Der französische Engel

Wir sind heute eine Dreiviertelstunde von Cannes nach Fréjus gefahren. Meine Familie möchte dort auf den Markt gehen. Ich bin herumgefahren und habe versucht, einen Parkplatz zu finden, was völlig unmöglich war. Schon vor zwei Tagen hatte der Drucksensor gemeldet, dass der Reifen vorne links Druck verliert. Ich hatte das an der Tankstelle überprüft und Druck nachgefüllt und war dann irgendwann der Auffassung, dass der Sensor falsch eingestellt gewesen sein müsste. Ich stellte ihn also nach, nachdem ich den richtigen Reifendruck im Reifen hatte.

Und heute dann, als ich hier, eine Dreiviertelstunde von unserer Ferienwohnung entfernt, nach einem Parkplatz suchte, hörte ich plötzlich durch das offene Fenster rechts vorne ein seltsames Geräusch. Ich stieg aus und der Reifen war komplett platt. Ich fuhr quasi auf der Felge. Ich schaffte es nach 300 m bis zu einer Tankstelle, wo ich dann Luft nachpumpte, die mittlerweile aber komplett sofort wieder aus dem Reifen entwich. Und so checkte ich dann ab, was man tun könnte, aber am Sonntag ist es schwierig. Ich war schon dabei, mich nach einem Abschleppdienst umzuschauen, denn wir müssen ja noch eine Dreiviertelstunde zurück. Es klang so, als würde das alles teuer werden. Und so stand ich hier vielleicht eine Dreiviertelstunde am Luftautomaten der Tankstelle.

Und plötzlich fragte mich ein Franzose bezüglich meines Reifens. Wir übersetzten mit Google-Dolmetscher, weil mein Französisch doch ziemlich eingerostet ist – oder zumindest nicht so, dass ich die Fachbegriffe für Reifen und Druckverlust irgendwie jemals gelernt hätte. Und der junge Mann meinte, er könnte das reparieren. Er nahm sich Zeit, obwohl es 29 Grad Celsius ist. Ich fuhr das Auto langsam nach vorne und dann schrittweise wieder nach hinten, mit eingeschlagenem Lenkrad. Wir pumpten die Luft nach und plötzlich merkte er, wo das große Loch war. Dann ging er mit einem Schraubenzieher und einer Abdichtmasse hinein und danach steckte er irgendwie eine Art Gummischlauch hinein, welcher dann dort wohl galvanisierte. Und nun: Der Reifen ist dicht.

Ich werde zwar morgen wohl trotzdem zu einem Reifenhändler fahren müssen und die beiden vorderen Reifen austauschen müssen, denn ich bin ja auf plattem Reifen gefahren. Das dürfte den Reifen ziemlich zerstört haben. Aber trotzdem bin ich sehr froh und dankbar. Wir kommen heute nach Hause. Wir müssen keinen Abschleppwagen rufen, der uns dann zu einem vielleicht völlig überteuerten Reifenservice schleppen würde, von dem wir heute ohnehin auch nicht nach Hause kommen würden. So aber kommen wir nach Hause. Und das alles haben wir einem zu verdanken, der mit offenen Augen und Mitmenschlichkeit an der Tankstelle vorbeikam.

Er ist für mich wie ein Engel. Ein Angelos. Ein Gesandter. Wer mir den wohl gesandt hat? Also ich habe eine Antwort für mich.


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