
Einer der Höhepunkte der Deutschlandreise Papst Benedikts XVI. war seine Rede vor dem Deutschen Bundestag am 22. September 2011. Es lohnt sich, sie 15 Jahre danach noch einmal in aller Ruhe durchzugehen und sich außerdem anzuschauen, was andere Kommentatoren zu Form und Inhalt der Ansprache zu sagen hatten.
Was sagten die Medien. Eine kleine kommentierte Umschau
Die Rede ist erfreulich breit rezipiert und dabei grundsätzlich sehr positiv aufgenommen worden. Die meisten Kommentatoren haben die Brisanz der Frage erkannt und Benedikts Anliegen gut verstanden. Einige jedoch zeigen mit ihren Bemerkungen, dass bei ihnen das Gegenteil der Fall ist.
Überraschung! Überraschung?
Sollte man die mediale Reaktion auf die Papstrede im Deutschen Bundestag mit einem Wort beschreiben, dann wäre das wohl „Überraschung“. Keine Deutung findet sich häufiger als die, dass die Rede ungewöhnlich, unerwartet, überraschend gewesen sei. Vor dem Hintergrund der eingangs erwähnten Erwartungshaltung mag das nachvollziehbar sein, letztlich zeigt es jedoch – auch das hatte ich oben schon angedeutet – wie wenig die deutschen Medien Papst und Kirche kennen. Das Ü-Wort ist nämlich im Grunde völlig überflüssig.
Nicht für Thomas Schmidt (Die Welt Online). Er bekam sich vor Begeisterung kaum ein, dass der Papst entgegen allen Prognosen weder eine Philippika gegen den Zeitgeist hält noch eine Sonntagsrede mit Allgemeinplätzen nach Art der Medien-Agenda. Annett Meiritz und Philipp Wittrock (Spiegel Online) schlossen sich an und erheben Benedikt gleich zum „Überraschungsgast“, bei dem „sogar gelacht werden darf“. Corinna Emundts (Tagesschau.de) fand unterdessen das „fraktionsübergreifende Wohlwollen“ bemerkenswert: „Nach all dem Protest im Vorfeld wirkte gerade das überraschend.“ Als überraschend wurden allenthalben insbesondere die Art und der Inhalt der Rede empfunden.
Ü-Klappe, die erste: Der Papst kann denken
„Auch Päpste können vernünftig sein.“, stellte Evelyn Finger (Die Zeit Online) überrascht fest. Das ist geradezu eine publizistische Verneigung (oder vielmehr ein Knicks). Dabei sagt dieses Lob im Grunde mehr über die Vorurteile gegenüber Benedikt, das Papsttum, die Kirche und den christlichen Glauben aus als über Benedikt, das Papsttum, die Kirche und den christlichen Glauben. Ich bin jedenfalls meinerseits immer wieder überrascht, wenn Menschen überrascht sind, dass Katholiken wider Erwarten doch vernünftig denken können, nachdem vor einem dreiviertel Jahrtausend Kirchenlehrer Thomas von Aquin die Vernunft zum Prädikat der menschlichen Antwort auf die Gottesfrage erhob und damit dem Katholizismus die Vernunft als Glaubensprinzip implantierte. Aber gut. Ein halbes Jahrtausend antikatholische Propaganda haben da auch einiges verdunkelt, das muss man ohne Zweifel in Ansatz bringen. Dass aber bei einem ehemaligen Universitätsprofessor und einem der weltweit führenden Intellektuellen immer wieder mit Erstaunen auf Dinge hingewiesen wird, die man sonst jedem Automechaniker zubilligt, verblüfft dann doch. Ich meine, bei Bundesligafussballern wundert sich doch auch keiner, dass sie schon laufen können.
Freilich ist der Verweis darauf, dass auch der Papst mit Vernunft begabt ist, ironisch gemeint, dass man aber überhaupt damit kokettieren kann, ist für sich genommen schon peinlich, da es ja – um als Ironie wider den Zeitgeist erkannt zu werden – tatsächlich in diesem einen ernsten Hintergrund beleuchten muss. Und wer sich die Muße gibt, die Kommentare der Zeit-Leserinnen und -Leser zu Frau Fingers Artikel durchzulesen, merkt schnell, wie gewagt die These, ein Papst könne klar denken, heute ist. Schließlich ist er ein gläubiger Mensch und insoweit qua definitionem irrational. Das ist in den Kommentarboxen mehrheitsfähig (ob es damit wahr, gut und gerecht ist, sei nicht zuletzt im Sinne des oben Gesagten angezweifelt). Und das ist dann – so mag ich unterstellen – nicht ironisch gemeint.
