Sünde: Das große Zerwürfnis mit dem lieben Gott

Mal ganz ehrlich: Wenn wir an Sünde denken, haben wir oft so ein Bild im Kopf von irgendwelchen Verboten, die man nicht einhalten sollte. So nach dem Motto: „Bloß nicht klauen oder lügen, sonst ist das Sünde!“ Aber aus christlicher Sicht ist das Ganze viel tiefer und wichtiger. Sünde ist im Grunde genommen das krasse Gegenteil von dem, was Gott für uns will: Sie ist eine Trennung von ihm. Stell dir vor, du bist super eng mit jemandem befreundet, und plötzlich gibt es einen riesigen Krach – genau das ist Sünde, nur eben mit Gott. Und aus diesem ursprünglichen Bruch entstehen dann all die Dinge, die wir als „Sünde“ bezeichnen, sei es eine fiese Tat, ein gemeiner Gedanke oder eine negative Einstellung. Die Bibel, von den ältesten Geschichten des Sündenfalls bis zu den Erlösungsschriften im Neuen Testament, macht das eindeutig klar: Da ist eine echte Distanz entstanden.

Der alte Augustinus von Hippo, dessen Denken die ganze westliche Welt beeinflusst hat, sah Sünde als ein Abwenden von Gott und ein Hinwenden zu Dingen, die nicht Gott sind. Für ihn war Sünde keine Substanz, kein Ding, das man anfassen kann, sondern eher ein Mangel, ein Verlust der ursprünglichen Harmonie und Gemeinschaft mit unserem Schöpfer. Er hat mal in seinen „Bekenntnissen“ geschrieben:

„Und so bin ich gekommen, mein Gott, dahin, daß ich dich erkennen sollte, meine wahre Freude, und dich zu lieben als das Leben, das die Seele belebt, und dich in meinem Herzen zu besitzen als das Licht, das mein Angesicht erleuchtet.“ (Augustinus, Bekenntnisse X, 20)

Dieses „Abwenden“ macht unsere Seele irgendwie dunkler und lässt uns nicht mehr richtig erkennen, was wirklich gut und wichtig ist.

Die Folgen sind überall spürbar

Die Folgen dieser Trennung sehen wir leider überall. Denk nur an das Kaputte in unserer Welt, an Leid, an Streit und an diese tiefe innere Unruhe, die viele von uns kennen. Martin Luther, der große Reformator, betonte, wie grundlegend verdorben der menschliche Wille nach dem Sündenfall ist. Er meinte, der Mensch kann aus eigener Kraft diese Trennung einfach nicht überwinden. Für ihn war Sünde eine permanente Auflehnung gegen Gottes Autorität, die uns in einen Zustand der Unfreiheit und Sklaverei versetzt. Die Idee, dass wir allein durch Glauben gerechtfertigt werden (sola fide), war seine Antwort auf diese unüberwindbare Kluft, denn sie zeigt: Die Initiative kommt ganz von Gott, der die verlorene Verbindung durch Jesus Christus wiederherstellt.

Der Schweizer Theologe Karl Barth hat im 20. Jahrhundert das Thema Sünde als eine Störung der Beziehung zu Gott aufgegriffen. Für ihn war Sünde nicht nur ein moralisches Vergehen, sondern ein grundsätzliches Infragestellen von Gottes Macht und Güte. Barth betonte, dass Sünde letztendlich eine Weigerung ist, Gottes Gnade anzunehmen, ein „Nein“ zu Gottes „Ja“ in Jesus Christus. Er schrieb in seiner „Kirchlichen Dogmatik“:

„Der Mensch ist Sünder nicht, indem er einen Fehler macht, sondern indem er sich selbst gegen Gott wendet und so in der Schuld steht.“ (Karl Barth, Kirchliche Dogmatik IV/1, 513)

Diese existenzielle Rebellion gegen Gott führt dazu, dass wir uns tief entfremdet fühlen – von uns selbst, von anderen Menschen und von der ganzen Schöpfung.

Die gute Nachricht: Trennung wird überwunden!

