
Die Instrumentalisierung Gottes: Das zweite Gebot und die Hetze gegen queere Menschen
Wer Gott als Begründung für Hass und Ausgrenzung missbraucht, trifft damit den eigentlichen Kern des zweiten Gebots. Die biblische Mahnung „Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen“ (Exodus 20,7) verbietet weit mehr als nur ein unbedachtes Fluchen im Alltag. Sie richtet sich direkt gegen den Versuch, das göttliche Ansehen als Waffe für die eigene menschliche Abneigung einzusetzen.
Das Wesen des zweiten Gebots: Maskierter Egoismus
In der biblischen Tradition steht der Name Gottes für seine Gegenwart, seine Heiligkeit und sein unantastbares Wesen. Gott offenbart seinen Namen dem Mose als „Ich bin, der ich bin“ (Exodus 3,14) – als ein Gott, der unverfügbar bleibt und sich niemals in den Dienst menschlicher Machtansprüche stellen lässt.
Martin Luther bringt diese Dimension in seinem Großen Katechismus (1529) auf den Punkt:
„Das heißt Gottes Namen missbraucht, wenn man den heiligen Namen Gottes anzieht, eine Lüge oder Untugend aller Art damit zu beschönigen und zu decken.“ (Martin Luther, Der Große Katechismus, Zum zweiten Gebot)
Wenn Gläubige gegen queere Menschen hetzen und dies mit Bibelzitaten oder dem vermeintlichen Willen Gottes rechtfertigen, tun sie genau das: Sie überziehen ihre persönlichen Vorurteile mit einem heiligen Anstrich. Sie erklären ihren eigenen Ekel oder ihre Unsicherheit zum Gesetz des Schöpfers.
Die theologische Verwechslung: Menschlicher Hass als göttlicher Wille
Der Schweizer Theologe Karl Barth hat in seiner Kirchlichen Dogmatik wiederholt davor gewarnt, dass Menschen versuchen, sich Gottes zu bemächtigen. Für Barth bleibt Gott stets das unverfügbare Gegenüber:
„Gott lässt sich von uns Menschen nicht ins Recht setzen und für unsere eigenen Zwecke in Dienst nehmen. Wo der Mensch Gott für seine Sache vereinnahmt, betreibt er Götzendienst mit sich selbst.“
*(sinngemäß nach Karl Barth, Kirchliche Dogmatik II/Wer den Namen Gottes heranzieht, um Hass, Ausgrenzung oder Feindseligkeit gegen queere Menschen zu rechtfertigen, begeht im Kern eine theologische Täuschung. Das ist nicht bloß eine unfaire Haltung, sondern ein direkter Verstoß gegen das Zweite Gebot: „Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen“ (Exodus 20,7).
Gott ist kein Schutzschild für eigene Vorurteile
Das zweite Gebot verbietet keineswegs nur unbedachtes Fluchen. Es richtet sich in erster Linie dagegen, Gottes Namen für menschliche Machtansprüche, Ängste oder Abneigungen zu kapern. Wer persönliche Abneigungen religiös auflädt, macht Gott zu einer Waffe.
Martin Luther formulierte diese Gefahr im Großen Katechismus (1529) treffend:
„Das heißt nun Gottes Namen missbraucht, wenn man den heiligen Gottesnamen zu einer Lüge oder zu irgendwelchem Unrecht anzieht oder sonst böse Stücke damit schmückt.“
Wer im Namen des Schöpfers gegen dessen eigene Geschöpfe hetzt, betreibt nach Karl Barth eine gefährliche Selbstüberhebung. In seiner Kirchlichen Dogmatik (KD II/1) stellt Barth klar, dass Gott immer der unverfügbare, freie Herr bleibt. Der Mensch darf Gott niemals für seine eigenen Zwecke instrumentalisieren, um persönliche Überlegenheitsgefühle abzusichern.
Der Maßstab der Liebe als Richtschnur
Bereits in der Spätantike formulierte Augustinus von Hippo ein klares Kriterium dafür, wie religiöse Aussagen und Texte überhaupt verstanden werden müssen. In De doctrina christiana (Buch I, 36, 40) hält er fest:
„Wer also meint, die Heilige Schrift oder irgendeinen Teil von ihr so verstanden zu haben, dass er damit nicht jene zweifache Liebe zu Gott und zum Nächsten aufbaut, der hat sie überhaupt noch nicht verstanden.“
Wird Religion dazu benutzt, queere Menschen herabzusetzen oder ihnen ihre Würde abzusprechen, wird genau diese Nächstenliebe zerstört. Das Wirken und die Botschaft Jesu zeichneten sich gerade dadurch aus, Menschen am Rand der Gesellschaft vorbehaltlos zu begegnen und religiöse Gesetzlichkeit zu entlarven, wenn sie das Leben einengte.
Befreiung statt religiöse Einschüchterung
Die Theologin Dorothee Sölle zeigte schonungslos, wie schnell Religion zu einem Werkzeug der Unterdrückung verkommt. In Gott denken (1990) beschreibt sie, was passiert, wenn Menschen Gott für ihre eigene Engstirnigkeit einspannen:
„Ein Gott, der Gehorsam gegenüber menschenfeindlichen Strukturen verlangt, ist nicht der Gott der Befreiung, sondern ein Götze.“
Auch Papst Franziskus warnt im Schreiben Amoris Laetitia (2016, Nr. 250) davor, Menschen wegen ihrer Identität abzuurteilen, und fordert, dass jeder Mensch „in seiner Würde geachtet und mit Respekt aufgenommen werden soll“.
Gott größer denken als menschliche Schablonen
Gott als Deckmantel für Hetze zu benutzen, entwertet das Heilige und verkehrt die christliche Hoffnung in ihr Gegenteil. Wer Gottes Namen ruft, um Menschen kleinzuhalten, spricht in Wahrheit nicht über Gott, sondern über die eigenen Grenzen. Ernsthafte Theologie entlarvt diesen Missbrauch und hält fest: Gottes Name steht für bedingungslose Annahme, Gerechtigkeit und Leben.



Kommentar verfassen