Denn: Jeder Volltrottel darf heute behaupten, religiöse Menschen seien Volltrottel, und darf sich dafür einen virtuellen Orden an die Brust heften. Das ist die informelle Folge des Positivismus‘, die das nicht empirisch Zugängliche nur noch pro forma als Privatansicht zulässt (was weniger mit Toleranz als mit der Unmöglichkeiten zu tun hat, empirisch nicht-signifikante Aussagen per se zu verbieten), sich aber aus der Überlegenheit des als einzig relevant verstandenen wissenschaftsaffinen Diskurses heraus das Recht gibt, über diese Privatansicht ein abschließendes Urteil zu fällen. Wir kennen die Tendenz, sich irritationslos zu erheben und alles empirisch Nicht-Signifikante gleichermaßen der Lächerlichkeit Preis zu geben (handle es sich um Gott oder um ein blau-violettes Einhorn), ganz gleich, was es einem Menschen im Einzelfall bedeutet und welche Bedeutung es für die Kulturgeschichte der Menschheit insgesamt hatte und immer noch hat. Auch das ist Resultat des Positivismus‘ als Universal- und Monopolmethode zur Deutung von Mensch und Welt: die unterschiedslose Rede vom „Wahn“, sowie ein Mensch von Erfahrungsqualitäten affiziert wird, die man im Labor nicht nachstellen kann.
Damit ist der Positivismus und seine Gefahr für die Kultur kein rein akademisches Thema mehr. Dass gläubige Schüler in der DDR vor der ganzen Klasse verspottet wurden, dass Christen in der Sowjetunion in der Psychiatrie landeten, dass bösartige Hetze gegen Menschen, die an Aussagen mit nicht-empirischem Gehalt glauben, heutzutage ein Ausweis besonderer Intelligenz ist – all das ist Folge des positivistischen Paradigmas, von dem die meisten Menschen gar nicht wissen, dass es ihr Denken vollständig durchdrungen hat. Frau Fingers Ironie hat insofern einen bitteren Beigeschmack.
Ü-Klappe, die zweite: Der Papst denkt an den Menschen – und an die Umwelt
Ist das auch vom kritischen Zeitgeist akzeptable Denkvermögen des Papstes auch nicht die größte Überraschung, so ist es dann für viele Interpreten die inhaltliche Akzentuierung der Rede (ökologisch statt ökumenisch), ihre Gattung (philosophische Vorlesung statt pastoraltheologische Vorhaltung) und ihre methodische Ausrichtung (argumentativ statt agitierend). Die Überraschung hinsichtlich Stil und Methode kann ich – wie schon bemerkt – nicht teilen, auch die inhaltliche Überraschung teile ich nur bedingt.
Dass der Papst die Ökologiebewegung lobt, darin liege „eine der Überraschungen der Rede“, fand Sophie Burkhardt (ZDF Heute-Blog) und auch die Redaktion von tagesschau.de sprach in einer ersten Reaktion von einem „überraschenden Lob“ des „fast grünen“ Papstes (Birgit Wentzien, SWR). Doch bei Lichte betrachtet kann dieses Lob nicht wirklich überraschen (und das „fast“ gestrichen werden), denn das Christentum ist mit seiner Schöpfungstheologie die älteste und größte Ökologiebewegung der Welt. Lebensschutz ist ein Grundprinzip christlicher Ethik. Alles Leben gilt es danach zu schützen, das des Zackenbarschs und das des Regenwalds. Und auch das des Menschen. Das war und ist die Position der Kirche und des Papstes, oft auch vorgetragen von katholischen Philosophen und Theologen, von denen man das auch nicht unbedingt erwartet, da sie als „konservativ“ gelten. Robert Spaemann etwa schlägt seit langem die Ausweitung des ethischen Relevanzfelds auf die nichthumane Natur vor, was sich dann so anhört: „Nur wenn der Mensch heute die anthropozentrische Perspektive überschreitet und den Reichtum des Lebendigen als einen Wert an sich zu respektieren lernt, nur in einem wie immer begründeten religiösen Verhältnis zur Natur wird er imstande sein, auf lange Sicht die Basis für eine menschenwürdige Existenz des Menschen zu sichern. Der anthropozentrische Funktionalismus zerstört am Ende den Menschen selbst“.
An diesen Gedanken kommt Benedikt in seiner Rede sehr nahe heran. Diese radikale ökologische Position steht dabei nur scheinbar im Widerspruch zur Haltung der Kirche in Fragen der Abtreibung, der PID und der Sterbehilfe. Es sind schlicht zwei Seiten einer lebensfreundlichen Ethik, mit der Mensch und Natur geschützt werden sollen – „biophile Grundhaltung“ nennt der Theologe Eberhard Schockenhoff das Prinzip, mit dem Humanes und Nicht-Humanes moralisch verbunden wird. Also: Alles nichts dramatisch Neues.