Die biblische Geschichte der Erlösung ist die Geschichte, wie diese Trennung überwunden wird. Von den Opfern und Bündnissen im Alten Testament, die schon auf die Wiederherstellung der Gemeinschaft abzielten, bis zur ultimativen Versöhnung durch Jesu Kreuzestod und Auferstehung ist das Ziel immer das Gleiche: die Beziehung zu Gott wiederherzustellen. Jesus Christus selbst wird als der verstanden, der die Brücke über den Abgrund der Sünde schlägt. Sein Menschwerden, sein Leiden und Sterben sind Gottes Antwort auf unsere menschliche Trennung, die uns das Tor zur Versöhnung und zu einem neuen Leben in Gemeinschaft mit Gott öffnet.

In diesem Licht ist die christliche Lehre von der Sünde keine Anklage, kein Fingerzeig, sondern eine Diagnose, die uns den Weg zur Heilung aufzeigt. Sie offenbart, wie tief unsere Not ist, aber auch, wie unendlich groß die Liebe Gottes ist, der nicht ruht, bis die verlorene Gemeinschaft wiederhergestellt ist. Sünde ist Trennung – doch die Botschaft des Evangeliums ist: Diese Trennung hat nicht das letzte Wort!

Was denkst du über diese Perspektive auf die Sünde?


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Kommentare

Ein Kommentar zu „Sünde: Das große Zerwürfnis mit dem lieben Gott“

  1. Das Wesen des Lebens auf der Erde besteht darin, dass es starke Kontraste und Gegensätze bietet. Es bietet das Gute und den Mangel an Gutem. Das Ziel des irdischen Lebens ist es, eine Vielfalt von Erfahrungen zu ermöglichen, damit die Seele ihr göttliches Potenzial ausüben kann und daraus gestärkt hervorgeht. Und so wird es Verbrechen, Sünde und Gewalt geben.

    Wie könnte die göttliche Gerechtigkeit ohne Entschädigung und Vergeltung funktionieren? Soll der Sünder den gleichen geistigen Status haben wie der Heilige? Natürlich nicht. Was auch immer du Gutes tust, du bist der Bessere dafür. Was auch immer du an Falschheit gezeigt hast, du bist schlechter dafür.

    Der Mensch ist es, der sein spirituelles Schicksal bestimmt oder beeinträchtigt. Er ist es, der persönlich verantwortlich ist. Wenn er auf dem Sterbebett Buße tun und dadurch automatisch alle Unvollkommenheiten loswerden würde, die aus begangenen Sünden resultieren, wäre das ein Hohn und eine Verhöhnung.

    Der Mensch ist der Gärtner seiner eigenen Seele. Gott hat ihn mit allem ausgestattet, was notwendig ist, damit sie in Weisheit, Gnade und Schönheit wächst. Die Werkzeuge sind da, er muss sie nur weise und gut gebrauchen.

    Der Große göttliche Geist herrscht über das Materielle und das Geistige. In seinem universellen Reich gibt es keine Trennungen. Mensch versucht, das Leben der Materie vom Leben des Geistes zu trennen. Sie sind nicht verschieden und getrennt. Sie sind Teile des einen unteilbaren Lebens, denn die Dinge des Geistes reagieren auf die Dinge der Materie.

    Ausgerechnet Martin Luther, der ‚große Reformator‘, betonte, wie grundlegend verdorben der menschliche Wille nach dem Sündenfall ist!? Ich fürchte, er hat nie in den Spiegel geschaut und sein eigenes Ich gesehen. Das Unkraut der Falschheit, das von den Kirchen gefördert wird, muss vernichtet werden; all die unsinnigen, abstoßenden und manchmal blasphemischen Lehren, die im Namen der Religion angeboten werden. All das muss ausgerottet werden, denn es verhindert, dass das Leben gelebt wird, wie es sollte. Das ist der zerstörerische Teil, der sündige.

    In einigen Religionen wird gelehrt, dass es für diejenigen, die an bestimmte Lehren und Glaubensbekenntnisse glauben, eine Erlösung gibt. Aber das Überleben hat nichts mit Religion oder mit menschlichen Überzeugungen, Bestrebungen und Hoffnungen zu tun. Überleben ist ein unflexibles Gesetz, das automatisch wirkt.

    Wir werden überleben, denn der Geist kommt auf die Erde, um sich zu entwickeln, zu wachsen, sich zu entfalten und sich auf seine wahre Heimat vorzubereiten, nicht auf die vorübergehende Bleibe, die die Erde bietet. Wir werden dorthin zurückkehren, wo wir begonnen haben, und weiterleben, nachdem wir das verlassen haben, was die Erde zu bieten hat, damit wir unseren Teil im großen universellen Plan beitragen können.

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