Der blinde Fleck unserer Realität

Warum das Bewusstsein nicht in unser aktuelles Weltbild passt

Wir wachen morgens auf, und die Welt ist einfach da. Wir fühlen die Wärme der Bettdecke, schmecken den Kaffee, sehen das Licht des Tages, ärgern uns über eine E-Mail oder freuen uns auf ein Wiedersehen. Diese Gesamtheit des Erlebens, dieses innere Leuchten, nennen wir Bewusstsein. Es ist das Intimste, das Sicherste, das wir besitzen. Und doch stellt es die größte denkbare Provokation für unser modernes, wissenschaftlich geprägtes Weltbild dar. Die unbequeme Wahrheit ist: Das Fundament unserer Existenz passt nicht in das Gebäude unserer Erklärungen. Und das Erstaunlichste ist, wie wenige Menschen dieser Riss im Fundament unserer Wirklichkeit wirklich beunruhigt.

Das vorherrschende Paradigma unserer Zeit ist der Materialismus oder Physikalismus. Es besagt im Kern, dass alles, was existiert, aus Materie und Energie besteht und den Gesetzen der Physik folgt. Das Universum ist eine gigantische, kausale Maschine, und unser Gehirn ist eine unfassbar komplexe, aber letztlich ebenso mechanische Teilmaschine darin. In diesem Weltbild ist Bewusstsein nichts weiter als ein Nebenprodukt neuronaler Aktivität. Der renommierte Hirnforscher Gerhard Roth formulierte es prägnant: „Geist und Bewusstsein sind nicht vom Himmel gefallen, sondern haben sich in der Evolution als nützliche Überlebensstrategien herausgebildet. Sie sind natürliche Prozesse und beruhen auf Gehirnfunktionen.“

Aus dieser Perspektive wird das „Ich“, das fühlt und denkt, zu einer Art nützlicher Ich-Illusion, die das Gehirn konstruiert, um den Organismus besser steuern zu können. Wir sind, so gesehen, biochemische Roboter, die dem Eindruck unterliegen, sie hätten einen inneren Piloten. Das Problem an dieser Erklärung ist nur: Sie erklärt alles – außer dem wichtigsten Teil. Sie erklärt die Funktion, aber nicht das subjektive Erleben.

Hier betritt die Philosophie die Bühne und legt den Finger in die Wunde. Der Philosoph David Chalmers prägte dafür den berühmten Begriff des harten Problems des Bewusstseins (the hard problem of consciousness). Er argumentiert, dass wissenschaftliche Erklärungen zwar die „einfachen Probleme“ lösen können – wie das Gehirn Informationen verarbeitet, Reize unterscheidet oder Verhalten steuert –, aber sie versagen bei der entscheidenden Frage: Warum fühlt es sich überhaupt nach etwas an? Chalmers stellt die alles entscheidende Frage: „Warum wird die Verarbeitung von Informationen nicht ‚im Dunkeln‘ erledigt, ohne jedes gefühlte Erleben?“

Diese Kluft zwischen der objektiven, von außen beobachtbaren Gehirnaktivität und der subjektiven, inneren Erlebnisqualität ist unüberbrückbar. Der Philosoph Thomas Nagel fasste dieses Dilemma in seinem berühmten Aufsatz „Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?“ zusammen. Wir können alles über die neurobiologischen Prozesse einer Fledermaus wissen – wie ihr Sonar funktioniert, wie ihr Gehirn die Echos verarbeitet. Aber wir werden niemals wissen, wie es sich für die Fledermaus anfühlt, eine Fledermaus zu sein. Diese Erste-Person-Perspektive ist für die Dritte-Person-Perspektive der Wissenschaft prinzipiell unzugänglich.

Damit stehen wir vor einem fundamentalen Paradox: Die Naturwissenschaft, deren Methode auf der Objektivierbarkeit von Phänomenen beruht, stößt an ihre Grenze bei dem einzigen Phänomen, dessen Existenz wir uns absolut sicher sein können. Schon René Descartes formulierte im 17. Jahrhundert den Grundpfeiler aller Gewissheit: „Cogito, ergo sum“ – „Ich denke, also bin ich.“ Er stellte das Bewusstsein an den Anfang allen Wissens, nicht an das Ende einer Kette physikalischer Prozesse.

Während die moderne Wissenschaft hier in Erklärungsnot gerät, haben Theologie und Mystik seit jeher eine andere Perspektive eingenommen. Sie haben das Bewusstsein – oder die Seele – nie als Produkt der Materie betrachtet, sondern als deren Voraussetzung oder als eine eigenständige Realität. Für sie ist der Geist nicht etwas, das aus dem Gehirn aufsteigt, sondern etwas, das sich durch das Gehirn manifestiert. Der mittelalterliche Theologe und Mystiker Meister Eckhart sprach vom „Seelenfünklein“, einem unzerstörbaren, göttlichen Kern im Innersten des Menschen. Er sagte: „In der Seele ist ein Fünklein, das ist ungeschaffen und unerschaffbar. […] Es ist göttlich und einfach.“ Diese Sichtweise dreht die materialistische Perspektive um: Nicht die Materie erzeugt den Geist, sondern ein fundamentaler Geist (oder ein göttliches Bewusstsein) ist die Grundlage, auf der die materielle Welt überhaupt erst erscheint.

Warum aber bemerken so wenige diesen fundamentalen Widerspruch in unserem Weltbild?

  1. Der pragmatische Erfolg: Das materialistische Modell ist unfassbar erfolgreich. Es ermöglicht uns, Computer zu bauen, Krankheiten zu heilen und zum Mond zu fliegen. Für die Bewältigung unseres Alltags ist die Annahme, die Welt bestehe aus berechenbaren Objekten, vollkommen ausreichend. Wir sind so von den Früchten dieses Weltbildes geblendet, dass wir seine Risse übersehen.
  2. Die Illusion des Verstehens: Wir benutzen das Wort „Bewusstsein“ so selbstverständlich, dass wir glauben, wir wüssten, was es ist. Die vereinfachende Erklärung „Das Gehirn macht das halt“ ist für die meisten Menschen eine befriedigende Antwort, die kein weiteres Nachdenken erfordert.
  3. Die Angst vor den Konsequenzen: Würden wir die Eigenständigkeit des Bewusstseins ernst nehmen, bräche unser gesamtes Weltbild zusammen. Fragen nach dem freien Willen, dem Sinn des Lebens und der Möglichkeit eines Fortbestehens nach dem Tod würden mit neuer Wucht auf uns zukommen. Es ist bequemer, am Glauben an die berechenbare Maschine festzuhalten, als sich der tiefen metaphysischen Unsicherheit zu stellen.

Vielleicht ist es an der Zeit, die Worte des Physik-Nobelpreisträgers Max Planck ernster zu nehmen, der einst sagte: „Ich betrachte die Materie als einen Abkömmling des Bewusstseins. Wir können nicht hinter das Bewusstsein kommen. Alles, worüber wir reden, alles, was wir als existierend ansehen, postuliert Bewusstsein.“

Wir stehen möglicherweise an der Schwelle zu einer Revolution unseres Denkens, die so tiefgreifend sein könnte wie die kopernikanische Wende. Die Erkenntnis, dass das Bewusstsein nicht nur ein seltsames Anhängsel der materiellen Welt ist, sondern möglicherweise ihre Grundlage, könnte alles verändern. Der blinde Fleck unserer Realität ist nicht irgendein kleines, ungelöstes Rätsel am Rande der Wissenschaft. Es ist das Zentrum. Und es starrt uns direkt an.


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