Aber man braucht als Journalist die katholische Gegenwartsphilosophie gar nicht so genau zu kennen, um zu wissen, dass „Ökologie“ für Papst, Vatikan und Kirche kein Fremdwort ist. Ganz abgesehen von klimaneutralen Kirchentagen und dem Umweltengagement der bischöflichen Hilfswerke Adveniat und Misereor, deren Fasten-Aktion 2009 den Folgen des Klimawandels gewidmet war, kann man an vielen Stellen die enge Verzahnung von katholischem Glauben und dem Engagement für die Umwelt bemerken.
Auch in Benedikts Schriften wird man schnell fündig. Im ersten Band seines Jesus von Nazareth-Dreiteilers (2007) beschrieb der Papst ausführlich den ökologischen Jesus. In seiner Enzyklika Caritas in veritate (2009) hat Benedikt die drängenden Fragen der Ökonomie und Ökologie aus der Sicht des Menschen als Abbild Gottes und im Bewusstsein unserer Verantwortung für die Schöpfung beantwortet. In seiner Botschaft zum Weltfriedenstag 2010, die unter dem Leitwort stand: Willst du den Frieden fördern, so bewahre die Schöpfung, heißt es: „Wie könnte man gleichgültig bleiben angesichts von Phänomenen wie dem globalen Klimawandel, der Desertifikation, der Abnahme und dem Verlust der Produktivität von großen landwirtschaftlichen Gebieten, der Verschmutzung von Flüssen und Grundwasser, dem Verlust der Biodiversität, der Zunahme von außergewöhnlichen Naturereignissen und der Abholzung in tropischen Gebieten. Wie könnte man das wachsende Phänomen der sogenannten ,Umweltflüchtlinge’ übergehen: Menschen, die aufgrund der Umweltschäden ihre Wohngebiete – oft auch ihr Hab und Gut – verlassen müssen und danach den Gefahren und der ungewissen Zukunft einer zwangsmäßigen Umsiedlung ausgesetzt sind? Wie könnte man untätig bleiben angesichts der schon bestehenden und der drohenden Konflikte um den Zugang zu den natürlichen Ressourcen?“ Und beim Neujahrsempfang 2010 für das beim Vatikan akkreditierte Diplomatische Corps drückte der Papst seine „große Sorge“ über die „politischen und wirtschaftlichen Widerstände gegenüber dem Kampf gegen die Umweltverschmutzung“ aus, wie sie beim Klimagipfel in Kopenhagen (2009) zutage getreten waren.
Vielleicht mag man denken: „Papier ist geduldig!“ Wie ernst es dem Papst mit der Umwelt ist, zeigen nicht nur seine Verlautbarungen und Reden der letzten Jahre, sondern auch seine Taten: Er ließ eine Solarstromanlage von der Größe eines Fußballfeldes im Vatikan errichten. Jedes Jahr werden damit rund 220 Tonnen Kohlendioxid-Emissionen eingespart. 2008 erhielt der Vatikan dafür den „Europäischen Solarpreis“. Zumindest das hätte man wissen können, um vor allzu großer Überraschung gefeit zu sein. Ergo: Der Papst ist für informierte Menschen längst der „grüne Papst“, zu dem einige ihn jetzt „plötzlich“ machen wollen.
Wirklich überraschend: Medien können auch fair sein
Die – für mich – eigentliche Überraschung ist dann doch, wie fair Medien angesichts der doch deutlich zu Tage tretenden Wissenslücken heute überhaupt noch sein können.
Nicht nur Die Zeit Online und FAZ.net (Georg Paul Hefty: „Der Auftritt eines geborenen Deutschen als Repräsentant eines ausländischen Staates, der in seiner Muttersprache seine Landleute auffordert, ein ,hörendes Herz‘ zu haben, ist ein – um das Mindeste zu sagen – Jahrhundertereignis.“) verneigten sich artig, auch Spiegel Online zog mit: die Autoren Annett Meiritz und Philipp Wittrock sind für dieses Medium ungewöhnlich sachlich in der Darstellung und erfreulich positiv im Urteil. Alexander Kissler (Focus.de) schließlich fand, der Papst „redete im Bundestag als Europäer und Gelehrter, als ,grüner‘ Theologe und urpolitischer Kopf, als Historiker und Philosoph. Keine dieser Rollen ist im Bundestag dauerhaft besetzt. Insofern zeigte die Rede auch, an welchen Talenten und Charismen es dem Hohen Haus mangelt.“
Soweit, so gut. Doch bei einigen Kommentaren verschlägt es einem die Sprache. Eine Frage drängt sich dann auf: Haben wir die gleiche Rede gehört? Verständnisschwierigkeiten an einer ganz zentralen Stelle offenbarten Burkhard Weitz (evangelisch.de) und Heribert Prantl (Süddeutsche Zeitung.de). Dazu am 22. September mehr.
Josef Bordat



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