Schreibtisch gehängt hatte: „SEID WIE JESUS!“. Er verstand. In seinem digitalen Tunnelblick hatte er eine universelle Botschaft auf simple Einsen und Nullen reduziert. Er hatte für das Richtige geworben, aber aus den völlig falschen Gründen.

Er nahm die Kampagne nicht zurück. Aber von diesem Tag an sah er den kleinen roten Aufkleber mit anderen Augen. Er hatte sich so sehr auf die Sicherung von Daten konzentriert, dass er vergessen hatte, dass es im Leben darum geht, sich selbst und den Glauben an etwas Gutes zu sichern. Und zum ersten Mal seit Jahren fühlte sich sein eigenes, inneres System nicht mehr vom Absturz bedroht.


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